Disney: Zwischen Traumfabrik und Kulturkampf 

Disney war einst der Inbegriff emotionaler Markenführung. Heute wirkt die Traumfabrik strategisch zerrissen. Was der Absturz der Ikone über Purpose, Identität und Strategie verrät.
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Früher stand die Marke Disney für etwas Größeres als nur Unterhaltung: für Kindheitserinnerungen und Heldenreisen. Heute wirkt genau dieses Markengefüge brüchig. (© Disney, Shutterstock, Montage: Lars Deutsch)

Im Jahr 2025 steht die Marke Disney an einem kritischen Punkt. Das Vertrauen der Zielgruppen bröckelt, der kulturelle Stellenwert sinkt, die einst klare Markenidentität wirkt diffus und widersprüchlich.  

Walt Disney stand einst für magische Geschichten, die Kinderherzen höher schlagen ließen und Erwachsene nostalgisch zurückblicken ließen. Die Marke war mehr als ein Unterhaltungskonzern: Sie war ein kulturelles Versprechen. Doch heute ist dieses Versprechen der Marke brüchig geworden. Wie konnte das passieren? 

Der strategische Markenkern und seine Erosion 

Die historische Stärke der Marke Disney lag in ihrer klaren narrativen Ausrichtung: Disney war der Erzähler klassischer, universeller Geschichten: gut gegen böse, Mut, Hoffnung, Familie. Dieses Narrativ schuf Konsistenz über Formate, Zielgruppen und Jahrzehnte hinweg, sprich: Branding. Selbst als Disney neue Markenwelten integrierte  (Pixar, Marvel, Lucasfilm), blieb der Markenkern erkennbar. Disney war das Dach, unter dem andere glänzen durften, solange sie die emotionale Sprache und Wertehaltung des Hauses respektierten. 

Disney brachte mit Disney zog mit der Realverfilmung von Snow White viel Kritik auf sich – auch wegen der sieben Zwerge, die viele als lieblos gestaltet empfanden. (Credit: Disney).

„Die Grundidee von Disney war immer: Family, Entertainment und Fun“, sagt Karsten Kilian. Der Markenexperte forscht und lehrt zu Marken und Medienmanagement an der Technischen Hochschule in Würzburg. Und er beobachtet die Entwicklung Disneys kritisch: „Mit der Diversifizierung der Zielgruppen – von Kindern über Teens bis zu kinderlosen Erwachsenen – stieg auch der Anspruch an die Marke, gesellschaftlich Stellung zu beziehen.“ 

Disneys Entwicklung zum Content-Hub 

Doch genau diese emotionale Klammer, die Disney so stark gemacht hat, ist in den letzten Jahren verloren gegangen. Früher stand die Marke für etwas Größeres als nur Unterhaltung: für gemeinsame Kindheitserinnerungen, für Heldenreisen mit Herz, für Geschichten, die Generationen verbunden haben. Heute wirkt genau dieses Markengefüge brüchig. Disney hat sich mehr und mehr zu einem Konzern entwickelt, der Inhalte produziert, verkauft und verwaltet, aber immer seltener Geschichten erzählt, die berühren und zusammenhalten. 

Die Ursache liegt in einer strategischen Verschiebung: Statt die Marke als kulturelles Versprechen zu pflegen, wurde sie zunehmend funktionalisiert. Disney ist heute vor allem Plattform, Distributionslabel, ein Verwalter von geistigem Eigentum. Der Fokus lag zuletzt stark auf Wachstum, getrieben durch Disney+ und den milliardenschweren Zukauf von 21st Century Fox. Um all das zu finanzieren, musste vor allem eines her: Content.  

Doch diese Masse an Inhalten wurde oft taktisch zusammengestellt, vor allem um Streaming-Slots zu füllen oder Erwartungen der Investoren zu bedienen. Die Folge: Das große Ganze geriet aus dem Blick. 

Disney: Vom Erzähler zur Plattform 

Früher verband Disney Generationen. Heute wirkt die Marke wie eine Sammlung unverbundener Inhalte. Das ist besonders auf ihrer Streaming-Plattform Disney+ zu erkennen: Vorschulserien neben Marvel-Dystopien, Star-Wars-Spin-offs neben Reality-Shows. Es fehlt an kuratorischer Orientierung. Das gemeinsame Markenversprechen ist verloren gegangen. 

Zwischen Disney-Klassikern und Marvel-Produktionen fühlen sich viele vom ursprünglichen Markenkern Disneys nicht mehr angesprochen (Credit: Screenshot / Disney Plus).

