Das Erfolgsrezept von MissPompadour: Selbst streicht die Frau 

Wie bringt man Menschen dazu, Wandfarbe im Internet zu bestellen? MissPompadour macht es vor: Das Start-up hat sich eine Fanbase mit mehr als einer Million meist weiblichen Followern aufgebaut. Die Community wirbt kräftig mit.
Wir haben 2019 gegründet und sind in der Krise geboren“, sagt Erik Reintjes.
Wir haben 2019 gegründet und sind in der Krise geboren“, sagt Erik Reintjes. (© MissPompadour)

Viele E-Commerce-Händler in Deutschland haben gerade schwer zu kämpfen. MissPompadour hingegen meldet Monat für Monat Wachstum. Dabei verkauft das vom Geschwisterpaar Astrid und Erik Reintjes sowie Niklas Lütteken gegründete Unternehmen etwas, das man eigentlich gar nicht übers Internet verkaufen kann: Farben und Lacke. Wie das geht? Mit hochwertigen Produkten, einer umfassenden Community-Betreuung, einem cleveren Marketing und schlechtem Wetter. Wir haben mit dem Co-Gründer Erik Reintjes gesprochen. 

Herr Reintjes, wie läuft’s? 

Aktuell können wir uns wirklich nicht beschweren. Normalerweise macht sich unsere Kundin ab dem 26. Dezember Gedanken darüber, wie sie es sich zu Hause im neuen Jahr schön machen kann. Wir haben also nicht das klassische Weihnachtsgeschäft, sondern ein Frühjahrsgeschäft. Dann folgt meist eine Art Sommerloch, denn wer im Freibad planscht, streicht nicht. Trotzdem sind wir in diesem Jahr in allen Sommermonaten um rund 70 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gewachsen. Das hat zwei Gründe: Das Sommerwetter war nicht so großartig wie letztes Jahr und wir wussten, dass ein Sommerloch kommen könnte, und haben alles dafür getan, dass es nicht kommt.  

Was denn genau? 

Vergangenes Jahr haben wir unser komplettes Performance- und CRM-Marketing ins Haus geholt. Unser Team hatte ein Jahr Zeit, sich perfekt vorzubereiten, und hat einfach eine tolle Arbeit geleistet.  


Die Geschwister Astrid und Erik Reintjes haben MissPompadour 2019 zusammen mit Niklas Lütteken (links im Bild) gegründet. Das Start-ups beschäftigt rund 170 Mitarbeitende in Sinzig bei Regensburg und in Helsinki (Tech-Team). Sein Geschäftsmodell ist die Herstellung und der Vertrieb von Produkten rund ums „Selberstreichen“. Zu kaufen gibt es diese Artikel über den Webshop in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden, in 120 Interliving-Möbelhäusern und ab Januar 2026 auch in 162 Hornbach-Baumärkten. Im Oktober eröffnete MissPompadour zudem einen Laden auf dem unternehmenseigenen Campus. Die Umsatzprognose für 2025 liegt bei 30 Millionen Euro. (© MissPompadour)

Viele Online-Händler klagen über schleppende Geschäfte. Wie erklärt sich der Erfolg von MissPompadour? 

Wir haben 2019 gegründet und sind in der Krise geboren: Erst kam Corona, dann der russische Angriff auf die Ukraine, dann die Inflation, jetzt das, was in den USA los ist. Die ganze Welt ist andauernd in einer negativen Spirale. Wir kennen es nicht anders. Und wir kennen die rosige E-Commerce-Zeit nicht – also 2010 bis 2014 –, als man einfach nur einen Online-Shop gebaut hat, Werbung schalten und Geld einsammeln musste. Wir sind stattdessen immer schon an den kleinsten Details dran und schauen, wo wir noch besser werden können. 

Noch vor ein paar Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, sich Wandfarben im Internet zu bestellen. Wieso funktioniert das überhaupt? 

Unser Produkt passt zu dieser Zeit. Eine Kundin kauft sich gerade nicht für 15.000 Euro eine neue Küche, sondern wird von uns auf allen Kanälen inspiriert, ihre Küche zu streichen und noch ein paar Jahre zu nutzen. Dafür gibt sie dann nur 250 Euro aus. Aktuell gibt es im E-Commerce zwei Wege, wie man noch wachsen oder einen Markt gewinnen kann: entweder über Masse und Größe, wie Amazon oder die chinesischen Anbieter, die gerade mit starkem Druck auf den Markt kommen. Oder in einem Nischenbereich, mit einer sehr gut platzierten Marke, so wie wir. Unsere Kundin wird durch unser gutes Marketing auf uns aufmerksam und muss nicht lange suchen, wo sie unsere Produkte kaufen kann, sondern kann das sehr niedrigschwellig über unseren Webshop tun. 

Sie haben sich eine echte Fanbase mit über einer Million meist weiblicher Follower in Social Media in Eigenregie aufgebaut. Wie haben Sie das gemacht? 

