Kopfsprung für den grünen Stahl 

Ruhrgebietskumpel fordern den Einsatz klimaneutraler Technologie. Ökonomen sagen, wie der Weg dorthin besser funktionieren könnte.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Springen 100 Stahlarbeiter ins Hafenbecken, ist Aufmerksamkeit garantiert. Zumal bei dieser Botschaft: „Unser Stahl darf nicht baden gehen.“ Schauplatz: Das Ruhrgebiet, seit jeher Hochburg von Protesten gegen Gruben- und Werksschließungen. Die Kumpel jedoch, die sich vergangenen Freitag im Duisburger Innenhafen bei 16 Grad Außentemperatur ins Wasser stürzten, schwammen nicht für den Status quo. Sondern für Innovation. Genauer gesagt: für den Einstieg in eine grüne Stahlproduktion. Ihr Arbeitgeber Arcelor Mittal hatte die Investition für einen Elektrolichtbogenofen, eine Ersatztechnologie für konventionelle Hochöfen, erst zugesagt, dann gestoppt: zu teuer. 

450 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Es geht aber nicht nur um Strukturwandel, es geht auch um ein Versprechen: dass die Politik den Umbau zur klimaneutralen Volkswirtschaft mit Subventionen erleichtert. Schließlich war genau dies ein Herzstück des Green Deal der EU. Um hohe Anlaufkosten und Wettbewerbsnachteile für strategisch wichtige Industriezweige abzufedern, sollte der Staat eine Art Zwischenfinanzierung bereitstellen, bis die Nachfrage nach grünen Produkten steigt und die Kosten im Zuge einer Skalierung sinken würden. Klingt wie eine gute Idee. Funktioniert in der Praxis aber eher schlecht als recht. Zu teuer? 

Klimapolitik bleibt unter den Erwartungen 

Niemand würde wohl derzeit ernsthaft behaupten, dass die Politik alle Register zieht, um Umwelt und Klima zu schützen. Obwohl laut Peoples Climate Vote, einer Umfrage der Vereinten Nationen unter 73.000 Menschen aus 77 Ländern, 80 Prozent der Weltbevölkerung stärkere Maßnahmen zum Klimaschutz befürworten. Eine wissenschaftliche Studie ermittelt sogar eine Quote von 89 Prozent. Zugespitzt formuliert: Trotz einer hohen Nachfrage nach Klimapolitik bleibt das Angebot unterhalb der Erwartungen, und das liegt nicht nur an Donald Trump. Umweltökonomen sprechen vom „Klimaschutzparadoxon“, wie in diesem Aufsatz (Disclosure: Der Co-Autor ist der Bruder der Kolumnistin).  

Plädoyer für eine „missionsgetriebene“ Industriepolitik 

Vielleicht braucht staatliche Förderung ein neues Design, um besser zu gelingen? Das Münchner ifo-Institut schlägt eine „missionsorientierte“ Industriepolitik vor, die Subventionsempfänger auf große gesellschaftliche Ziele wie Klimaneutralität verpflichtet. Weniger Geld für tagesaktuelle Einzelprojekte, dafür mehr für Forschung und Entwicklung. Unternehmen würden technologieoffen und im Wettbewerb miteinander um die besten Lösungen ringen. Es wäre ein Paradigmenwechsel in der Innovationsförderung und ein Turbo für Zukunftstechnologie.  

Die Wärmepumpe ist inzwischen ein Verkaufsschlager 

Wie viel sich erreichen lässt, wenn man es richtig anpackt, zeigt ausgerechnet das Beispiel Wärmepumpe. Noch vor zwei Jahren für viele ein Symbol grüner Regulierungswut, ist sie in Windeseile zum Verkaufsschlager mutiert: Ihr Absatz stieg im ersten Halbjahr 2025 um 55 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Erstmals lag damit ein erneuerbares Heizsystem auf Platz eins des Heizungsmarkts. Offenbar haben attraktive Förderkonditionen auch zunächst skeptische Konsumentinnen und Konsumenten zu einer ideologiefreien Betrachtung der Technik bewogen. Die wirkungsvollsten Botschaften führen nun mal über den Geldbeutel. 

Insolvenz, neues Geschäftsmodell – und dann an die Börse 

Zum Schluss ein Mutmacher, auch er hat mit Strukturwandel zu tun. Erinnern Sie sich an das Münchner Start-up Sono Motors und seinen verzweifelten Kampf um das Solar-Elektroauto Sion? Nachdem in die Entwicklung bereits viele Millionen Euro geflossen waren, wollten Investoren nicht mehr nachschießen, zu wenige potenzielle Autokäufer gaben Bestellungen auf. Es kam zur Insolvenz – und das Start-up sattelte um: Unter dem Markennamen Sono Solar produziert es jetzt Solarkits für Busse und Lkw, die den Spritverbrauch reduzieren. Seit einer Woche werden die Aktien der Muttergesellschaft an der US-Technologiebörse Nasdaq gehandelt.  

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick! 

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.