Als die absatzwirtschaft 1958 in der Mitherausgeberschaft des Bundesverband Marketing Clubs (BVMC) gegründet wurde, war die Welt übersichtlicher. Das Fernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, Informationen waren knapp, und Marketing bedeutete vor allem, Produkte bekannt zu machen. Aufmerksamkeit zu gewinnen war vergleichsweise einfach.Â
Heute leben wir in einer völlig anderen Realität. Informationen sind im Überfluss vorhanden. Künstliche Intelligenz beantwortet Fragen in Sekunden, Algorithmen filtern Nachrichtenströme, und täglich entstehen mehr Inhalte, als ein Mensch in seinem Leben je konsumieren könnte.Â
Gerade deshalb halte ich eine These für besonders relevant: Die größte Aufgabe von Medien besteht heute nicht mehr darin, Informationen bereitzustellen. Ihre wichtigste Aufgabe ist Orientierung.Â
Debatten anstoßen, Trends hinterfragenÂ
Genau darin lag über Jahrzehnte die besondere Stärke der absatzwirtschaft.Â
Sie hat Entwicklungen nicht nur dokumentiert, sondern eingeordnet. Sie hat Debatten angestoßen, Trends hinterfragt und Marketingverantwortlichen geholfen, zwischen kurzfristigen Hypes und langfristig relevanten Veränderungen zu unterscheiden. Sie war damit weit mehr als ein Fachmedium. Sie war ein Kompass für eine Branche, die sich ständig neu erfinden muss.Â
Seit ihrer Gründung hat sich die absatzwirtschaft selbst immer wieder verändert. Vom klassischen Printmagazin über neue Formate bis hin zur digitalen Ausrichtung der vergangenen Jahre. Die Einstellung der gedruckten Ausgabe 2024 war für viele Leserinnen und Leser ein emotionaler Moment. Gleichzeitig war sie Ausdruck dessen, was gutes Marketing seit jeher auszeichnet: die Bereitschaft, sich an veränderte Bedürfnisse anzupassen.Â
Mediennutzung verändert sich
Auch der Bundesverband Marketing Clubs verändert sich. Die Entscheidung der Mitgliederversammlung, die Mitherausgeberschaft Mitte 2026 zu beenden, ist das Ergebnis neuer Rahmenbedingungen. Mediennutzung verändert sich, der Wettbewerb um Aufmerksamkeit nimmt zu, Mitglieder erwarten andere Leistungen und Mehrwerte. Und natürlich spielen wirtschaftliche Realitäten ebenfalls eine Rolle.
Solche Entscheidungen trifft niemand leichtfertig. Deshalb schaue ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf diesen Schritt.
Das weinende Auge blickt auf fast sieben Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte zurück: auf unzählige Artikel, Diskussionen und Begegnungen, auf eine Partnerschaft, die Marketing in Deutschland mitgeprägt hat.
Das lachende Auge sieht, dass Veränderung kein Zeichen von Schwäche ist. Im Gegenteil. Sie ist Ausdruck von Verantwortung. Wer Marketing ernst nimmt, weiß: Stillstand ist selten eine Strategie.
Orientierung ist wichtiger denn je
Mein Dank gilt deshalb allen, die die absatzwirtschaft über Jahrzehnte gestaltet haben – den Redaktionen, Herausgeberinnen und Herausgebern, Autorinnen und Autoren sowie den vielen Leserinnen und Lesern. Sie alle haben dazu beigetragen, dass dieses Medium stets am Puls der Zeit geblieben ist.
Die formale Mitherausgeberschaft endet, die Bedeutung der absatzwirtschaft nicht. Denn die Branche braucht auch künftig Orte, an denen nicht nur informiert, sondern eingeordnet wird.
Orientierung war 1958 wichtig. Sie ist heute wichtiger denn je.
Danke, absatzwirtschaft.
Zur Person:Â Â
Marcel Bewersdorf ist Executive Advisor, Retail-Experte und Sparringspartner für CEOs, Vorstände und Unternehmer. Er begleitet strategische Entscheidungen, berät zu den Themen Omnichannel-Commerce, Strategie, Marketing und Leadership und unterstützt Unternehmen aktiv in Transformationsprozessen. Ehrenamtlich engagiert er sich als Vorstand Kommunikation im Bundesverband Marketing Clubs (BVMC) und ist Mitglied des Herausgeberbeirats der absatzwirtschaft.