Am Anfang hat uns das Geld gefehlt. Wir hatten eine Kamera und ein Bettlaken und meine Mitgründerin und Schwester Astrid hat sich vor die Kamera gestellt. So ist unser erster Content entstanden. Das ist der große tolle Vorteil der heutigen Zeit: Ich kann mit sehr wenig Geld und einem sehr spitzen Produkt in einen Markt eintreten. Anfangs haben wir die Beratung über WhatsApp mit unseren privaten Handys gemacht, der Content entstand aus dem Problem, dass wir keine Marketingagentur bezahlen konnten. Irgendwann ist das bei uns in der DNA hängen geblieben. Das waren glückliche Umstände, die uns einfach passiert sind und die uns jetzt erfolgreich machen.  

Heute bekommen wir extrem viel Content von unseren Kundinnen: Aktuell laden sie pro Monat über 17.000 Vorher-nachher-Bilder in unserer App und unserer Facebook-Community hoch. Wir können diese Bilder nutzen, um anderen und potenziellen Kundinnen zu zeigen, wie gut das Selberstreichen funktioniert. Das gibt viel mehr Vertrauen, als wenn wir sagen würden: „Wir haben das beste Produkt auf dem Markt!“ 

Welche Marketingmaßnahmen erweisen sich als besonders erfolgreich?  

Es ist immer der Mix. Wir wollen da sein, wo unsere Kundin ist. Wenn die Kundin in Social Media unterwegs ist – wo sie meistens ist – dann ist Performance-Marketing super erfolgreich für uns. Influencer Marketing ist ebenfalls sehr erfolgreich für uns. Wenn sie gerne Zeitschriften liest, sieht sie uns, weil sie Artikel über uns liest, denn wir haben eine sehr gute PR-Agentur. Wenn sie TV schaut, sieht sie Fernsehwerbung von uns. Wir sind als Marke flächendeckend präsent.  

Ich sage manchmal zum Spaß, dass wir auf der einen Seite ein Händler und auf der anderen Seite eine Media-Firma sind. Wir müssen alle Kanäle andauernd bespielen. Wer das nicht mehr schafft, wer das nicht für sich als DNA sieht, wer nicht die Herrschaft über seinen Content hat, der wird verschwinden. Eine Marke muss Kanäle wie TikTok, Instagram oder YouTube bespielen können. Wenn ich das nicht kann, dann bin ich für meine potenziellen Kundinnen nicht sichtbar und auch nicht vorhanden. 

Fürchten Sie, dass Ihre Kundinnen morgen bei Shein oder Temu ihre Farben bestellen? 

Nein. Wir liegen mit unseren Produkten im mittleren Preissegment. Jedes unserer Produkte hat eine eigene Rezeptur und muss immer das Beste sein, das technisch auf dem Markt möglich ist, denn unsere Kundin streicht ja selber. Als E-Commerce-Firma sind wir über Google-Bewertungen, Reviews und in der Community immer bewertbar. Wenn unsere Produkte nicht funktionieren würden, wäre sofort die Hölle los. Das heißt: Sie müssen zu 100 Prozent funktionieren. Wenn jemand ein günstigeres Produkt auf den Markt bringen will, dann wäre automatisch die Qualität der Farbe schlechter. Außerdem ist es schwierig, eine neue Farbmarke zu positionieren und das nachzubauen, was MissPompadour in den vergangenen sechs Jahren geschaffen hat. Dafür müsste man extrem viel Geld in die Hand nehmen und natürlich auch das Glück des guten Timings haben, das wir hatten.  

MissPompadour ist ab 2026 auch in rund 162 Baumärkten von Hornbach zu finden und Sie haben gerade einen eigenen stationären Laden eröffnet. Was haben Sie in Zukunft mit Ihrer Marke noch vor? 

Wir werden dieses Jahr voraussichtlich um mehr als 60 Prozent wachsen. Das ist weit über dem, was wir uns vorgenommen haben. Im nächsten Jahr wollen wir um gut 30 Prozent wachsen. Wir wollen uns weiter internationalisieren. In Frankreich und Holland sind wir schon, aber wir werden noch weitere Länder erschließen. Der Farbmarkt der DIY-Bautenfarben in Deutschland ist über zwei Milliarden Euro schwer und der Shift vom Stationärhandel in den E-Commerce findet gerade erst statt. Wenn wir weiter einen guten Job machen, werden wir mit der Welle mitwachsen. Aber wie gesagt: Wir kommen aus der Krise. Wer weiß, was uns nächstes Jahr vor die Füße fällt und ob es uns dann auch den Stecker zieht. 

Die Gesamtsituation im E-Commerce ist nicht so positiv. Was uns gerade passiert, ist ein riesiges Glück, wofür ich sehr dankbar bin. Wir können uns nur durchschlängeln und uns voll auf unsere Kundinnen und auf das, was wir können, fokussieren. Auf alles andere haben wir keinen Einfluss. d

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“