Human first: Ohne Menschen keine Story 

Warum die Werbebranche im Angesicht umfassender technologischer Veränderungen durch vermeintlich allwissende Maschinen ihre Kernkompetenz „Empathie“ zurückgewinnen muss. Unser Gastautor Max Lederer blickt dafür mehr als 100 Jahre zurück. 
Human first: Header Max Lederer
Max Lederer ist Chief Innovation Officer bei Jung von Matt. Seine Leidenschaft gilt dem Einsatz neuer Technologien, um Marken im Kampf um Aufmerksamkeit bestmöglich zu positionieren – sei es durch Games im Metaverse oder eine eigene Marken-KI.  (© Jung von Matt, Montage: Marcus Weyerke)

„Truth well told.“  

Diesen wohl berühmtesten Claim einer Werbeagentur schrieb McCann vor über 100 Jahren. Zu einer Zeit, in der es bis auf analoge Volkszählungen wahrscheinlich keine Datenerhebungen gab. Nach dieser „Truth“ – dem berühmten „Human Insight“ – mussten Kreative und Planer (Strateg*innen gab es vermutlich noch nicht) aufwendig in der echten Welt suchen, um sie dann als Werbebotschaft kreativ zu erzählen und damit Wirkung zu entfalten.  

Mit der Digitalisierung hat sich das alles geändert. Nicht nur die Anzahl der Mediakanäle ist explodiert. Die plötzliche Verfügbarkeit digitaler Spuren im Netz führte auch zu einer wahren Daten-Hysterie. Denn die „Wahrheit“ über Konsument*innen konnte fortan vermeintlich genau aus den Dashboards und Analytics-Tools der Mediaanbieter gefunden und in „Google Trends“ sogar in die Zukunft prognostiziert werden. Über 13 Milliarden Mal am Tag vertrauen Menschen der Suchmaschine, und Marken geben aktuell weltweit über 40 Prozent ihrer digitalen Werbespendings aus, um in den Suchergebnissen aufzutauchen. 

Das Ende der Daten-Evidenz 

Doch die vermeintliche Präzision der Datenwelt erweist sich zunehmend als trügerische Illusion. Mitte 2024 besteht bereits 51 Prozent des Internet-Traffics aus Bots – eine unheimliche Armee digitaler Schein-Nutzer*innen, die Mediaspendings verschwendet und „Wahrheiten“ über Zielgruppen in reines Rauschen verwandelt. Gleichzeitig verschiebt sich die Suche nach Informationen und Kaufentscheidungen weg von klassischen Suchmaschinen hin zu Conversational Interfaces wie ChatGPT, das die Schallmauer von einer Milliarde täglicher Suchanfragen 5,5-mal schneller als Google durchbrochen hat.  

Warum? Weil Nutzer*innen keine Listen mit Links wollen, sondern direkte Antworten – zugeschnitten, persönlich, scheinbar vertrauenswürdig. 

Diese Entwicklung stellt die Werbebranche vor ein Paradox: Je mehr „intelligente“ Systeme unsere digitale Umwelt bevölkern, desto weniger spiegeln die verfügbaren Daten tatsächliches menschliches Verhalten wider. KI-generierte Inhalte verzerren Klickströme, Bot-Traffic manipuliert Reichweiten-Kennzahlen und Conversational AI filtert Informationsbedürfnisse durch undurchsichtige Algorithmen. Die Folge: Wer in Zukunft auf reine Datenanalyse setzt, baut sein Marketing auf einer gigantischen Halluzination auf – daran werden auch relevante Maßnahmen wie der neue Heilsbringer GEO (Generative Engine Optimization) nichts grundsätzlich ändern können. 

Back to the Roots: Human Insight reloaded 

Die Lösung? Eine Rückbesinnung auf McCanns ursprüngliche Philosophie – aber mit den Werkzeugen von morgen. Statt sich in Dashboards zu verlieren, müssen Werbetreibende wieder dorthin gehen, wo echte Insights entstehen: in die reale Welt. 

  • Behavioral Design Sprints statt monatelanger Feldforschung: Gezielte Live-Experimente im realen Kontext (zum Beispiel Pop-up-Interaktionen im Handel), die unbewusste Entscheidungsmuster aufdecken – schnell, kosteneffizient und mit direktem kreativem Transfer. 
  • Tiefeninterviews statt Sentiment-Analyse: Welche unausgesprochenen Bedürfnisse treiben Entscheidungen an? 
  • Kulturelle Decodierung statt Social Listening: Welche Codes und Narrative wirken unterhalb der digitalen Oberfläche? 

Erst diese menschliche Ebene liefert den kontextuellen Klebstoff, der aus fragmentierten Daten eine echte Story macht. 

Die neue Rolle der Agenturen: Human-first-Strategien in einem KI-Zeitalter 

Die Automatisierung von Kampagnen durch KI ist unaufhaltsam – doch genau darin liegt die Chance für die Branche. Denn während Algorithmen Touchpoints optimieren können, bleiben sie blind für das, was Werbung wirklich wirksam macht: kulturelle Relevanz, emotionale Resonanz, unerwartete Wahrhaftigkeit.  

Die Agentur der Zukunft wird daher keine Datenpipeline verwalten, sondern muss Übersetzerin zwischen Mensch und Maschine sein. „Truth well told“ war nie wichtiger als heute. Nur dass die Wahrheit jetzt nicht mehr in den Daten liegt, sondern „trotz“ ihnen gefunden werden muss.