Politiker sind Marken, jedenfalls dann, wenn sie ihren Job erfüllen. Die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bringt dafür gute Voraussetzungen mit. Zwar muss sie noch aufholen, was ihre Bekanntheit angeht – ihre Berufung war für viele eine Überraschung. Dafür ist sie beim Markenkern klar positioniert: Energiepolitik. Da hat die studierte Chemikerin in den vergangenen Jahren viel Expertise aufgebaut.
Jetzt wird darüber spekuliert, wie Reiche als Behördenchefin agieren wird. Das Magazin “Cleanthinking” bezweifelt angesichts ihrer „Vergangenheit als Kernkraft-Befürworterin“ und ihrer „Nähe zur Energiewirtschaft“, dass sie erneuerbare Energien mit der gleichen Verve vorantreiben wird wie ihr Vorgänger Robert Habeck.
Schauen wir doch mal, was Reiche selber geschrieben hat. In einem Gastbeitrag für “The European” bekannte sie sich klar zum Ziel Klimaneutralität – „ambitioniert, aber erreichbar“. Und forderte den zügigen Aufbau einer Wasserstoff-Infrastruktur, damit auch der Industrie die Dekarbonisierung gelinge. Klingt nicht so viel anders als Habeck? Nun ja. Auch in seiner Amtszeit war Reiche Vorsitzende des Nationalen Wasserstoffrats der Bundesregierung.
Was das im Wahlkampf noch heftig diskutierte Thema Atomkraft angeht: Es ist vorbei. Im Koalitionsvertrag tauchen Begriffe wie Atomkraft oder Kernkraft kein einziges Mal auf, schon gar nicht ist von einem Wiedereinstieg die Rede. Heißt: Der Ausstieg ist Fakt. Reiches Markenkern dürfte sich auch hier als vorteilhaft erweisen: Eine ideologisch unverdächtige Expertin kann die Botschaft besser verkaufen als ein grüner Minister.
Stromausfälle durch erneuerbare Energien?
Politik spielt ja gern mit Ängsten. Die Stromausfälle in Spanien und Portugal riefen umgehend Scharfmacher auf den Plan, die dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien die Schuld gaben. Auch der neue Bundeskanzler Friedrich Merz hat in der Vergangenheit schon mal das Schreckensszenario eines Blackouts beschworen. Claudia Kemfert, ausgewiesene Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, stellt in ihrem aktuellen Wochenbericht unmissverständlich klar: „Steigende Anteile erneuerbarer Energien führen zwar zu mehr Schwankungen im Netz, aber nicht automatisch zu Blackouts.“ Schon gar nicht in Deutschland mit seinem gut abgesicherten Netz. Sonst wären wohl schon längst auch hierzulande gelegentlich die Lichter ausgegangen. Immerhin wurden im vergangenen Jahr knapp 63 Prozent des Stroms nachhaltig produziert. Bis 2030 soll der Anteil auf 80 Prozent steigen. Wer ist schon weiter? Kein Witz: Albanien.
Energiesparen bleibt wichtig – aber Online-Werbung frisst Strom
Ein Freibrief für ungehemmten Verbrauch ist freilich auch Ökostrom nicht. Je größer der Strombedarf, desto schwieriger, ihn durch Zuwächse bei den erneuerbaren Energien zu decken und aus fossilen Energieträgern auszusteigen. So ist das Ziel der CO2-Neutralität nicht zu erreichen.
Energiesparen bleibt also ein Gebot der Stunde. Da muss sich die Branche auch an die eigene Nase fassen, wie „Mr. Media“ Thomas Koch im Gastbeitrag für die absatzwirtschaft schrieb: „Die AdTech-Giganten steigern ihren Stromverbrauch – insbesondere durch Einsatz von KI – ins Unermessliche.“ Koch fordert Alternativen. Angesichts der Allgegenwart von Online-Werbung keine leichte Aufgabe.
Nachhaltigkeitsbilanz des OMR Festivals
Was sagt eigentlich das OMR Festival dazu, diese Ursuppe für Trends in der Marketingbranche? Äh, nicht viel. Beim Thema Online-Werbung ging es eher um Content-Erstellung, Pricing-Strategien, Kuration über alle Kanäle. Dabei kann man den Veranstaltern nicht vorwerfen, auf dem grünen Auge blind zu sein. Das Konferenzprogramm warf zum Stichwort Diversity & Sustainability immerhin 14 Vorträge aus (zum Vergleich: beim Top-Thema Künstliche Intelligenz waren es 32).
Das Eventkonzept ist vorbildlich, mit einer Mehrwertquote von 100 Prozent, dem Angebot vergünstigter Bahntickets und überwiegend fleischfreier Verpflegung. Einen ESG-Bericht gibt es auch. Und der Strom? Kommt von der Hamburg Messe, die ihrerseits komplett auf erneuerbare Energiequellen setzt. Was kein Grund für Verschwendung ist – aber das hatten wir ja schon.
Shit2Power: Klärschlamm als Energieträger
Lieber noch schnell ein Hinweis auf einen Energieträger, dessen unerwartetes Potenzial bislang ungenutzt bleibt: Klärschlamm. Der taugt offenbar als Biomasse: Ein Berliner Start-up mit dem bezeichnenden Namen Shit2Power hat ein Verfahren entwickelt, das den Schlamm trocknet und thermochemisch in Gas und Asche spaltet. Das bringe nicht nur saubere Energie, sondern entsorge den Klärschlamm auch weit umweltfreundlicher als bei der konventionellen Verbrennung, sagen die Gründer. Eine Pilotanlage läuft bereits.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!

