Mehr als 14.000 Filialen, über 175 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr und fast 600.000 Mitarbeiter: Die Schwarz-Gruppe ist mit ihren Marken Lidl und Kaufland ein Gigant im europäischen Lebensmittel-Einzelhandel. Das Unternehmen deckt ein breites Spektrum ab – von der Eigenproduktion und dem Verkauf von Lebensmitteln bis hin zu Recycling und Entsorgung. Doch auch in den Bereichen IT, Cloud-Infrastruktur und Cybersecurity wird die Schwarz-Gruppe zunehmend aktiv. Ende 2023 wurde mit Schwarz Digits eine digitale Geschäftseinheit gegründet.
Sie soll die Marktposition der Dachmarke weiter festigen – und darüber hinaus neue Maßstäbe setzen. Im Mai 2025 verkündete das Unternehmen im Rahmen der Technology Experience Convention Heilbronn (TECH) ein ehrgeiziges Ziel: Schwarz Digits baut die eigene, souveräne Cloud STACKIT zum deutschen Hyperscaler aus.
Ein Hyperscaler ist ein Unternehmen im IT-Sektor, das große Rechenzentrums-Infrastrukturen betreibt und weltweit skalierbare Cloud-Dienste anbietet. Solche Anbieter stellen anderen Unternehmen flexibel Rechenleistung, Speicher und Netzwerkressourcen zur Verfügung. STACKIT hebt sich dabei bewusst von anderen Cloud-Anbietern ab. Der Fokus liegt auf Datenschutz „Made in Germany“ und vollständiger DSGVO-Konformität. Souveränität ist dabei das zentrale Stichwort. Ziel ist es, Unternehmen eine Alternative zu bieten, bei der keine Datenübermittlung in Drittländer notwendig ist. Damit grenzt sich STACKIT klar von etablierten Anbietern wie AWS (Amazon), Azure (Microsoft) oder der Google Cloud ab.
Schwarz Digits: Europäische Alternative zu US-Clouds
Noch sind Skalierbarkeit, Portfolioumfang und Innovationskraft nicht mit den Platzhirschen der Branche vergleichbar. Die Marktforscher des Beratungsunternehmens PAC trauen STACKIT aber signifikantes Wachstum zu, auch in Sachen Portfolio. „Bei den derzeitigen Diskussionen zu digitaler Souveränität kann STACKIT in vielerlei Hinsicht punkten. Etwa mit EU-Hauptsitz, EU-Rechenzentren, EU-Personal sowie einem strikten Open-Source-Ansatz“, sagt Karsten Leclerque, Head of Infrastructure & Cloud Services Practice bei PAC. Externe Kunden wie die Polizei Baden-Württemberg oder das Bundesministerium für Arbeit zeigen das große Interesse, insbesondere regulierter Branchen, an souveränen Cloud-Lösungen. Aber auch in anderen Branchen sieht PAC große Dynamik und Interesse.

Der Public Cloud-Infrastruktur-Markt von zehn Milliarden Euro allein in Deutschland wird sich nach PAC-Prognose bis 2030 mehr als verdoppeln. PAC erwartet, dass etwa zehn Prozent davon auf Sovereign Cloud-Lösungen entfallen werden – also auf Lösungen, die sicherstellen, dass Daten ausschließlich innerhalb eines bestimmten Landes oder Rechtsraums verarbeitet und gespeichert werden. Cloud-Lösungen, die dediziert für einzelne Kunden realisiert werden, noch gar nicht mitgerechnet. „Der Markt ist groß genug für mehrere Anbieter und verschiedene Cloud-Modelle mit unterschiedlichen Ausprägungen hinsichtlich digitaler Souveränität“, sagt Leclerque.
