Jobangst: Wie schaffen Firmen psychologische Sicherheit?

Während bei Shopify über KI statt neuer Stellen geredet wird, sind Mitarbeitende bei Komoot durch eine Übernahme geschockt. Viele Unternehmen scheinen im Rationalisierungswahn zu sein. Was macht das mit den Mitarbeitenden?
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Schaut man sich die Schlagzeilen zur deutschen Industrie an, könnte man glauben, dass das Wort Arbeitsplatzsicherheit längst zum Fremdwort geworden ist. Kaum eine Branche, kaum eine Stelle ist wirklich sicher. Die Berichte über Massenentlassungen in der Industrie sind schon fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber auch Jobs in Marketing, Agenturen und Tech fühlen sich mittlerweile alles andere als sicher an.

Drei prominente Beispiele der vergangenen Wochen: Shopify, Klarna und Komoot.

Bei Komoot klang es nach einem regelrechten Schock für die Mitarbeitenden, als die Wander-App an Bending Spoons verkauft wurde. Die übernehmende Firma ist bekannt dafür, gut laufende Unternehmen zu kaufen und quasi alle Mitarbeitenden zu entlassen. Das war zum Beispiel bei WeTransfer oder Evernote passiert.

Die Sorgen bei den etwa 150 Mitarbeitenden von Komoot dürften also groß sein. Die Kolleginnen und Kollegen der Wirtschaftswoche berichten von einer außerordentlichen Versammlung, bei der gesagt worden sei, dass es Entlassungen geben solle. Rückfragen, so heißt es, waren nicht erlaubt. Das, was die Firma so weit gebracht habe, würde Komoot nicht auf das nächste Level bringen, so wird Gründer Markus Hallermann in einer Mitteilung zitiert. Denn, so Hallermann weiter: „Die Skalierung eines Unternehmens erfordert ein anderes Mindset und andere Fähigkeiten als der Aufbau eines Unternehmens.”

Das, was ihr könnt, reicht künftig nicht mehr

Aus Geschäftsperspektive muss das nicht falsch sein. Für die Mitarbeitenden dürfte es sich dennoch anhören wie blanker Hohn. Nicht nur, dass die Sorgen derer, die das Unternehmen mit aufgebaut haben, handstreichartig weggewischt werden. Wenigstens implizit bedeutet das Zitat viel mehr auch eines: Das, was ihr könnt, reicht künftig nicht mehr.

Nicht viel besser macht es der digitale Zahlungsdienstleister Klarna: Dort wurden Anfang des Jahres alle 7000 Mitarbeitenden per voraufgezeichneter Videobotschaft darüber informiert, dass 700 Menschen entlassen werden. Wer diese 700 sein werden, wurde ihnen zu dem Zeitpunkt aber noch nicht mitgeteilt. Das werde sich erst in den kommenden Wochen entscheiden. Heißt also: Die Mitarbeitenden wurden im Unklaren über ihre Zukunft gelassen. Viel schlechter kann man es kaum lösen.

Shopify und die KI: Verhängnisvolles Missverständnis

Und dann war da noch Shopify. Hier wurde noch gar nicht über konkrete Kündigungen berichtet. Das Problem lag woanders: im Umgang des Unternehmens mit Künstlicher Intelligenz. Konkret: In einer geleakten E-Mail von CEO Tobias Lütke, die er inzwischen auch selbst veröffentlicht hat. Dort macht er zunächst einmal klar, dass der Einsatz von KI für alle Mitarbeitenden obligatorisch ist: „Effizient KI zu nutzen, ist nun eine fundamentale Erwartungshaltung für alle bei Shopify”, so ein Zitat. Er sagt außerdem: Bevor ein Team nach zusätzlichen Mitarbeitenden ruft, muss es erst einmal zeigen, warum das Problem nicht durch KI lösbar ist. Soweit nachvollziehbar. Daraus wurde in Berichten schnell: Shopify ersetzt Stellen durch KI. Auch wenn das die Ansage von Lütke gar nicht hergibt, das Gefühl war in der Welt. Und wurde auch kommunikativ nicht mehr wirklich einzufangen versucht.

Das sind nur drei Beispiele dafür, wie man mit Mitarbeitenden nicht umgehen sollte. Auch in vielen anderen Unternehmen dürfte die Unsicherheit über Arbeitsplatzverluste in jüngster Zeit gewachsen sein. Wenn das Problem aber einmal in der Welt ist, wird es schwer wieder einzufangen sein. Die Unsicherheit ist oft nachhaltig geschürt.

Ziel: Psychologische Sicherheit

Ziel für Unternehmen muss daher vor allem eins sein: Psychologische Sicherheit zu schaffen. Warum die auch für Unternehmen wichtig ist, hat Accenture schon vor einigen Jahren herausgefunden. Wer psychologische Sicherheit bietet, hat 27 Prozent weniger Personalfluktuation. Die Wahrscheinlichkeit, dass neues Wissen auch angewendet wird, steigt um 67 Prozent. Noch wichtiger allerdings: Die Produktivität steigt um 50 Prozent.

Diese Zahlen strafen jene Lügen, die glauben, dass Produktivitäts-Diamanten unter Druck entstehen. Kurzfristig mag sich durch Druck und Unsicherheit eine bessere Leistung einstellen. Langfristig, das zeigen die Zahlen, ist aber eben doch psychologische Sicherheit der Treiber der Produktivität.

Natürlich wird es für Unternehmen mitunter schwer sein, diese psychologische Sicherheit in Krisensituationen zu schaffen. Doch es besser zu machen als Komoot, Shopify oder Klarna geht auf jeden Fall. Angefangen bei klarer Kommunikation zum richtigen Zeitpunkt im Beispiel Klarna: Erst werden die betroffenen Mitarbeitenden über ihre Kündigung informiert. Dann alle Angestellten. Wichtig dazu: Eine gute Erklärung der Maßnahmen und ein klarer Plan, wie es weitergeht. Aber auch das Shopify-Problem hätte sich einfangen lassen. Etwa indem man klarer herausstellt, dass nicht bestehende Arbeitsplätze in Gefahr sind, solange Leistung erbracht wird. Doch das war nicht der Fokus der Shopify-Kommunikation.

Bei Komoot hingegen scheint das Kind gänzlich in den Brunnen gefallen. Fast die gesamte Wahrnehmung der Kommunikation macht den Eindruck, als ginge es nur um Skalierung und nicht um Menschen. Es ist ganz offensichtlich, dass hier noch viel Arbeit an der Unternehmenskultur notwendig ist. Der Vorteil: Wenn ohnehin fast alle Mitarbeitenden gekündigt werden, bleibt von der Unternehmenskultur nicht viel übrig. Der Neuaufbau dürfte also leichter sein. Ob das überhaupt gewünscht ist, daran darf man berechtigte Zweifel haben. 

Auf eine (unternehmens-)kulturreiche Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.