„Scheitern ist kein Wert an sich“

In den aktuellen Insights beantworten BVMC-Mitglieder diese Frage: Braucht Marketing mehr Mut zum Scheitern – oder einfach mehr Disziplin?
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Jeden Monat stellen wir den Mitgliedern aus verschiedenen Marketing Clubs eine Frage. Diesmal geht es um das Thema Mut zum Scheitern. (© Unsplash / Micah Sammie Chaffin, Montage: Wolfram Esser)
Nicole Bärwinkel
Nicole Bärwinkel vom Marketing Club Weser-Ems (Region Nord)

Nicole Bärwinkel, Prokuristin und Projektleitung bei Feinrot Kreativgesellschaft:

„Marketing braucht keinen Mut zum Scheitern, denn Marketing ohne Mut scheitert meist als Erstes – und wird zum Lehrgeld für alle, die die AIDA-Formel nicht kennen: Attention, Interest, Desire, Action. Ohne Mut zur Unterscheidung versagt Werbung schon an der ersten Hürde: Aufmerksamkeit. Um diese Hürde und die darauffolgenden zu nehmen, setzen wir auf die Verbindung von Kreativität mit Effektivität. Soll heißen: Keine bloße Effekthascherei, die nur nach Aufmerksamkeit schreit, sondern eine weitergedachte, höchst präzise und zielorientierte Kreativität, die das gewünschte Ergebnis immer im Blick hat. Wir nennen es ‚effektiv kreativ‘ – diszipliniert umgesetzt, wird so aus Mut Erfolg.“


Philipp Bierbaum
Philipp Bierbaum vom Marketing Club Frankfurt (Region Süd-West)

Philipp Bierbaum, Geschäftsführender Gesellschafter bei Damm & Bierbaum:

„Marketing braucht beides – aber in der richtigen Reihenfolge. Ohne Mut entsteht keine Relevanz. Die Algorithmen sind effizient, die Budgets oft durchoptimiert, die Dashboards voll. Was fehlt, sind Ideen mit Ecken, Kanten und Haltung. Marken, die auffallen, haben fast immer etwas riskiert: eine klare Meinung, eine ungewohnte Inszenierung, einen Bruch mit dem Erwartbaren. Wer nur auf Benchmarks schielt, wird nie Benchmark. Aber: Mut ohne Disziplin ist kein Wagnis, sondern Zufall. Kreativität braucht ein strategisches Fundament, saubere Messlogiken und die Bereitschaft, aus Fehlern systematisch zu lernen. Scheitern ist kein Wert an sich – es ist nur dann wertvoll, wenn es Erkenntnisse produziert.“


Petra Kreibich
Petra Kreibich vom Marketing Club Allgäu (Region Süd)

Petra Kreibich, Geschäftsführerin bei KAD Kongresse & Events:

„Das echte Leben ist nicht perfekt – warum sollte es Marketing sein? Wer alles glattbügelt, nimmt Ideen ihre Kanten. Gerade im Scheitern entstehen neue Perspektiven: andere Blickwinkel, ehrliche Erkenntnisse, echtes Lernen. Mut bedeutet, Dinge auszuprobieren, die nicht garantiert funktionieren. Disziplin bedeutet, trotzdem weiterzugehen, auszuwerten und besser zu werden. Fortschritt entsteht genau dazwischen – wenn wir den Mut haben, zu scheitern, und die Disziplin, daraus weiterzukommen.“


Luis Noschang
Luis Noschang, vom Marketing Club Harz (Region Nord)

Luis Noschang, Dozent für Marketing an der Hochschule Harz:

„Wenn Scheitern bedeuten kann, dass ein Unternehmen existenziell gefährdet ist, ist es schwer – gerade von kleineren Firmen – zu erwarten, ‚all in‘ zu gehen. Aus Forschungssicht zeigt sich eher ein Disziplinproblem: Es wird zu wenig Zeit und Budget eingeplant, um neue Tools und Methoden zu erlernen, veränderte Kundenbedürfnisse zu verstehen und Maßnahmen sauber zu testen. Im Zeitalter agiler Arbeitsweisen werden Ergebnisse zudem oft zu schnell erwartet und Maßnahmen zu früh bewertet – obwohl viele Veränderungen erst mit der Zeit Wirkung zeigen. Mut ja – aber als schrittweises Vorgehen, mit klaren Zielen, Messlogik und Konsequenz.“