Marken Lidl und Kaufland migrieren ihr ERP in hauseigene Cloud
Der Digitalisierungsvorstoß soll der Schwarz-Gruppe aber nicht nur neue Geschäftsfelder eröffnen und anderen Unternehmen zugutekommen. Auch die eigenen Marken Lidl und Kaufland profitieren von den datenschutzfreundlichen Lösungen. So migriert die Schwarz Gruppe die SAP ERP-Systeme von Lidl und Kaufland in die eigene Cloud-Plattform STACKIT. Der deutsche Softwareanbieter SAP und Schwarz Digits sind dafür eine entsprechende Partnerschaft eingegangen.
Sie ermöglicht es generell allen Kunden des Cloud-Service-Angebots „RISE with SAP“, ihre SAP ERP-Anwendungen künftig in der STACKIT-Cloud betreiben zu lassen – ihnen bietet sich somit eine Alternative zu US-Clouds, die speziell auf die Bedürfnisse des deutschsprachigen Raums zugeschnitten ist.
Marketing und Support wird mit KI von Aleph Alpha optimiert
Gleichzeitig sieht der Einzelhandelsriese großes Potenzial für KI-Anwendungen. Bereits 2023 investierten Unternehmen der Schwarz Gruppe gemeinsam mit sechs weiteren Investoren in den deutschen KI-Anbieter Aleph Alpha. Erste kommerziell genutzte KI-Anwendungen kamen in der Schwarz Gruppe im Bereich Marketing und Customer Support zum Einsatz. Beispielsweise wird Aleph Alpha genutzt, um Produktbeschreibungen effizienter zu erstellen oder den Workflow von Kundenanfragen zu optimieren.
Im Mittelpunkt stehen aktuell Anwendungen, die komplexe daten- und dokumentenbasierte Arbeitsabläufe unterstützen. Hier wird beispielsweise die Bearbeitung der vielfältigen Regulierungsanforderungen vereinfacht oder auch komplexe Supply-Chain-Sustainability-Fragen beantwortet und automatisiert. Um zu verhindern, dass beim Training einer KI das Wissen von Unternehmen an Dritte abfließt, kann die PhariaAI Suite von Aleph Alpha seit diesem Jahr ebenfalls über die Cloud-Plattform von Schwarz Digits genutzt werden. Somit wird eine Art KI-Betriebssystem verfügbar, mit dem KI in einem sicheren Umfeld entwickelt, trainiert und genutzt werden kann.
Namhafte Kooperationen für Schwarz Digits
Wie sehr sich der Handelsriese transformiert und im IT-Markt einen Namen macht, zeigen auch prominente Kooperationen. Ende 2024 hat Schwarz Digits zusammen mit der Deutschen Bahn die DataHub Europe gegründet – eine Plattform, die Daten aus Industrie und Medien zusammenführt, aufbereitet und kuratiert. Die qualitativ hochwertigen Daten werden Industriepartnern bereitgestellt, um KI-Modelle in einer sicheren Infrastruktur zu trainieren. Eine erste resultierende Anwendung ist beispielsweise AuditGPT. Die KI-Lösung erleichtert die Revisionsarbeit und standardisiert die Erstellung von Prüfberichten über verschiedene Fachbereiche hinweg in einem sicheren, datenschutzkonformen Umfeld. So können Mitarbeitende zu Gunsten anderer Tätigkeiten entlastet werden. Die Lösung wird bei der Deutschen Bahn und in der Schwarz Gruppe erstmals umgesetzt.
Auch im Bereich Cybersicherheit hat sich Schwarz Digits seit der Übernahme des israelischen IT-Security-Unternehmen XM Cyber im Jahr 2021 einen sehr guten Ruf aufgebaut. Im Mai dieses Jahres wurde bekannt, dass die HypoVereinsbank (HVB) und Schwarz Digits eine Cybersecurity-Partnerschaft eingehen. Ziel ist es, Geschäftsprozesse von Unternehmen abzusichern und aufrechtzuerhalten. Die HypoVereinsbank plant, ihre Unternehmenskunden künftig auch beim Thema Cybersecurity zu unterstützen, indem sie die Lösung XM Cyber vermittelt.
