Laut einem internen Memo, das mehreren US-Medien vorliegt, hat Altman den „Code Red“ ausgerufen. Die Botschaft ist klar: ChatGPT soll deutlich besser werden – schneller, verlässlicher, persönlicher. Dafür müssen andere Projekte warten: Werbeformate, Shopping-Tools und der Assistent ChatGPT Pulse werden vorerst auf Eis gelegt. Der Grund? Google holt massiv auf.
Gemini 3 verschiebt die Gewichte
Mit Gemini 3 hat Google einen Sprung gemacht. Das Modell schneidet in vielen Benchmarks besser ab als OpenAIs aktuelle Systeme. Im Herbst 2025 überholte die Gemini-App ChatGPT zeitweise in den App-Store-Charts. Dazu kommt der Bildgenerator Nano Banana Pro, der beeindruckende Visuals liefert und direkt in Google Ads und Workspace integriert ist.
Noch wichtiger als Rankings: Google baut Gemini tief ins eigene Ökosystem ein. Suche, YouTube, Android – überall taucht das Modell auf und erreicht täglich Milliarden Menschen. OpenAI hat mit ChatGPT zwar enorme Sichtbarkeit, aber keine vergleichbare Plattform-Macht. Und der Mega-Deal zwischen Apple und Google, bei dem Gemini als Basis für Apples Siri dienen soll, macht die Lage nicht entspannter.
OpenAI: Weniger Feuerwerk, mehr Substanz
In den letzten Monaten hat OpenAI im Schnelldurchlauf neue Features präsentiert: Gruppen-Chats, ein eigener Browser, personalisierte Styles, Voice-Mode, Shopping-Recherche. Jetzt die Kehrtwende: weniger neue Spielereien, mehr Feinschliff am Kern.
ChatGPT-Chef Nick Turley bestätigte die neue Richtung auf X: Das Ziel sei, ChatGPT fähiger, intuitiver und persönlicher zu machen – und die globale Reichweite auszubauen. Er behauptet, ChatGPT sei mittlerweile für etwa zehn Prozent aller Such-Aktivitäten verantwortlich. Belastbare Zahlen dazu fehlen allerdings.
Dass der Druck real ist, zeigen auch öffentliche Reaktionen. Salesforce-CEO Marc Benioff schrieb, nachdem er zwei Stunden lang mit Gemini 3 gearbeitet hatte: „Ich nutze ChatGPT seit drei Jahren täglich. Aber ich gehe nicht mehr zurück. Der Sprung ist verrückt.“ Solche Aussagen aus der Chefetage sind mindestens so einflussreich wie technische Benchmarks – und intern bei OpenAI dürfte man das als Warnsignal verstehen.
Werbung? Erst mal nicht
Besonders brisant: OpenAI könnte damit die Integration von Werbung verschieben. Dabei war das Thema zuletzt konkreter geworden – im Code der Android-App fanden sich Hinweise auf Ad-Platzierungen, und mit Shopping-Anzeigen wurde bereits experimentiert.
Altman hatte im Oktober noch erklärt, es gebe „aktuell keine Pläne“ für Ads, ließ die Tür aber bewusst offen. Jetzt also ein möglicher Stopp. Das klassische Dilemma: entweder schnell monetarisieren oder erst das Produkt perfektionieren und später kassieren.
Aber die finanziellen Zwänge sind real. Rechenzentren, eigene Chips, Trainingsdaten – das kostet Milliarden. Interne Planungen gehen Berichten zufolge von bis zu 220 Millionen zahlenden Abos bis 2030 aus. Ob das realistisch ist, bleibt offen.
Was das für Marken bedeutet
Für die Werbeindustrie ist dieser Code Red mehr als Silicon-Valley-Theater. Es geht darum, wer künftig die KI-gesteuerte Nutzeroberfläche kontrolliert – und damit den Zugang zu Information, Suche und Shopping.
Google testet bereits KI-Overviews mit Anzeigen und verdient Geld damit. OpenAI experimentiert noch, hat aber kein belastbares Werbemodell. Wenn Altman jetzt andere Initiativen stoppt, um ChatGPT zu verbessern, ist das nachvollziehbar – aber es verschiebt den Zeitpunkt, an dem Marken wissen, wie sie hier sichtbar werden können.
Meta und Google haben gewachsene Anzeigenplattformen, riesige Nutzerdaten und Milliarden Kontaktpunkte. OpenAI hat ein extrem starkes Produkt, aber keine Plattform-Macht. Der Code Red ist das Eingeständnis: Die erste KI-Euphorie ist vorbei. Der Kampf beginnt jetzt.

