Das Rebranding von Great British Railways im Check: Boah, Britain! 

Comedy auf Schienen? Nicht in Großbritannien. Great British Railways setzt beim Neustart auf Design, Tradition und ein starkes visuelles System. Unser Kolumnist hat einen Blick über den Kanal geworfen.
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Nach Wiedervereinigung auf der Schiene erfolgte nun das Rebranding: Die GBR rollt bald in neuem Gewand – aber wichtige traditionelle Elemente bleiben. (© GBR, Designweek)

Während wir hier in Deutschland über die kontroverse Kampagne „Boah, Bahn!“ mit Anke Engelke diskutieren – und seitdem jede Verspätung mit einem Lächeln ertragen –, lohnt sich auch der Blick auf unsere britischen Nachbarn. Ich werde jetzt nicht anfangen, über den Vergleich von deutschem und britischem Humor zu philosophieren, möchte jedoch John Cleese mit den Worten zitieren: „We can’t go forwards, so we’ll go backwards instead!“

Dass diese Aussage – im Gegensatz zum sprichwörtlichen Erlebnishorizont im deutschen Fernverkehr – nicht zwingend negativ gemeint sein muss, zeigt ein Blick auf das neue Erscheinungsbild der britischen Bahngesellschaft. Sie hat sich kürzlich neu erfunden, ganz ohne Comedy, dafür mit viel Sinn für englische Designtradition. 

Back on Track: Rückkehr zur staatlichen Bahn

Zum Hintergrund: In den letzten Jahren wurden in einem langwierigen Prozess alle vierzehn Eisenbahngesellschaften des Vereinigten Königreichs (mit Ausnahme Nordirlands) zusammengeführt und wieder unter staatliche Kontrolle gestellt. Die Privatisierungsinitiativen der vergangenen 20 Jahre hatten nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Nun erhoffte man sich mehr Synergien, mehr Pünktlichkeit und mehr Service für die Fahrgäste. Bis Anfang 2025 war der Prozess abgeschlossen und das Königreich auch auf der Schiene wieder vereint.

„One-Fits-It-All“ in Perfektion

Mit Spannung wurde nun erwartet, wie der neue Markenauftritt von Great British Railways aussehen würde. Im Dezember 2025 war es so weit, und er wurde präsentiert. Ausgerollt wird bis 2027. Ein erstes Aufatmen gab es, als klar wurde, dass der berühmte „Double Arrow“, das Signet der englischen Bahnen, das seit seinem Entwurf 1964 durch Gerald Barney unverändert im Einsatz war, bleiben würde.  

Allerdings wollte man neben der Tradition auch den Aufbruch in die neue Ära manifestieren: dynamisch, zukunftsorientiert und dennoch unverkennbar britisch. Durch den Kunstgriff der Kombination des puristischen, historischen Logos, nebst Typografie, und einer starken Keyvisual-Ästhetik – angelehnt an den Union Jack – gelang dies hervorragend. 

Mit einem einfachen grafischen Prinzip schaffte man Identität. Und das von der kleinsten Einheit – dem App-Symbol – bis hin zur Lackierung der Züge. „One-fits-it-all“ in Perfektion.  

Dieses Rebranding zeigt, welche Power Grafikdesign entfalten kann 

Auch wenn das Erscheinungsbild erwartungsgemäß in der Bevölkerung sehr kontrovers diskutiert wurde, ist den Machern meiner Meinung nach ein großer Wurf gelungen. Sie haben den Beweis angetreten, welche Power gutes Grafikdesign entfalten kann. Gerade in einer Zeit der medialen Komplexität ist das Design am besten geeignet, um mit einfachen Mitteln Identität und Bedeutung zu stiften. 

Die britische Transportministerin Heidi Alexander formulierte es so: „This isn’t just a paint job – it represents a new railway, casting off the frustrations of the past and focused entirely on delivering a proper public service for passengers.“ Das Ergebnis: Aufbruchstimmung durch identitätsstiftendes Branding, statt durch Comedy. Great, Britain!

Heinrich Paravicini ist Co-Gründer und Chief Creative Officer von Mutabor, Designagentur und Markenberatung mit Sitz in Hamburg, München und Berlin. Mit mehr als 180 Mitarbeiter*innen gehört Mutabor heute zu den größten unabhängigen Agenturen der Kreativbranche in Deutschland. Paravicini lebt und arbeitet in Hamburg und überall dort, wo Mutabor-Projekte entstehen.