Website-Internet: Ist das der Anfang vom Ende?  

Das Internet war lange ein Sammelbecken für Inhalte aller Art. Doch jetzt liegt das Wissen zunehmend bei der KI und das Internet bekommt ein neues Interface. Mit weitreichenden Folgen für das Marketing. 
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Haben Sie schon den neuen Comet-Browser des KI-Anbieters Perplexity ausprobiert? Wahrscheinlich nicht, denn aktuell gibt es eine Warteliste – oder Sie nutzen ein kostenpflichtiges Super-Abo für 200 US-Dollar pro Monat. Das knappe Angebot zeigt es deutlich: Noch sind KI-Browser eine Rarität, etwas Neues, Besonderes. Doch das dürfte sich schnell ändern. Andere KI-Anbieter scharren bereits mit den Hufen.  

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge steht auch KI-Platzhirsch OpenAI kurz vor der Veröffentlichung eines KI-gestützten Browsers. Wenn dieser von den rund 700 Millionen wöchentlich aktiven Nutzern von ChatGPT übernommen wird, haben Google und alle anderen Suchmaschinen ein Problem.  

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Mit Dia (von The Browser Company) steht ein weiterer KI-Browser in den Startlöchern. Auch das KI-Start-up Brave hat einen KI-gestützten Browser veröffentlicht, der Online-Inhalte zusammenfasst. Wenn klassische KI-Chats im Laufe dieses Jahres auch noch von KI-Browsern ergänzt werden, dürften die so genannten Zero-Klick-Suchen durch die Decke gehen – also Informationssuchen, bei denen Nutzer fündig werden, ohne eine Website aufsuchen zu müssen.  

KI-Browser: Das Internet bekommt ein neues Interface 

Die Oberfläche des neuen Perplexity Browsers bietet unter einem großen Chatfenster Platz für diverse Apps zum Beispiel die E-Mail-, Wetter- oder eine Kalender-App. Zwar lässt sich auch eine URL noch händisch eintragen, aber Usus dürfte künftig sein, dass Informationssuchende eine Frage formulieren und die Antwort direkt erhalten. Perplexity selbst bewirbt seinen Browser mit dem Slogan „Comet ermöglicht einen Wandel vom Browsen zum Denken.“  

Ist das der Anfang vom Ende klassischer Websites? Und vom Surfen im Internet? Vielleicht. Man wird abwarten müssen, wie die etablierten Player reagieren und ob am Ende nicht eine Mischung aus Antwortmaschine und Inhaltszusammenfassung das Ergebnis ist.  

Inhalte dürfen nicht mehr für Klicks, sondern für Sichtbarkeit aufbereitet werden 

Doch eines ist schon jetzt sicher: Marken müssen umdenken, denn es sind nicht nur die KI-Browser, die Websitebesuche überflüssig machen. Featured Snippets (kleine Textschnipsel, die in der Suchmaschine auf der Ergebnisseite erscheinen), Informationsboxen im oberen Bereich der Suchergebnisseite, direkte Antworten, integrierte Umrechnungstools oder auch PAA-Formate (People Also Ask) sorgen bereits auf klassischen Suchergebnisseiten dafür, dass immer weniger Websites angesurft werden. Verschiedene Reports gehen von mehr als 60 Prozent aller Suchanfragen aus, die keinen Klick auf eine Website auslösen. Tendenz steigend. 

Die wichtigste Prämisse lautet daher künftig: Inhalte müssen nicht mehr für Klicks, sondern für die Sichtbarkeit aufbereitet werden. Dafür ist es zwingend nötig, inhaltlich nutzwertige Beiträge zu erstellen, die auch bei Zero-Click-Suchen Vertrauen und Markenbekanntheit fördern. Außerdem gilt es mehr denn je, gut strukturierte und inhaltlich tiefe Antworten auf häufige Nutzerfragen zu liefern. Erst das ermöglicht die Sichtbarkeit in KI-Chats. Jetzt gilt es, semantisch zu optimieren. Keywords und Keyword-Dichte hingegen werden zum Auslaufmodell. 

Schon gehört? 

Nach dem Übernahmeangebot von JD.com an das Mutterunternehmen von Media Markt und Saturn, Ceconomy, sucht der chinesische E-Commerce-Gigant weiter die Nähe europäischer Anbieter und kooperiert mit IKEA. Auf der chinesischen Plattform JD.com hat das schwedische Möbelhaus offiziell einen Flagshipstore eröffnet. Unter anderem wird IKEA mit JD Logistics zusammenarbeiten, um dessen landesweites internes Liefernetzwerk für die Paketabwicklung ab dem Flagship-Store zu nutzen. 

Online zieht der Einzelhandel durch immer exaktere Werbemöglichkeiten zunehmend das Interesse der Marketer auf sich. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) hat jetzt eine neue Version seiner Retail Media Landscape veröffentlicht. Immer mehr Player drängen demnach auf den Markt, insbesondere in den Bereichen Retailer, Adtech-Provider und Agenturen. Auch die von First-Party-Daten befeuerte Retail-Media-Offsite-Vermarktung gilt als Wachstumsmarkt. Ein wichtiger Treiber ist hier die KI: Mit ihrer Hilfe lassen sich Werbekampagnen noch präziser und effizienter skalieren und personalisieren. 

Übrigens: Als OpenAI-Chef Sam Altman am vergangenen Donnerstag ChatGPT-5 vorstellte, sprach er davon, dass es das menschlichste KI-Sprachmodell ist, das seine Firma je hervorgebracht hat. Die KI kann nun wahlweise wie ein „Zyniker“, ein „Roboter“, ein „Zuhörer“, ein „Coach“ oder wie ein „Nerd“ reagieren. Wie ein Zyniker? Die Menschheit hat es also geschafft, einer Maschine nicht nur das Denken, sondern auch Zynismus beizubringen – welch ironischer Triumph. 

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.