Die Geschichte hinter dem Markennamen Dr. Martens 

Vom Militär über die Arbeiterklasse in die Subkultur und bis auf die Laufstege der Modewelt: Diese Marke hat in den vergangenen acht Jahrzehnten die unterschiedlichsten Schichten begeistert. Schon ihr Ursprung überrascht.
Die Marke Dr. Martens steht bis heute für Selbstbestimmung und Individualität. 
Die Marke Dr. Martens steht bis heute für Selbstbestimmung und Individualität.  (© Dr. Martens, Montage: Wolfram Esser)

Gab es wirklich einen Doktor Martens, und wenn ja, was hat er mit den gleichnamigen britischen, etwas klobigen Schuhen zu tun? Die Antwort lautet ja, es gab ihn – mit der Einschränkung, dass er weder britisch war noch Martens hieß. Vielmehr war er deutsch und hieß Dr. Klaus Märtens. 

Märtens war ein deutscher Militärarzt, der 1945 am Fuß verletzt wurde, sodass er keine normalen Militärstiefel mehr tragen konnte. Ob es sich dabei um eine klassische Kriegsverletzung oder ein Umknicken auf Skiern handelte, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit ermitteln. Aber seine Verletzung war der Anlass, einen Schuh zu entwickeln, der bei äußerer Stabilität innen nicht so hart auf den Fuß einwirkt.  

Das gelang Märtens mit einer besonders weichen, luftgepolsterten Sohle aus Gummi. Dies war eine Neuerung gegenüber den damals üblichen harten Ledersohlen. 1947 begann er zusammen mit seinem alten Studienfreund, Dr. Herbert Funk, aus den sogenannten „Knobelbechern“, wie die Wehrmachtsstiefel im Volksmund hießen, und anderen Armeerestbeständen – darunter auch Autoreifen – eine erste Serienproduktion zu starten. Dabei war von Vorteil, dass Funk als gebürtiger Luxemburger nicht von den Handelsrestriktionen betroffen war, mit denen in den ersten Nachkriegsjahren die Deutschen belegt wurden. 

1950 als Marke angemeldet 

Am 22.12.1950 meldete Märtens die Marke „Dr. Maertens LUFTPOLSTERSCHUH“ beim Warenzeichenregister des Deutschen Patentamts an. In den 50er-Jahren erfreuten sich die Schuhe vor allem bei Landfrauen und Bauarbeitern wachsender Beliebtheit. Die Produktion in der Nähe von München boomte, und man plante diverse Exportstrategien. Dazu wurden 1959 erste Anzeigen in ausländischen Fachmagazinen geschaltet, so auch im Vereinigten Königreich. 

Daraufhin meldete sich die britische Schuhfirma R. Griggs Group Ltd. und erwarb die Lizenzrechte. Die Engländer passten das Design leicht an, rundeten die Form ab und nannten die Marke Dr. Martens, in leichter Anglisierung des Namens. Als die britische Firma das Produkt übernahm, suchten sie auch einen prägnanten englischen Begriff für die Technologie. So entstand der Name „AirWair“, ein Kunstwort aus air (Luft) und wear (tragen). Der AirWair-Tag mit dem Schriftzug „With Bouncing Soles“ („mit federnden Sohlen“) wurde 1960 eingeführt – und ist bis heute an der Ferse jedes echten Dr. Martens-Schuhs angenäht. 

Dazu kam eine auffällige gelbe Naht rund um den Schuh, um die neue AirWair-Sohle optisch hervorzuheben und von herkömmlichen Arbeitsschuhen deutlich unterscheidbar zu machen. Sie wurde zum Erkennungsmerkmal der Marke: ein Symbol für Handwerk, Haltbarkeit und gleichzeitig Individualität. 

Symbol der Arbeiterklasse 

Der erste in England produzierte Schuh, das Modell 1460, erschien am 1. April 1960 (daher die Nummer 1460 = 1/4/60). Es handelte sich um den klassischen Acht-Loch-Stiefel mit AirWair-Sohle und gelber Naht. Es ist bis heute das bekannteste Dr.-Martens-Modell weltweit. 

Ursprünglich waren Dr.-Martens-Schuhe beliebt bei Postboten, Polizisten und Fabrikarbeitern. In England, wo Klassenunterschiede deutlich sichtbar waren, trugen viele Arbeiter die Stiefel auch in der Freizeit: ein Zeichen von Stolz auf ihre Herkunft. Damit war der Grundstein gelegt: Dr. Martens wurde in den 60er-Jahren zum Symbol der Arbeiterklasse. 

In Deutschland lief die Produktion der Dr.-Maertens-Schuhe noch einige Jahre weiter. Der Vertrieb erfolgte aber eher regional und wurde 1970 ganz eingestellt. Der Hauptgrund waren die sprudelnden Lizenzeinnahmen; denn die R. Griggs Group exportierte die Schuhe ihrerseits weltweit, insbesondere in die USA. Dr. Klaus Märtens verstarb am 3. Februar 1988 im Alter von 73 Jahren als reicher Mann in Seeshaupt am Starnberger See. 

Dr. Martens und die Subkultur 

Die frühen Skinheads Ende der 60er Jahre (vor ihrer späteren politischen Spaltung) waren Jugendliche aus der Arbeiterklasse, beeinflusst von jamaikanischer Ska- und Reggae-Kultur. Sie übernahmen Dr. Martens als Teil ihres „Working-Class-Uniform-Stils“ – zusammen mit gekrempelten Jeans, Hosenträgern und kurzgeschorenen Haaren. Sie nannten sie „Docs“. Für sie standen die Docs für Härte, Ehrlichkeit und Stolz. 

Als in den 70er-Jahren die Punkbewegung aufkam, entdeckten Bands wie die Sex Pistols und The Clash Dr. Martens neu. Die Stiefel passten perfekt zur Anti-Establishment-Haltung: unbequem, laut, trotzig. Viele Punks bemalten oder zerschnitten ihre Docs; sie wurden ein Ausdruck von Individualität und Wut. 

In den 1980ern trugen Goths (zum Beispiel inspiriert von The Cure oder Siouxsie and the Banshees) schwarze oder auch violette Docs – elegant und düster zugleich. In den 1990ern kam der Grunge-Look aus Seattle (Nirvana, Pearl Jam), und Dr. Martens wurden wieder zum Symbol für Nonkonformismus und Authentizität. Bald trugen auch Models und Designer Docs auf Laufstegen – ein spannender Kontrast zwischen Rebellion und Mode.  

In Großbritannien wurden die letzten Docs 2003 produziert. Die Produktion wurde dann ganz nach Vietnam, China und Thailand verlagert. 2013 übernahm der Finanzinvestor Permira die R. Griggs Group mehrheitlich und nannte die Firma in Dr. Martens plc. um. Seit Januar 2021 ist das Unternehmen an der Londoner Börse notiert und kämpft derzeit hart gegen Markenpiraterie aus China. 

Die Marke steht weiterhin für Selbstbestimmung und Individualität, ist heute aber keiner bestimmten Subkultur mehr exklusiv zuzuordnen. 

Dr. Bernd M. Samland ist Gründungsgeschäftsführer von Endmark und verantwortet seit 30 Jahren die Entwicklung von mehr als 2500 Markennamen. Er ist Fachbuchautor sowie Lehrbeauftragter und Gastdozent an mehreren deutschen und österreichischen Hochschulen. Sein Buch zur Kolumne titelt „Warum heißt die Marke so“ und ist mit einhundert der besten Storys zu bekannten Markennamen bei Heel / dfv erschienen.