Wenn KI die Junioren ersetzt – woher kommt dann morgen der Senior? 

Juniorpositionen fallen zunehmend der KI zum Opfer und mit ihnen die Basis für zukünftige Führungskräfte. Unser Gastautor Philipp Spreer plädiert dafür, Einstiegsjobs neu zu denken: als Lernräume für das Zeitalter der Human-AI-Co-Creation.
Philipp Spreer ist Managing Partner und Geschäftsführer der Digitalberatung Elaboratum.
Philipp Spreer ist Managing Partner und Geschäftsführer bei der Digitalberatung Elaboratum. (© Elaboratum, Montage: Marcus Weyerke)

Die Diskussion um den Einsatz generativer KI hat längst den akademischen Elfenbeinturm verlassen und trifft jetzt auf die harte Realität des Arbeitsmarkts. Besonders betroffen sind die klassischen Einstiegspositionen. In Tech-Konzernen, Beratungen, Kreativagenturen oder Medienhäusern werden einfachere Aufgaben zunehmend automatisiert – also genau jene Tätigkeiten, mit denen Junior*innen bislang oft ihre Karrieren gestartet haben. 

Was nach Effizienzgewinn klingt, birgt ein tiefgreifendes Risiko: Wenn der erste Karriereschritt wegfällt, wird es eng mit dem zweiten. Wo keine Junioren starten, da wachsen keine Seniors nach. 

KI ersetzt Aufgaben, keine Menschen 

Viele Studien belegen, dass generative KI insbesondere Aufgaben übernimmt, die strukturiert, repetitiv und leicht skalierbar sind, also Tätigkeiten wie Recherchieren, Zusammenfassen, Erstellen von Erstentwürfen oder einfache Analysearbeiten. All das sind typische Aufgaben von Berufseinsteiger*innen. 

Doch genau hier liegt das Problem: Wenn Unternehmen sich zu sehr darauf verlassen, dass KI diese Aufgaben „effizienter“ erledigt, wird aus kurzfristiger Einsparung ein langfristiger Verlust an Wissen, Kultur und Perspektive. Denn die Juniorrolle ist kein Selbstzweck. Sie ist Lernplattform, Erfahrungsraum, Mentoring-Zeit. Wer diesen Raum abschafft, spart an der falschen Stelle. Und vielleicht noch wichtiger: Neben vermeintlich repetitiven Aufgaben erreichen Juniors immer wieder auch echte Durchbrüche – diese drohen dann, verloren zu gehen. 

Talententwicklung braucht neue Modelle 

Natürlich lässt sich die Welt nicht zurückdrehen, das wäre auch falsch. Der technologische Fortschritt ist da, und er bietet Chancen. Aber statt Juniorpositionen wegzurationalisieren, sollten Unternehmen sie neu denken. Es wird nun wichtiger denn je, diese nicht als reine „Abarbeitungsstationen“ und verlängerte Werkbank zu verstehen, sondern als echte Lern- und Experimentierfelder. 

Dazu gehört auch ein Umdenken in der Talentstrategie. Klassische Karriereleitern mit starren Hierarchien könnten durch flexiblere Modelle ersetzt werden, die kontinuierliches Lernen und Mitgestaltung fördern, etwa durch projektbasierte Rotation, Tandemarbeit mit KI-Systemen oder sogenannte „Learning Assignments“, bei denen Einsteiger*innen gezielt Kompetenzen im Umgang mit Technologie, Daten und Kundenbedürfnissen aufbauen können. 

Human-AI-Co-Creation als Leitprinzip 

Die Zukunft gehört nicht der KI allein, sondern der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Human-AI-Co-Creation bedeutet, dass junge Talente von Anfang an lernen, KI nicht als Konkurrenz zu sehen, sondern als Werkzeug. So entstehen Kompetenzen, die weit über technische Fähigkeiten hinausgehen: kritisches Denken, Problemlösung, ethisches Abwägen. 

Es geht also nicht darum, Aufgaben stumpf auszuführen, sondern zu verstehen, wie man gemeinsam mit KI neue Lösungen findet. Diese Art des Arbeitens lässt sich nicht simulieren oder aus dem Lehrbuch lernen. Sie braucht Erfahrung (inklusive wichtiger Momente des begleiteten Scheiterns) und dafür brauchen wir Juniorrollen, die diesen Erfahrungsraum ermöglichen. 

Mehr soziale Durchlässigkeit, mehr Zukunftssicherheit 

Ein letzter, oft übersehener Aspekt ist, dass der Wegfall von Einstiegspositionen auch die soziale Durchlässigkeit im Arbeitsmarkt gefährdet. Wer keine Türöffner mehr hat, bleibt draußen. Und damit verlieren Unternehmen nicht nur potenzielle Führungskräfte, sondern auch Vielfalt, neue Perspektiven und Innovationskraft. 

Fazit: Neue Wege für Aufstieg und Entwicklung 

KI ersetzt keine Junior*innen, sie ersetzt wiederholbare Tätigkeiten. Die zentrale Frage lautet daher nicht: Wie viele Einstiegsjobs können wir automatisieren? Sondern: Wie gestalten wir diese Positionen so um, dass sie im Zeitalter der KI sinnvoll bleiben? Wer das ernst nimmt, entwickelt nicht nur Talente, sondern die Führungskräfte von morgen.