Klimawandel und Preisgestaltung: Täuschung, Tricks und Diebstahl

Der Klimawandel sorgt für steigende Preise bei Kakao, Kaffee, Haselnüssen und vielen anderen leckeren Sachen. Marketingprofis lassen sich deshalb eine Menge einfallen. Verbrecher auch.
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Vera Hermes schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie ist überzeugt, dass Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Haltung die drei großen Treiber der Branche sind. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Sie arbeiten im Marketing von Ritter Sport, Zentis, Ferrero oder Lindt? Bei Jacobs, Tchibo, Dallmayr oder Melitta? Dann haben Sie wahrscheinlich schon von diesem ziemlich hässlichen neuen Wort gehört: Climateflation. Es beschreibt den Preisanstieg, der vom Klimawandel verursacht wird. Wenn Sie also in den vergangenen Wochen von der „Haselnusskrise“, dem „Schoko-Schock“ oder Klagen über sehr teuren Kaffee gehört haben, dann verbirgt sich dahinter eben diese Climateflation.  

Aktuellstes Beispiel sind Haselnüsse. Die Türkei ist für rund 70 Prozent der globalen Produktion verantwortlich. Gut ein Drittel der Ernte dürften in diesem Jahr ausfallen, weil es im April noch Spätfröste gab. Das hat Folgen für den Weltmarkt. Genau wie die Preisexplosion beim Kakao. Extreme Regenfälle und Pilzerkrankungen wie die „Black Pod Disease“ führten zu Missernten in den Hauptanbaugebieten Westafrikas.

Wie das Marketing auf Climateflation reagiert 

Interessant ist, wie Marketingabteilungen auf steigende Rohstoffpreise reagieren. Da kommt schon das nächste hässliche Wort ins Spiel: Shrinkflation, wohinter sich nichts anderes als vorsätzliche Verbrauchertäuschung verbirgt. Preisgekrönte Shrinkflation betreibt zum Beispiel Mondelez mit ihrer Marke Milka.  
 
Die Tafel wiegt jetzt nur noch 90 statt 100 Gramm. Zugleich stieg der Preis auf nun stolze 1,99 Euro. Das ist, halten Sie sich fest, eine Preiserhöhung um 48 Prozent. Dafür erhielt Milka den Goldenen Windbeutel 2025 für die dreisteste Werbelüge des Jahres von Foodwatch und sogar eine Schlagzeile in The Times: „Cadbury owner’s shrinking chocolate is Germany’s biggest rip-off.“ 
 
Shrinkflation funktioniert aber auch etwas subtiler. Zum Beispiel, wenn die Packung Original Schoko Hafer-Müsli“ von Kölln 200 Gramm weniger enthält als noch im September 2024. Oder – einer meiner Favoriten, wegen der Hammer-Begründung – wenn die „Vilsa Leichte Bio-Limo Blaubeere“ statt in 0,75 nun in 0,5 Liter-Flaschen angeboten wird. Zudem wird es 39,2 Prozent teurer.  
 
Warum? Das Unternehmen argumentiert erst mit gestiegenen Rohstoff- und Herstellungskosten und zuvörderst so: „Eine kleinere Portionsgröße unterstützt den moderaten Konsum, insbesondere bei zuckerreduzierten Getränken, und passt somit zu einem gesundheitsbewussteren Lebensstil.“ Haha. Allen Zynikern unter Ihnen empfehle ich hier wärmstens die Mogelpackungsliste der Verbraucherzentrale Hamburg. 

Ist alles gar nicht lustig.

Aber natürlich ist das alles gar nicht lustig. Dass Kaffee, Kakao, Haselnüsse, Weizen oder Olivenöl so viel teurer sind als noch vor wenigen Jahren, liegt an Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und Spätfrösten. Überschwemmungen in Häfen oder sinkende Pegelstände von Flüssen behindern Transportwege. Dies führt zu Versorgungsengpässen.  
 
Unternehmen müssen mehr für Gebäude-, Transport- und Ernteversicherungen zahlen. Letztlich verteuern auch Investitionen in eine klimaresiliente Infrastruktur oder entsprechende Schutzmaßnahmen die Produktion.  

Vergangene Woche flatterte die Schilf-Glasflügelzikade durch die Schlagzeilen. Sie fühlt sich aufgrund des Klimawandels neuerdings auch in Deutschland wohl. Dies könnte erhebliche Ernteverluste bei Zuckerrüben, Kartoffeln, Karotten, Rote Beete, Zwiebeln und anderen Gemüsesorten verursachen.  

Kaffee wird zu Diebesgut 

Nochmal eine kurze Schleife zum enorm gestiegenen Kaffeepreis (auch ein klassischer Climateflation-Fall: Ursache dafür sind neben erhöhter Nachfrage vor allem Dürren und Überschwemmungen. Diese treten in wichtigen Kaffeeanbaugebieten wie Brasilien und Vietnam auf). Die kostbaren Bohnen locken mittlerweile sogar Verbrecher: Laut BZ präsentieren einige Berliner Supermärkte Kaffeeprodukte nur noch in abgeschlossenen Glasvitrinen an.
 
Der Grund: Organisierte Banden haben sich auf Kaffee-Klau im großen Stil spezialisiert. Anfang der Woche meldete die dpa solche Kaffee-Diebstähle aus Supermärkten in Passau und Umgebung.

Ob das jemals auch mit Roter Beete geschieht? Schwer zu sagen. An die Climateflation jedenfalls werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Schön wäre, wenn die Menschen in den Marketingabteilungen offen damit umgingen, statt zu täuschen und zu tricksen. 

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“