Wir können uns die Big-Tech-Hörigkeit nicht länger leisten. Das sollte allerspätestens seit dem Crowdstrike-Breakdown klar sein, der in beispiellosem Ausmaß weltweit Microsoft-Systeme gestört hat. Häufig so weit, dass Rechner einen Bluescreen bekamen und erst einmal gar nicht mehr nutzbar waren. Microsoft war daran zwar nicht schuld – aber wer auf andere Infrastruktur gesetzt hat, war trotzdem im Vorteil.
Zu breitem Umdenken hat das nicht geführt. Firmen graben sich eher noch weiter in die Microsoft-Infrastruktur ein. 2025 verzeichnete Microsoft Rekordumsätze von mehr als 280 Milliarden Dollar.
Doch das dänische Digitalministerium hat die Zeichen der Zeit erkannt – und verabschiedet sich von der Microsoft-Infrastruktur. Der Schritt steht wohl auch vor dem Hintergrund der bedrohlichen US-Gebärden in Richtung Grönland, das zu Dänemark gehört.
Und auch wenn es uns in Deutschland kaum gelingen wird, gänzlich von Big-Tech-Infrastruktur wegzukommen, so gibt es doch gute Gründe, das zu tun. Die drei wichtigsten habe ich einmal zusammengefasst (sie gelten im Übrigen auch für den Abschied von anderen Big-Tech-Konzernen wie Google).
1. Digitale Souveränität ist kein Nischenthema für Nerds
Open Source klingt nach Nische – ist aber gelebte Unabhängigkeit. Denn niemand weiß, ob die hiesige Wirtschaft irgendwann doch mal unter US-Sanktionen fällt – gerade unter der aktuellen US-Regierung. Es könnte aber auch ein feindlicher Großangriff auf amerikanische Systeme zum Windows-Ausfall führen. Gut möglich, dass Open-Source-Systeme dann noch laufen, während Microsoft erlahmt. Die Chancen stehen insbesondere dann gut, wenn jetzt ein breites Netz aus Unternehmen und Staat in digitale Unabhängigkeit und Sicherheit investiert.
Wer weiter Produkte von Microsoft nutzt, akzeptiert dessen Spielregeln. Und nährt sich am Futter eines einzelnen US-Konzerns. Je weniger komplex die technische Infrastruktur, umso leichter geht ein Umstieg. Wer nur Textverarbeitung und Rechnungsabwicklung digital erledigt und sonst eher mit den Händen arbeitet – gerade für den ist der Umstieg noch weniger komplex.
Ein Problem mit der Souveränität gibt es auch im Feld KI: So machten jüngst Berichte die Runde, dass der Copilot von Microsoft teils zwangsweise in Outlook integriert wurde. Dabei sollten Unternehmen sich die KI-Infrastruktur, die sie verwenden wollen, doch bitte selbst aussuchen.
Auch gibt es Berichte, dass Microsoft teilweise auch dann Mails abruft, wenn es das eigentlich nicht darf – selbst außerhalb von Microsoft-Domänen. IT-Experten stufen diese Beobachtungen als reproduzierbar ein.
Kurz gesagt: Firmengeheimnisse in der Microsoft-Infrastruktur zu kommunizieren, kann in solchen Fällen unternehmensschädigend sein. Ein klarer Grund, sich souverän(er) zu machen
2. Lizenzkosten: Microsoft wird zum Inflationsbooster
40 bis 70 Prozent Preissteigerungen für Microsoft 365 – und das in nur vier Jahren. Allein 2025 ist Microsoft-Software teilweise um ein Drittel teurer geworden. Je tiefer sich Unternehmen in die Infrastruktur von Microsoft vergraben, umso schwieriger wird es, dort irgendwann wieder herauszukommen.