Wie Porsche für VW: Wenn Marken strahlen
Diese vielfältigen Aktivitäten zeigen: In der Schwarz Gruppe wird technologische Infrastruktur immer stärker zum Teil der Wertschöpfungskette. Das hat Auswirkungen auf die Markenführung. Sie verändert sich grundlegend, da sich die von der Marke angebotenen Leistungen verändern. „Der neue IT-Bereich benötigt eine eigene Identität und Führung“, sagt Christoph Burmann, Professor für innovatives Markenmanagement an der Universität Bremen.

Ebenso wie Amazon für sein IT-Geschäft die Marke AWS (Amazon Web Services) nutzt, sollte dem Markenexperten zufolge auch die Schwarz Gruppe mit einem eigenständigen Markennamen – möglichst ohne deutliche formale Bezüge zur Schwarz Gruppe – agieren und den Bereich organisatorisch verselbständigen. Vor allem auch deshalb, weil zukünftig auch Wettbewerber aus dem Einzelhandel Kunde im IT-Bereich der Schwarz Gruppe werden können und sollen.
„Trotzdem kann die Schwarz-Gruppe von einem wachsenden und ausgegliederten IT-Bereich profitieren, weil es – bei einem Erfolg – positive Abstrahleffekte auf die ganze Gruppe gibt. Das ist vergleichbar mit der Ausstrahlung der Marken Bugatti, Lamborghini und Porsche auf den VW-Konzern“, so der Markenexperte. Die Herausforderung liege in der klaren Trennung und höchstmöglichen Eigenständigkeit des IT-Bereiches in der Schwarz-Gruppe. „Es darf am Ende intern und extern nicht der Eindruck entstehen, es handele sich um einen Einzelhändler mit angeschlossener IT-Abteilung“, sagt Burmann.
Chance, neben SAP eine zweite weltweit agierende IT-Marke aufzubauen
Was die Größte betrifft, ist man auf einem guten Weg. Zu Schwarz Digits gehören mittlerweile 8.000 Mitarbeiter der Marken Schwarz IT, Schwarz Digital, STACKIT, XM Cyber, Lidl e-commerce, Kaufland e-commerce, Schwarz Media und mmmake. Mit seinen Technologie-Angeboten positioniert sich die Marke klar als Vorreiter der digitalen Souveränität in Europa, insbesondere mit seiner deutschen Cloud-Infrastruktur als Alternative zu US-Big-Tech.
Abhängigkeiten von außereuropäischen Konzernen werden damit deutlich reduziert und Datenschutzrisiken minimiert. Das wirkt sich langfristig positiv auf die Markenwahrnehmung aus. „Vertrauen ist für Marken überlebenswichtig“, betont Burmann. Deswegen sei es für den IT-Bereich der Schwarz Gruppe essenziell, höchste Datenschutzstandards und höchste Sicherheitsniveaus sicherzustellen. „Je klarer die IT-Marke vom Rest der Schwarz Gruppe getrennt ist, desto geringer werden die Risiken im Falle von IT-Problemen“, sagt Burmann.
Die intensiven IT-Aktivitäten der Schwarz Gruppe könnten sogar Auswirkungen auf europäische Digitalstrategien haben. Zum einen zeigt die Entwicklung der Schwarz Gruppe, wie europäische Unternehmen durch den Fokus auf digitale Souveränität unabhängiger von globalen Tech-Giganten werden können. Zum anderen fördert das Unternehmen durch Initiativen wie den DataHub Europe die Entwicklung eines europäischen Ökosystems für KI und Daten.
Nicht zuletzt könnte die Schwarz Gruppe sogar andere Branchen inspirieren, ihre souveräne technologische Infrastruktur zu nutzen. „Die große Chance der Schwarz Gruppe besteht darin, neben SAP eine zweite weltweit agierende IT-Marke aus Deutschland aufzubauen“, sagt Markenmanagement-Experte Burmann. Die Markenherkunft aus Deutschland sei dabei essenziell, denn im Ausland werde den Deutschen zugetraut, hohe Sicherheit und höchstes Vertrauen im IT-Bereich abliefern zu können – anders als IT-Konzernen aus dem Silicon Valley.
