Meta kassiert Milliarden mit mutmaßlich betrügerischen Anzeigen

Interne Unterlagen belegen laut Reuters, dass Meta 2024 rund zehn Prozent seines Umsatzes mit Werbung für Betrug und verbotene Produkte machte. Der Konzern weiß um das Problem – und reagiert nur halbherzig.
Syndication: USA TODAY CEO and founder of Meta, Mark Zuckerberg, listens to questions during a Senate Judiciary Committee hearing on Jan. 31, 2024. McLean , EDITORIAL USE ONLY PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xAmandaxAndrade-RhoadesxforxUSAxTODAYx USATSI_23960185
Meta-Chef Mark Zuckerberg steht wegen mutmaßlich betrügerischer Werbung unter Druck. (© Imago / Amanda Andrade-Rhoades)

Meta hat im Jahr 2024 rund 16 Milliarden US-Dollar mit Anzeigen verdient, die für Betrug und illegale Produkte warben. Das entspricht 10,1 Prozent des Jahresumsatzes. Das geht aus internen Unterlagen hervor, die Reuters vorliegen. Auf Facebook, Instagram und WhatsApp sollen täglich bis zu 15 Milliarden solcher Anzeigen laufen – die „höher riskanten“ unter ihnen bringen dem Konzern jährlich etwa sieben Milliarden Dollar ein.

Wer einmal auf eine dieser Fake-Anzeigen klickt, wird vom Algorithmus künftig mit noch mehr davon versorgt. Das System lernt – nur leider in die falsche Richtung.

Hohe Hürden für Sperrungen

Laut den Dokumenten sperrt Meta betrügerische Werbekonten erst, wenn die automatischen Prüfsysteme mit mindestens 95 Prozent Sicherheit auf Betrug schließen. Liegt die Wahrscheinlichkeit darunter, dürfen die Anzeigen weiterlaufen – allerdings zu einem höheren Preis. Meta nennt das „Penalty Bid“, eine Art Strafaufschlag. Offiziell soll das abschrecken. Praktisch verdient Meta auch daran.

Meta-Sprecher Andy Stone weist die Vorwürfe zurück. Die Dokumente zeichneten „ein selektives Bild“ und „verzerrten Metas Vorgehen gegen Scams“. Die 10,1-Prozent-Schätzung sei „grob und überinklusive“. Der tatsächliche Anteil liege niedriger. Man kämpfe „aggressiv gegen Betrug“, so Stone. In den vergangenen 18 Monaten seien die Beschwerden über Scam Ads weltweit um 58 Prozent zurückgegangen; 134 Millionen betrügerische Anzeigen seien 2025 bereits entfernt worden.

Schutzzaun fürs Metas Wachstum

In der ersten Jahreshälfte 2025 sollten Maßnahmen gegen verdächtige Werber nur umgesetzt werden, wenn sie den Konzernumsatz um höchstens 0,15 Prozent schmälern – etwa 135 Millionen Dollar. Reuters spricht von einem „finanziellen Schutzzaun“, den Meta-Manager selbst so genannt haben. Langfristig will das Unternehmen den Anteil der Werbeeinnahmen aus Scams und verbotenen Produkten senken: von 10,1 Prozent (2024) auf 7,3 Prozent bis Ende 2025, 6 Prozent bis 2026 und 5,8 Prozent bis 2027. Ein zu striktes Vorgehen könne, so die interne Befürchtung, das Wachstum gefährden.

Nach einer Sitzung mit Mark Zuckerberg im Oktober 2024 entschied sich Meta laut den Papieren für einen „moderaten Ansatz“ – der Fokus liege auf Ländern, in denen kurzfristig Regulierung drohe.

Eine interne Analyse vom April 2025 kommt zu einem deutlichen Ergebnis: „Es ist einfacher, Betrugsanzeigen auf Meta zu schalten als bei Google.“ Das System sei anfälliger als das der Konkurrenz. Auch Behörden sind alarmiert: Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt wegen betrügerischer Finanzanzeigen, und in Großbritannien stellte ein Regulator fest, dass Meta-Produkte 2023 an 54 Prozent aller Zahlungsbetrugsfälle beteiligt waren – mehr als alle anderen sozialen Plattformen zusammen.

Wenn Regulierung und Rendite kollidieren

Wie Reuters zeigt, zieht Meta trotz öffentlicher Kritik klare Grenzen. Selbst bei Verdacht dürfen große Werbekunden – sogenannte High Value Accounts – laut den Dokumenten teils Hunderte Verstöße ansammeln, bevor Konsequenzen folgen. Kleinere Werber werden schneller gesperrt. Der Konzern rechne intern mit Strafen bis zu einer Milliarde Dollar – weniger, als er mit den fragwürdigen Anzeigen einnimmt.

Dass Metas Problem reale Folgen hat, zeigen zahlreiche Betrugsfälle. Reuters schildert etwa gehackte Nutzerkonten, die für Krypto-Betrug missbraucht wurden – mit teils hohen finanziellen Verlusten für Opfer weltweit. Auch im organischen Bereich ist das Ausmaß enorm: Laut den Unterlagen sind Nutzerinnen und Nutzer täglich 22 Milliarden Betrugsversuchen durch Fake-Profile, gefälschte Shops oder Jobangebote ausgesetzt.

Meta zwischen Verantwortung und Wachstum

Schon 2022 galt Scam-Werbung bei Meta intern als „low severity“, ein reines Ärgernis für Nutzerinnen und Nutzer. Nach internen Kürzungen war zeitweise kaum Personal für Marken- und Sicherheitsfragen verfügbar – die Teams sollten laut einem Memo nur noch „die Lichter am Laufen halten“.

Gleichzeitig investiert der Konzern Milliarden in KI und neue Rechenzentren, während er laut den Dokumenten weiter von fragwürdigen Werbeeinnahmen profitiert. Das Ziel: stark wachsen, ohne zu viel Umsatz durch strengere Kontrollen zu verlieren.

Der Fall zeigt, wie schwierig der Spagat für Tech-Konzerne geworden ist: zwischen Regulierung und Rendite, zwischen Verantwortung und Wachstum. Dass Meta nun stärker gegen Scam Ads vorgehen will, ist vor allem eine Frage des Selbstschutzes – wirtschaftlich wie politisch.

(amx, Jahrgang 1989) ist seit Juli 2025 Chefredakteur der absatzwirtschaft. Er ist weder Native noch Immigrant, doch auf jeden Fall Digital. Der Wahlberliner mit einem Faible für Nischenthemen verfügt über ein breites Interessenspektrum, was sich bei ihm auch beruflich niederschlägt: So hat er bereits beim Playboy, in der Agentur C3 sowie beim Branchendienst Meedia gearbeitet.