Mit zunehmender AI-Integration und immer weiter verzweigter Software, wird der Ausstieg nur komplexer. Microsoft verkauft schon lange nicht mehr primär ein Produkt, sondern Software-as-a-Service-Abos. Das ist gelernt und anerkannt. Doch wirtschaftlich gesehen ist es eigentlich Harakiri: Wir zahlen immer und immer wieder – und am Ende gehört uns doch nichts. Wir mieten permanent Werkzeuge, die uns nicht gehören. Obwohl wir sie quasi jeden Tag benutzen. Warum nicht das Werkzeug kaufen?
Die teuren E5-Lizenzen für Microsoft 365 kosten im Jahr mittlerweile 60 Euro pro Monat. Für 1.000 Mitarbeitende sind das mal eben 720.000 Euro pro Jahr. Nach einer Phase der Umwälzung lassen sich für Unternehmen dieser Größe gut mittlere sechsstellige Summen pro Jahr einsparen. Das gilt selbst dann, wenn Unternehmen vorher wegen Rabatten nicht den vollen Preis bezahlt haben. Jedes Jahr. Dauerhaft.
3. Ein Produkt ist nicht gut, nur weil es Marktstandard ist
Microsoft ist nicht Marktstandard, weil es die besten Lösungen anbietet – sondern schlicht, weil es sich etabliert und eingelockt hat. Alle nutzen es, deswegen nutzen es auch in Zukunft alle. Das ist ein Zirkelschluss. Wenn ich abends auf der Couch Süßigkeiten esse, mag das Standard sein – eine schlechte Angewohnheit ist es trotzdem.
Natürlich wird nicht jeder kleine Handwerksbetrieb für das Backoffice komplexeste Linux-Setups aufbauen. Aber der Einsatz solcher Systeme ist kein Hexenwerk. Entwickler sagen, dass Linux in der Realität häufig sogar einfacher ist. Ein ITler aus dem Bekanntenkreis hat letztens erklärt, dass Linux häufig „No-Bullshit-Software” bietet. Einfach weil sich Open-Source-Entwicklung oft auf das fokussiert, was es wirklich braucht.
Das gute an Open-Source: Software ist häufiger interoperabel. Heißt: Die Lock-in-Effekte stellen sich nicht so leicht ein, weil unterschiedliche Angebote besser miteinander kommunizieren können. So wie es halt auch egal ist, ob ich eine Mail von einer Outlook-Mail an eine Web.de-Mail schicke.
Dafür gibt es die Möglichkeit für Unternehmen, sich leichter ein spezifisches Setup zu bauen, das zu den Bedürfnissen passt. Mit spezifischen Funktionalitäten.
Open-Source-Befürworter sagen sogar, dass mehr Open Source auch Innovation fördert. Weil mehr Entwickler wieder eine realistische Chance darauf haben, dass ihr Produkt genutzt wird, wenn nicht alle potenziellen Kunden in eine Infrastruktur eingemauert sind.
Angst vor dem Umstieg ist unbegründet
Wenn man jetzt aber nur auf das Beispiel Libre Office schaut, braucht niemand Angst vor einem Umstieg von Microsoft Office zu haben. Für die weniger technikaffinen dürfte die Umstellung nicht so groß sein, wie man vielleicht befürchtet. Die Basisfunktionalitäten sind im Kern gleich. Für die technikaffinen, die smart genug sind, sich in die Tiefen einzufuchsen, heißt es: Mehr Möglichkeiten.
Letztlich also kann ein Abschied von Microsoft zur Win-Win-Situation werden: eine bessere Infrastruktur bei weniger Abhängigkeiten und geringeren Kosten. Wir überweisen Milliarden nach Redmond, als wäre es eine unvermeidbare Steuer auf das moderne Arbeiten. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer heute noch behauptet, es gäbe keine Alternative zu Microsoft, bekennt sich nicht zur Qualität, sondern zur eigenen Gestaltungslosigkeit. Und macht sich unnötig abhängig.
Es muss ja nicht gleich ein kompletter Abschied sein: Natürlich kann man eine komplexe Azure-Cloud-Infrastruktur nicht einfach so über Nacht ersetzen. Aber jedes Stück hilft, sich langsam zu verabschieden. Worauf warten wir noch?
Auf eine dynamische Woche und ein 2026 voller Umstiege!
