Wenn KI den Kaufprozess steuert und der Mensch nur noch zustimmt, verschiebt sich die Macht im digitalen Handel. „Agentic Commerce“ nennt die Branche das Zukunftsmodell, in dem KI-Assistenten Produkte recherchieren, vergleichen und direkt bezahlen. PayPal will dabei nicht Zuschauer sein, sondern als Zahlungsinfrastruktur fester Bestandteil der von KI-Systemen gesteuerten Einkaufsprozesse werden. Der Bezahlanbieter muss sogar, um als solcher nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.
Die jüngsten Partnerschaften mit Google, Microsoft, Perplexity und OpenAI zeigen, wie ernst es dem Konzern ist. Gleichzeitig werfen sie eine alte Frage neu auf: Reicht technologische Kooperation, um PayPals strukturelle Wachstumsprobleme zu lösen?
PayPal: Vom Bezahlknopf zur KI-Infrastruktur
PayPal war lange Synonym für Online-Bezahlung. Doch das Kerngeschäft ist reifer geworden, das Wachstum langsamer, der Wettbewerbsdruck hoch. Mobile Wallets wie Apple Pay sind tief in Betriebssysteme integriert, Anbieter wie Stripe oder Adyen dominieren den E-Commerce-Backend-Markt. Vor diesem Hintergrund treibt CEO Alex Chriss, der PayPal seit 2023 führt, einen tiefgreifenden Umbau voran. Bei diesem versucht das Unternehmen, seine bisherige Rolle im Zahlungsprozess bewusst neu zu definieren.
Der strategische Kern des Umbaus: PayPal will dort präsent sein, wo Kaufentscheidungen entstehen – also direkt in KI-Interfaces. Die Integration in Microsofts Copilot, Perplexity und ChatGPT folgt genau dieser Logik. Nutzende sollen Produkte entdecken, auswählen und bezahlen können, ohne eine Website oder App zu verlassen.
Partnerschaften mit Copilot, OpenAI und Google
Erst kürzlich gab PayPal eine Kooperation mit Microsofts Copilot bekannt. Der sogenannte Copilot Checkout erlaubt es, den gesamten Kaufprozess innerhalb des KI-Chats abzuschließen. Ähnlich funktioniert die Zusammenarbeit mit Perplexity, wo PayPal als „Commerce Engine“ im Hintergrund agiert, inklusive Identitätsprüfung, Käufer- und Verkäuferschutz sowie Zahlungsabwicklung. Für Händler ist der Einstieg niedrigschwellig: Produktkataloge werden synchronisiert, bestehende PayPal-Setups genutzt. Auch OpenAI hat PayPal Ende letzten Jahres als Zahlungsoption hinzugefügt.
PayPals vergleichsweise starke Position in KI-Partnerschaften erklärt sich dabei vor allem durch technische und regulatorische Gründe: Als plattformneutraler, global einsetzbarer Zahlungs- und Abwicklungsdienst lässt sich PayPal leichter in KI-Systeme integrieren als geräte- oder ökosystemgebundene Wallets wie Apple Pay oder Google Pay. Letztere sind auf bestimmte Betriebssysteme, Geräte oder Plattformen angewiesen und damit für KI-gestützte, plattformübergreifende Kaufprozesse weniger flexibel einsetzbar.
Mit dem Universal Commerce Protocol (UCP) unterstützt PayPal außerdem Googles Bemühungen, eine gemeinsame technische Sprache für KI-gesteuertes Einkaufen zu schaffen. So können KI-Agenten, Händler und Zahlungsanbieter reibungslos miteinander interagieren. Gleichzeitig verfolgt der Zahlungsanbieter ein eigenes strategisches Interesse. Das Unternehmen will sicherstellen, dass seine Zahlungsdienste auch bei Einkäufen über KI-Systeme funktionieren. Gelingt dies, würde PayPal frühzeitig in die entstehende Infrastruktur integriert und könnte eine zentrale Rolle im neuen KI-Handelsökosystem spielen.
