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Amazons intelligenter Einkaufswagen bricht mit Firmentraditionen

Mit dem smarten Einkaufswagen "Dash Cart" will Amazon über die eigenen Geschäfte hinaus das Einkaufen im stationären Handel revolutionieren. © Amazon

Der E-Commerce-Riese Amazon will seinen Kunden mit dem "Smart Dash Cart" ein noch bequemeres Einkaufserlebnis im stationären Geschäft bieten und sich so auch dort einen Vorsprung verschaffen. Das Prinzip verstößt aber gegen die eigene Firmenphilosophie des US-Konzerns.

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In Woodland Hills, Kalifornien, will Amazon noch in diesem Jahr sein bislang modernstes Geschäft eröffnen. Es soll neue Standards bezüglich mobilen, kontaktfreien und innovativen Shoppings setzen. Kürzlich kündigte das Unternehmen eine weitere Neuigkeit für das Geschäft an: einen intelligenten Einkaufswagen. Er läuft über Kameras, Sensoren sowie eine Waage und erkennt und bucht die Artikel kontaktlos. Wie in den Amazon-Go-Läden kann sich der Kunde so den Weg zur Kasse sparen. Aber mehr noch.

Der “Smart Dash Cart” soll generell das Einkaufen im stationären Geschäft leichter machen und so dem E-Commerce-Riesen auch dort einen Vorsprung verschaffen. Durch die Technologie kann das Prinzip von Amazon Go erstmals auf eine größere Ladenfläche kommen. Denn die für Amazons Go-Läden nötige Hightech-Ausstattung aus Kameras und Sensoren nimmt viel Platz in Anspruch und lässt nur eine begrenzte Anzahl von Kunden zu. Dadurch, dass die nötige Technik in die Einkaufswegen integriert wird, kann Amazon auch größere Läden öffnen. Woodland Hills ist mit 35.000 Quadratmetern rund dreimal so groß wie der größte Amazon-Go-Laden.

Bezahlung per Kreditkarte oder Amazon-Konto

Das System funktioniert so: Ein Amazon-Shopper meldet sich bei seiner mobilen Amazon-App an, um einen QR-Code zu erhalten. Er scannt dann den Code auf dem QR-Code-Reader des Warenkorbs. Als nächstes legt der Käufer leere Einkaufstaschen in den Warenkorb. Wenn er bereit ist einzukaufen, nimmt er Barcode-Artikel aus den Regalen und legt sie in den Warenkorb. Hat er den Artikel erfolgreich zu seinem Einkauf hinzugefügt, erhält er ein grünes Signal. Artikel, die keinen Barcode haben, kann der Kunde über die Eingabe von gewünschtem Gewicht des Produkts oder Anzahl hinzufügen.

Schließlich, wenn es an der Zeit ist zu zahlen, rollt der Käufer einfach durch die sogenannte “Dash Cart Lane”, gibt seinen Warenkorb zurück, bezahlt elektronisch per Kreditkarte oder Amazon-Konto und erhält eine Quittung per E-Mail. Ebenso kann der Kunde während des Einkaufs über ein integriertes Display auf seine Alexa-Einkaufsliste zugreifen und mit dem Scanner auch Einkaufsgutscheine nutzen.

Geringe Größe des Warenkorbs ist problematisch

Funktioniert die Technologie in der Praxis, stehen für Amazon viele Türen offen. Der Konzern kann die Dash Carts in seine Whole-Food-Länden integrieren, seine Go-Shops stark ausbauen und die Technologie an andere Unternehmen verkaufen. Die Idee ist innovativ, es zeigen sich aber Nachteile. Der offensichtlichste ist die limitierte Größe. Der Wagen soll laut Amazon für kleine bis mittelgroße Einkaufstouren geeignet sein. Mehr als zwei Taschen kann er nicht transportieren. Die geringe Größe des Warenkorbs erscheint nicht als großes Problem, wenn die Amazon-Go-Geschäfte als Maßstab gelten. Woodland Hills soll aber kein Convenience-Store sein, sondern ein Lebensmittelgeschäft im großen Maßstab, wie Bloomberg berichtete. Es wird dort sogar traditionelle Check-out-Stationen geben, so Amazon.

Der Laden spricht also nicht nur die typische Amazon-Go-Kunden an, sondern soll jedermann versorgen. Für einen Wocheneinkauf oder die Versorgung einer Familie reichen zwei Tüten nicht aus. Ebenso will kaum jemand, der lediglich ein paar Produkte benötigt, durch eine großen Einkaufsmarkt gehen. Gerade dafür wurden ja die Amazon-Go-Geschäfte entwickelt. Das Schöne an ihnen ist, dass sie einfach und zielgerichtet aufgebaut sind. In Woodland Hills wird der Kunde aber gezwungen, sich durch viele Regale zu kämpfen, für wenige Produkte sein Telefon zu koppeln, auf Pieptöne zu warten, nach Barcodes zu suchen und frische Produkte manuell hinzuzufügen. Die neue Technologie in dieser Form widerspricht der eigentlichen Amazon-Einzelhandels-Philosophie.

Noch unklar, wie Amazon Funktionalität sicherstellen will

Eine Frage, die Amazon vollkommen unbeantwortet lässt, ist, wie das Unternehmen die Funktionalität sicherstellt. Lebensmitteleinzelhändler kämpfen seit jeher mit der Instandhaltung und gegen den Diebstahl von Einkaufswagen. Sie werden auf Parkplätzen stehen gelassen, aus Geschäften für eine Vielzahl von Zwecken entfernt, selten an den dafür vorgesehenen Platz zurückgebracht und sind ständig dem Wetter ausgesetzt. Wenn diese Wagen selbst komplizierte Computer sind, bleibt die Frage, wie sie zu jeder Zeit voll aufgeladen und funktionsfähig am richtigen Platz zur Verfügung stehen können. Allein die Temperaturen in Kalifornien dürften jede Technologie schädigen.

Mit Amazon Go als stationärer Laden hatte das Unternehmen eigentlich bereits die ideale Ergänzung zu seinen vielfältigen Liefermöglichkeiten gefunden. Das Angebot ist überschaubar. Genau damit bietet es eine zeitsparende Alternative zum existierenden Einzelhandel. Dennoch hat sich Amazon dazu entschieden, sein erstes großes Geschäft eben nicht als reines Go-Geschäft zu führen, sondern bewährte Go-Prinzipien und weitere Go-Innovationen mit Elementen aus dem traditionellen stationären Handel zu verknüpfen. Der Grund dürfte in der Größe liegen. KI-Systeme sind bislang nicht in der Lage, sicher über 10.000 Quadratmeter hinaus zu arbeiten. Ab dieser Größe wird das Tracking von Personen und Produkten rechnerisch komplexer. Das heißt, dass Amazon im Gegensatz zum Onlinehandel stationär eben nicht unbegrenzt wachsen kann. Dort ist das Unternehmen noch auf so “un-amazonische” Dinge wie Kassierer oder Warteschlangen angewiesen. In diesem Licht wirkt der Dash Cart eher wie eine Wette auf die Zukunft. Denn an Amazons Anspruch, den gesamten Handel bedienen zu können, besteht wenig Zweifel.

absatzwirtschaft+

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