„Zielgruppen sind keine homogene Masse“, warnt Kilian. „Wer alle ansprechen will, muss eine Segmentierung wagen: Formate für Progressivere, Formate für Konservative – ohne sich zu verzetteln.“ 

Diese Entkopplung von der eigenen Markenidentität hatte gravierende Folgen: Die emotionale Loyalität, die Disney über Jahrzehnte aufgebaut hat, begann zu bröckeln. Laut Axios sank der Disney-Reputationswert in den USA zwischen 2020 und 2023 von 77,4 auf 70,9 Punkte. Besonders konservative Zielgruppen sprangen ab. Der Vorwurf lautete: Disney sei zu politisch, zu belehrend, zu unnahbar geworden. 

Identitätskonflikt auf offener Bühne 

Kaum ein Projekt verdeutlicht Disneys aktuelle Markenkrise so klar wie das Live-Action-Remake von Snow White. Hauptdarstellerin Rachel Zegler äußerte sich distanziert über das Original von 1937 – „veraltet“, „gruselig“. Ihr neues Schneewittchen brauche keinen Prinzen mehr. Was als Modernisierung gemeint war, wurde öffentlich als Bruch wahrgenommen. 

„Die Kunst liegt darin, Wandel zuzulassen, ohne die Grundstruktur zu zerstören. Eine moderne Prinzessin darf stark und selbstbestimmt sein. Aber warum darf der Prinz nicht trotzdem helfen?“, fragt Kilian. 

Statt die Neuinterpretation als Erweiterung der Disney-Wertewelt zu erklären, stellte sich die Kommunikation gegen das eigene Erbe. Klassische Fans fühlten sich entfremdet, progressive Zielgruppen blieben skeptisch. Der Reboot wurde zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Konflikte. Disney, früher ein Meister darin, Generationen zu verbinden, wurde plötzlich zur Projektionsfläche für Debatten, die weit über das Unternehmen hinausgehen.  

Dazu wurden dem Film auch handwerkliche, ästhetische und erzählerische Mängel vorgeworfen. Das Ergebnis ist eine der schlechtesten Filmbewertungen gemessen am Budget. 

Disney und “Wokeness” 

Im Frühjahr 2022 geriet Disney im Zusammenhang mit dem umstrittenen „Don’t Say Gay“-Gesetz in Florida in eine heftige politische Auseinandersetzung. Zunächst hatte das Unternehmen – in den Augen vieler Beobachter – zu zögerlich auf das Gesetz reagiert, das Diskussionen über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität an Grundschulen einschränkt. Nach öffentlichem Druck äußerte sich Disney schließlich kritisch, was zu einer offenen Fehde mit Floridas Gouverneur Ron DeSantis führte.  

In der Folge entzog der Bundesstaat Disney die weitreichende Selbstverwaltungszone rund um Disney World, ein bislang einzigartiges Privileg. Die Eskalation führte zu Klagen auf beiden Seiten und verunsicherte Investoren, da sie Disney in ein politisch aufgeladenes Klima zog. Kritiker warfen dem Konzern vor, zu „woke“ zu agieren, während Befürworter auf gesellschaftliche Verantwortung pochten.  

Das „Don’t say gay-Gesetz“ in Florida verbietet, sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität bis zur zwölften Klassenstufe im Unterricht zu thematisieren (Credit: Imago).

Disneys Markenführung bewegt sich also in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite der gesellschaftliche Druck, vielfältiger und werteorientierter zu sein – in Einklang mit dem Firmenleitbild, „ein ehrenwertes Unternehmen mit sozialer Verantwortung“ zu sein. Auf der anderen Seite die Gefahr, traditionelle Anhänger zu verlieren und politisch attackiert zu werden. Bob Iger, der Disney-CEO, ist sich der Kritik offenbar bewusst.  

Im Strudel des amerikanischen Kulturkampfs 

Seit dessen Rückkehr im November 2022 hat der 74-Jährige mehrfach betont, Disney verfolge keine politische Agenda, man wolle „in erster Linie unterhalten“. Zwar habe Disney „immer auch eine Verantwortung, Gutes in der Welt zu tun“, aber es dürfe nicht missionarisch auftreten. So kündigte der CEO an, künftig die „Lautstärke“ in den Kulturkämpfen herunterzudrehen. 

Damit reagiert Disney auf die Gefahr, politisch in der Mitte zu verortende Zielgruppen mit zu viel Haltung abzuschrecken. Zugleich versucht man aber, die erreichten Fortschritte wie Diversität im Cast nicht völlig rückgängig zu machen, um progressive Fans und Mitarbeiter nicht zu enttäuschen.  

Unterm Strich spaltet Disneys Purpose-Strategie die Öffentlichkeit: Konservative Kreise fühlen sich zunehmend entfremdet und sprechen von Disney als „woken“ Konzern, was teils zu Boykottaufrufen führte. Progressive und viele junge Verbraucher hingegen nehmen Disney eher positiv wahr.  

Für Disney selbst bedeutet dies, dass die Marke in polarisierenden Zeiten schwierig aus der Schusslinie zu halten ist – egal, ob sie „woke“ ist oder nicht. Markenstrategisch ist daher ein sensibles Austarieren von Botschaft und Publikum nötig.  