Warum KI – und warum jetzt?
Für Paypal geht es also darum, im entstehenden KI-Handelssystem nicht den Anschluss zu verlieren und sich frühzeitig eine zentrale Rolle zu sichern. Die Kooperationen sind schlicht wirtschaftlich notwendig. KI verändert nicht nur die Suche, sondern die gesamte Customer Journey. Wenn Kaufentscheidungen künftig in Chats fallen, droht Zahlungsanbietern ohne direkte KI-Anbindung der Bedeutungsverlust. PayPal setzt deshalb auf seine Stärken: eine riesige Datenbasis, globale Händlernetzwerke, Erfahrung im Umgang mit Betrug und Risikomanagement.
Intern flankiert der Konzern die Partnerschaften mit eigenen KI-Produkten wie Fastlane, einem beschleunigten Gast-Checkout, und Passkey-basierter Authentifizierung. Ziel ist es, Reibung für die Kundinnen und Kunden zu minimieren.
Skepsis der Finanzmärkte
So ambitioniert die Strategie klingt, so zurückhaltend reagieren Teile der Wall Street. Mehrere Investmenthäuser haben ihre Kursziele für PayPal gesenkt, mit Verweis auf das verlangsamte Wachstum im Kerngeschäft. Die KI-Initiativen gelten als langfristig sinnvoll, kurzfristig aber schwer zu monetarisieren. Erste Nutzungserfolge werden außerdem häufig durch Rabatte und Cashback-Aktionen angeschoben. Das wirft für Inverstoren die Frage auf, wie stark die Nachfrage ohne solche Anreize tatsächlich wäre.
Gleichzeitig gab es 2025 Lichtblicke: Quartalszahlen, die besser waren als erwartet, eine erstmals ausgeschüttete Dividende und die Ankündigung der OpenAI-Partnerschaft sorgten zeitweise für Kursgewinne. Diese Entwicklungen deuten auf eine stabilere finanzielle Basis hin, lösen aber noch kein Wachstumsversprechen ein.
Die Konkurrenz schläft nicht
Das Zahlungsunternehmen ist außerdem nicht allein auf dem Feld. Visa treibt mit „Intelligent Commerce“ eine eigene Agentic-Strategie voran und kooperiert ebenfalls mit KI-Anbietern wie OpenAI, Anthropic und Microsoft. Mastercard arbeitet mit „Agent Pay“ an ähnlichen Lösungen.
Der Unterschied: Visa und Mastercard kontrollieren das Karten-Netzwerk und sind traditionell stärker im Hintergrund verankert. PayPal dagegen muss seine Rolle zwischen Wallet, Netzwerk und Plattform neu definieren.
Gerade hier liegt Chance und Risiko zugleich. Gelingt es PayPal, sich als Standard-Zahlungsdienst für KI-Agenten zu etablieren, könnte das Unternehmen von jeder automatisierten Kaufentscheidung profitieren, unabhängig vom Frontend. Scheitert dieser Anspruch, droht die Marginalisierung gegenüber besser integrierten Ökosystemen.
Wette auf die nächste Handelsgeneration
PayPals Vorstoß in den Agentic Commerce ist weniger ein Marketing-Move als eine strategische Wette auf die nächste Phase des digitalen Handels. Die Vision ist klar: PayPal will dort sein, wo KI entscheidet. Ob daraus neues Wachstum entsteht, hängt davon ab, wie schnell sich KI-gestütztes Einkaufen tatsächlich im Massenmarkt durchsetzt und ob PayPal seine technologische Präsenz in nachhaltige Erlöse übersetzen kann.
Langfristig könnte sich zeigen, dass nicht die sichtbarste Marke gewinnt, sondern die zuverlässigste Infrastruktur. Zumindest scheint Paypal genau darauf zu setzen.

