Ein Einweg-Papiertaschentuch aus weichem Zellstoff war die Produktidee von Oskar und Emil Rosenfelder. Beide waren Inhaber der Vereinigten Papierwerke AG in Nürnberg. Dort befand sich die Verwaltung. Produziert wurde in Heroldsberg und später auch in Forchheim. Im Januar 1929 ließen die Inhaber dafür das Warenzeichen Tempo beim Reichspatentamt eintragen. Warum Tempo? Nach Aussagen der Rosenfelders empfanden sie die Zeit als sehr schnelllebig. Daher wählten sie diesen zeitgeistigen Namen. Außerdem ist das Produkt schnell verfügbar und schnell entsorgt.
Tempo war nicht das erste Papiertaschentuch in Deutschland. Jedoch war es das erste, das im größeren Stil vermarktet und beworben wurde. Wengleich hierzulande bis in die 1960er-Jahre das vergleichsweise unhygienische Stofftaschentuch noch deutlich dominierte.
Jüdische Gründer flüchten in der NS-Zeit nach London
Bevor das Papiertaschentuch seinen Siegeszug antreten konnte und Tempo zum Synonym für alle Papiertaschentücher wurde, passierten noch einige unrühmliche Dinge. 1934 wurde der Betrieb arisiert. Der Fürther Unternehmer und NSDAP-Stadtrat Gustav Schickedanz (der spätere Gründer des Versandhauses Quelle) kaufte das Unternehmen in zwei Schritten. Dies geschah deutlich unter Preis. Die Rosenfelders flüchteten nach London.
Schickedanz erhielt nach dem Ende des NS-Regimes zunächst Berufsverbot. Trotzdem wurde er dann nur als Mitläufer eingestuft und konnte wieder unternehmerisch tätig sein. 1947 wurde die Produktion wieder aufgenommen. 1951 zahlte er der Familie Rosenfelder 3,25 Millionen D-Mark Entschädigung.
Tempo wechselt mehrfach den Besitzer
1986 wechselten die Vereinigten Papierwerke ihre Rechtsform von der KG wieder in eine AG. Diese änderte 1989 ihren Namen in VP-Schickedanz AG. Die Firma wurde dann 1994 von Procter & Gamble aufgekauft. Für 512 Millionen Euro wurde sie schließlich 2007 an das schwedische Unternehmen SCA verkauft. Seit 2017 ist Tempo Teil der Firma Essity, die von SCA abgespalten wurde. Wurden 1939 circa 400 Millionen Taschentücher im Jahr produziert, waren es 70 Jahre später mehr als 20 Milliarden Stück.
Dass Tempo zum Gattungsbegriff für Papiertaschentücher geworden ist, ist Fluch und Segen zugleich. Es kann natürlich sein, dass man ein anderes Fabrikat erhält, wenn man sagt: „Gib mir mal bitte ein Tempo.“ Das kann der Markeninhaber nicht untersagen. Zumal der Begriff seit Langem auch als Teil unseres Wortschatzes im Duden steht. Untersagen könnte er allerdings eine kommerzielle Nutzung durch einen Wettbewerber. Jedoch ist durch die häufige nicht markengemäße Nutzung eine rechtliche Grauzone entstanden. Das schränkt einerseits die Souveränität des Markeninhabers über seine Marke ein. Andererseits ist dies ein Luxusproblem, das sich viele andere Marken herbeiwünschen würden.
