Herausforderung Bioökonomie

Der Umstieg von fossilen auf biobasierte Rohstoffe birgt ein Innovationspotenzial, das immer mehr Pionierunternehmen zu nutzen wissen. Die Politik hinkt leider gelegentlich hinterher.
Bei der Bioökonomie sollen biologische Ressourcen genutzt und mit neuen Technologien verknüpft werden, um die Wirtschaft kreislaufgerecht umzubauen. ©Unsplash/Hoach le Dinh

Manche Entscheidungen wirken wie aus der Zeit gefallen. Vergangene Woche hat das Europäische Parlament dem Vorschlag der EU-Kommission zugestimmt, Atomkraft und Erdgas als nachhaltig zu deklarieren. In Deutschland war das Echo überwiegend negativ, Österreich will gegen den Beschluss sogar klagen. 

Politisch mag man dazu stehen, wie man will – aus Marketingsicht ist es schlicht unprofessionell, ein gerade eingeführtes Klassifizierungssystem für Nachhaltigkeit (die sogenannte Taxonomie) so zu diskreditieren, dass ein großer Teil der Konsument*innen es von vornherein für unglaubwürdig hält. Schließlich ist die Taxonomie Teil eines ambitionierten Aktionsplans, um nachhaltige Finanzierungen zu fördern. Die Kolleg*innen im grünen Fondsmarketing wird das noch vor Herausforderungen stellen.  

Neue Geschäftsmodelle in Vorbereitung 

Ganz und gar auf der Höhe der Zeit sind hingegen mal wieder die Schwaben: In Stuttgart wird zur Stunde die Studie „Bioökonomie – Ist die Wirtschaft bereit für den Wandel?“ vorgestellt. Auftraggeber ist die örtliche IHK, rund 900 Unternehmen haben daran teilgenommen. Worum geht es bei Bioökonomie? Abstrakt formuliert: Biologische Ressourcen sollen genutzt und mit neuen Technologien verknüpft werden, um die Wirtschaft kreislaufgerecht umzubauen. Konkret geht es um Kohlenstoff aus Biomasse, Öle und Bindemittel aus Orangenschalen, solche Sachen. Wer mehr darüber wissen möchte, kann in diese Podcasts hineinhören, die verdeutlichen, wie viel Potenzial es für Geschäftsmodelle gibt. 

Es gibt übrigens auch eine Nationale Bioökonomiestrategie in der Zuständigkeit des Landwirtschaftsministeriums. Nie davon gehört? Könnte daran liegen, dass in dem 68 Seiten starken Papier nicht ein einziges Mal das Wort Marketing auftaucht. Ohnehin bleibt das Ganze etwas, äh, wolkig. Vielleicht ändert sich das noch. Schließlich ist es noch nicht so lange her, dass der Grüne Cem Özdemir die CDU-Frau Julia Klöckner an der Spitze des Ministeriums abgelöst hat. 

Plastikverwender unter Rechtfertigungsdruck 

Hersteller, die keine biobasierten Werkstoffe einsetzen, sondern Plastik, geraten bereits unter Rechtsfertigungsdruck. Das finnische Start-up Repack, das ein Mehrwegsystem für Versandtaschen entwickelt hat, verteidigte in seinem Newsletter unlängst die Materialauswahl: „Angefangen haben wir mit faltbarer Kartonage, aber sie war ungeeignet für Re-Use.“. Danach habe man mit recycelten Werbetafeln experimentiert. Deren Design sei so attraktiv gewesen, dass die Endkunden die Versandtaschen nicht mehr herausrückten – „unsere Recycling-Quote fiel auf ein unakzeptables Niveau“. Nun also Polypropylen, das aus Konsumentenabfall gewonnen und von Versandhändlern bis zu 20-mal wiederverwendet wird. Aber bei einigen Konsument*innen schrillt trotzdem der Plastik-Alarm. 

Die Welt wird für Marketer also nicht einfacher. Wen wundert es, dass Vereinigungen Zulauf haben, die Orientierung bieten: Die Zahl der Mitgliedsunternehmen im Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft hat sich in den vergangenen vier Jahren glatt verdoppelt. Die Organisation, die früher UnternehmensGrün hieß, feiert dieses Jahr übrigens ihren 30. Geburtstag. „Bei der Gründung waren wir noch die Exoten“, sagt Gottfried Härle, Inhaber der Brauerei Härle aus Leutkirch im Allgäu und Mitglied der ersten Stunde. Heute zählen so reputationsstarke Unternehmen dazu wie Hipp, Werner & Mertz (Marke Frosch) und Vaude. Oder auch Weleda aus Schwäbisch Gmünd, eine Zweigniederlassung des Schweizer Unternehmens. Dessen Nachhaltigkeitsstrategie erläutert Regionaldirektorin DACH Nadja Holland im aktuellen Podcast-Interview mit der absatzwirtschaft

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick! 

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