VW ist auf der Suche nach dem neuen „Golf-Moment“: Die Wolfsburger versuchen, der „Volks-Elektroautobauer“ zu werden. Mit der ID-Familie – vom kompakten ID.3 über den Kompakt-SUV ID.4 und dem Oberklassefahrzeug ID.7 bis hin zur kürzlich vorgestellten Studie ID.Every1 – will der Konzern einen elektrischen „Golf-Moment“ erschaffen. Das Versprechen: ein Auto für jedermann, erschwinglich, praktisch und ohne Verzicht auf Alltagsnutzen.
Die Verkaufszahlen im Juli 2025 sprechen für Volkswagen. Auf den ersten drei Plätzen der Top-30 der Neuzulassungen von E-Autos in Deutschland standen im Juli 2025 der ID.3, gefolgt vom ID.7 und dem Duo ID.4 und ID.5. Darüber hinaus will VW wieder zu einer Love Brand avancieren und hat dabei die unvergleichliche Erfolgsgeschichte des VW Käfers im Sinn.
Dass sich Emotion aber nicht auf Knopfdruck evozieren lässt, beweist der ID.Buzz. Angelehnt an das ikonische Design der ersten Bulli-Generation, startete der Elektrobus 2022 mit hohen Erwartungen, avancierte aber zum Ladenhüter. Nur 4767 Exemplare verkaufte VW im Jahr 2024 davon in Deutschland.
Mercedes: Zurück zum wohligen Glück der 90er
Während VW auf Volumen setzt, konzentriert sich Mercedes-Benz auf das Premiumsegment. Die EQ-Reihe – vom EQS über den EQE bis hin zum EQB – sollte zeigen, dass Luxus auch elektrisch funktioniert. Doch die eher konservative Kundschaft war weder vom Design noch von der Technik überzeugt. Mercedes-Vertriebsvorstand Mathias Geisen sagte der “Auto Motor Sport”: „Die Geschwindigkeit, mit der unsere Kunden bereit sein würden, auf Elektromobilität zu wechseln, haben wir überschätzt.“
Mit der neuen MMA-Plattform plant Mercedes nun eine neue Elektroauto-Architektur für die Kompakt- und Mittelklasse, die aber auch Verbrenner bespielen können. Auf der IAA in München präsentiert Mercedes in der kommenden Woche (9.-14. September) den neuen GLC EQ mit E-Antrieb und Mildhybrid. Mit einem großen Kühlergrill, zentralem Stern und Chromrahmen besinnt sich Mercedes wieder auf ein traditionelleres Design. Auch die 2022 propagierte Luxusstrategie hat der Hersteller aus Stuttgart mittlerweile einkassiert. So wird wohl der Bestseller A-Klasse mindestens bis 2028 weiter gebaut. Das neue alte Motto lautet „Willkommen zu Hause“ – ein Slogan, mit dem auch schon die erste E-Klasse der Baureihe W 124 im Jahr 1990 warb.
BMW: Definiert die „Neue Klasse“ abermals die Firmengeschichte?
Die Entscheidung von BMW, fast alle seine Baureihen multitechnologisch anzubieten und damit Verbrenner und E-Modelle parallel zu produzieren, war äußerst weise. So schaffte es der Münchner Konzern im ersten Halbjahr 2025 annähernd gleich viele Autos zu verkaufen wie im Vorjahreszeitraum.
Das aktuelle BMW-Design mit den übergroßen Nieren polarisiert, aber beweist gleichzeitig auch Mut und setzt sich wohltuend vom Einheitsbrei anderer Hersteller ab. Die „Neue Klasse“ soll die E-Mobilität auf ein höheres Level heben und bedeutet für die Marke eine Zäsur in Design und Technologie. Schon 1961 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt präsentierte BMW mit der „Neuen Klasse“ das bisher wichtigste Modell ihrer Firmengeschichte: Der BMW 1500 war wegweisend für folgende Baureihen der gehobenen Mittelklasse und führte den „Hofmeister-Knick“ ein, jenen markanten Übergang von der C-Säule zum Wagenkörper.
Auf der diesjährigen IAA präsentieren die Bayern nun den iX3 als ersten Vertreter der neuen „Neuen Klasse“. Sein Dualmotor-Antrieb mit Asynchronmaschine vorn und Synchronmaschine hinten soll den Markenkern „Freude am Fahren“ neu definieren und mit seinem hohen Anteil an recycelten Materialien auch Maßstäbe in Sachen Umweltbilanz setzen.
Audi: Mit „bisher größter Modelloffensive“ zum Erfolg?
Audi, die Premium-Tochter von Volkswagen, setzt auf eine „progressive“ Markenidentität, definiert durch klares Design und innovative Lichttechnik. Seit 1971 umschreibt „Vorsprung durch Technik“ den Markenkern. Auch die Elektromobilität wird als Ausdruck technologischer Avantgarde inszeniert. Der Audi e-tron GT steht seit 2021 als Elektro-Flaggschiff sinnbildlich für Audis Anspruch, High-Performance in die elektrische Zukunft zu übertragen.
Nach fast drei Jahren ohne neue Modellvorstellung soll die laut Audi-CEO Gernot Döllner „bisher größte Modelloffensive“ mit Fahrzeugen wie dem SUV Q6 e-tron und dem Kombi A6 e-tron auch in volumenstärkere Segmente vorstoßen. Dies ist auch dringend nötig, denn der Gewinn nach Steuern brach im ersten Halbjahr 2025 auf 1,3 Milliarden Euro ein – im Vergleich zum Vorjahr ein Minus von 37,5 Prozent. Zum Vergleich: Noch 2022 lag der Gewinn bei stolzen 4,4 Milliarden Euro.
Mit dem Concept C präsentiert Audi auf der IAA eine Studie, die den Beginn einer neuen Designsprache markieren soll, der „Strive for Clarity“ – dem Streben nach Klarheit. Der Entwurf soll nicht nur einen Ausblick auf zukünftige Fahrzeuge geben, sondern stehe zugleich für eine strategische Neuausrichtung des Unternehmens.
Markenkern bleibt wichtigster Anker
So unterschiedlich die Strategien sind, das Ziel ist identisch: Die deutschen Hersteller wollen den Sprung ins Elektrozeitalter mit geschärfter Markenidentität vollbringen. Allen gemeinsam ist die Erkenntnis, dass Elektromobilität nicht allein über technische Daten verkauft wird. Reichweite, Ladegeschwindigkeit und Preis sind wichtig – doch entscheidend bleibt die emotionale Aufladung. Wer es schafft, seinen Markenkern glaubwürdig ins elektrische Zeitalter zu übertragen, wird bestehen.