Streaming verdrängt Storytelling 

Nicht nur die Unsicherheit über die eigene Markenidentität machte sich am Börsenkurs der Marke bemerkbar, auch wirtschaftliche Entscheidungen trugen dazu bei. Nach dem Streaming-Boom der Pandemiezeit geriet Disney ab 2021 in wirtschaftlich unruhiges Fahrwasser. Zwar stiegen die Umsätze nach dem Corona-Einbruch deutlich, von 67,4 Milliarden Dollar (2021) auf 82,7 Milliarden Dollar (2022) und 88,9 Milliarden  Dollar (2023). Doch die Ertragslage blieb angespannt. Vor allem das Streaming-Geschäft verursachte massive Verluste: Allein im zweiten Halbjahr 2022 verzeichnete Disney dort pro Quartal über eine Milliarde Dollar Minus. Erst 2023 gelang durch harte Kosteneinschnitte eine Reduktion der operativen Verluste. Gleichzeitig erwies sich das Segment „Parks & Experiences“ als Ertragsstütze mit einem operativen Gewinn von 10,3 Milliarden  Dollar in 2023. 

Die Aktie spiegelte diese Unsicherheiten wider: Nach einem Allzeithoch von knapp 200 Dollar im März 2021 fiel der Kurs bis Ende 2022 drastisch auf 85,80 Dollar – ein Rückgang um 44  Prozent. Ursachen waren enttäuschende Streaming-Zahlen, verfehlte Abo-Ziele, eine schwächelnde Filmsparte sowie strukturelle Probleme im klassischen TV-Geschäft (zum Beispiel ein Zuschauerschwund bei ESPN und ABC). Der CEO-Wechsel Ende 2022 und erste Effekte des Sparprogramms ließen den Kurs 2023 leicht auf 89,50 Dollar steigen, ehe er sich 2024 weiter auf rund 110  Dollar erholte. 

Prof. Karsten Kilian lehrt und forscht an der Technischen Hochschule in Würzburg.

„Man hat sich blenden lassen von kurzfristigen Erfolgen in der Pandemie. Streaming schien das Allheilmittel zu sein“, so Kilian. Doch mit Rückkehr des Kinos und stagnierenden Abozahlen fehlte ein glaubwürdiger Kurs. Auch unter Iger bleibt der Spagat bestehen: kreative Exzellenz nach außen, Sparkurs nach innen.  

Wer Disney führt, führt ein kulturelles Erbe, heißt es oft. Doch genau dieses Erbe wird zur Bürde, wenn das Erbe nicht weitergetragen, sondern nur noch kommerziell verwaltet wird. 

Was Markenentscheider lernen können 

Wer Marken wie Disney führt, muss sich darüber im Klaren sein, dass Purpose keine PR-Maßnahme ist, sondern ein innerer Kompass. Marketingprofessor Kilian unterscheidet dabei klar zwischen Haltung und Purpose: „Purpose darf nicht als Marketingmaßnahme verstanden werden“, sagt er. „Ein echter Unternehmenszweck muss glaubwürdig im Inneren verankert sein. Sonst ist es Purpose-Posing.“  

Haltung wirke nur dann überzeugend, wenn sie aus diesem Purpose erwachse. „Andernfalls droht sie zur Pose zu verkommen.“ Im Falle von Disney bedeutet das eine Rückbesinnung auf den Dreiklang Familie, Unterhaltung und Spaß.  

Gleichzeitig verlangt eine starke Markenpositionierung Fingerspitzengefühl: Wer abrupt den Kurs ändert, verliert an Glaubwürdigkeit. Diversität wiederum darf nicht bloß ein Punkt auf dem Produktionsplan sein. Sie sollte die Inhalte bereichern, nicht dominieren. Unterhaltung bleibt bei Disney der Markenkern. 

Zudem braucht es Klarheit in der Zielgruppenansprache: Statt allen alles bieten zu wollen, ist eine bewusste Segmentierung notwendig. Inhalte müssen klar verortbar sein, nicht nur thematisch, sondern auch emotional. Streaming darf in diesem Zusammenhang kein Selbstzweck sein. Eine Plattform, die Inhalte lediglich ausspielt, aber keine Markenbindung erzeugt, ist langfristig austauschbar.  

Schließlich gilt auch: Schauspieler sind keine Aktivisten. Wer eine Marke verkörpert, sollte deren Werte mittragen und nicht in Interviews konterkarieren. 

(amx, Jahrgang 1989) ist seit Juli 2025 Chefredakteur der absatzwirtschaft. Er ist weder Native noch Immigrant, doch auf jeden Fall Digital. Der Wahlberliner mit einem Faible für Nischenthemen verfügt über ein breites Interessenspektrum, was sich bei ihm auch beruflich niederschlägt: So hat er bereits beim Playboy, in der Agentur C3 sowie beim Branchendienst Meedia gearbeitet.