Amazonia im Check: Topo-Typografie aus dem Regenwald  

Eine neue Marke für eine der faszinierendsten Regionen der Welt: Wie der Amazonas erstmals ein einheitliches Markengesicht bekommt – und warum dieses Tourismus-Branding Maßstäbe setzt.
Der Amazonas bekommt ein Markengesicht, zugeschnitten aus seinem eigenen.
Der Amazonas bekommt ein Markengesicht, zugeschnitten aus seinem eigenen Verlauf. (© Futurebrand, Montage: Wolfram Esser)

Nein, Jeff Bezos hat damit diesmal nichts zu tun. Genauso wenig geht es um ein weiteres aufrüttelndes „Rettet den Regenwald und verbietet Palmöl“-Projekt einer engagierten NGO. Auch wenn dies durchaus seine Berechtigung hätte.  

Hier geht es schlicht um Regionen- und Tourismus-Marketing – und um ein extrem gelungenes noch dazu. Der brasilianische Amazonas, eines der artenreichsten, vielfältigsten und symbolträchtigsten Gebiete der Welt, erhält zum ersten Mal eine eigene offizielle Marke.   

Amazonia: eine Marke für das größte Territorium der Erde

Die Marke „Amazonia“ ist das Ergebnis einer Partnerschaft zwischen RAI (Integrated Amazon Routes) und Embratur (brasilianische Agentur für internationale Tourismusförderung). Sie wurde ins Leben gerufen, um das wirtschaftliche Potenzial der Region zu fördern, sowie sie als nationales und internationales Reiseziel zu stärken.   

Die Region macht etwa 60 Prozent des brasilianischen Staatsgebiets aus. Sie ist nicht nur Standort des größten tropischen Regenwaldes der Erde, sondern auch die Heimat von 28 Millionen Menschen. Ihre kulturelle Vielfalt, ihr Schaffen und ihre Entwicklung stehen im Fokus. Für sie wurde die Marke geschaffen.   

Nachdem die Bundesstaaten des brasilianischen Amazonasgebiets jahrelang mit uneinheitlicher Ästhetik und Positionierung gearbeitet hatten, verfügen sie nun über eine gemeinsame Marke.  

Ein Fluss wird zur Schrift

Diese Marke ist einzigartig: Das Logo und die daraus abgeleitete Schrift entstanden aus dem Amazonas-Fluss selbst oder eben seiner Topografie – gestützt durch unzählige Satellitenaufnahmen des 25.000 Kilometer langen Stroms. Um den Schriftzug ranken sich viele Illustrationen und Fotografien, die allesamt von brasilianischen Künstler*innen und Fotograf*innen beigesteuert wurden.   

So entstand ein lebendiges, kulturell vielfältiges Erscheinungsbild, das Menschen, Tourismus, Kultur und Gastronomie in einer grafischen Fülle präsentiert und es trotzdem schafft, eine formale Einheit zu bilden. Genau das war den Machern auch wichtig: „Die Idee ist, ein lebendiges, integriertes, vielfältiges und zugängliches Amazonasgebiet zu präsentieren, das den Besuchern einen umfassenden Eindruck vermittelt und gleichzeitig eine echte und nachhaltige Entwicklung für die Bewohner der Region schafft“, so Bruno Reis, Director of international Marketing bei Embratur.  

Exzellentes Standortmarketing

Die Arbeit an dem Projekt von Futurebrand Sao Paulo hat nach eigenen Angaben Jahre in Anspruch genommen. Jeder, der schon einmal Regionen-Marketing gemacht hat, weiß, was es bedeutet, Bürgermeister und Stadträte hinter ein Konzept zu bringen. Man stelle sich diesen Prozess im brasilianischen Kontext und mit neun autonomen Regionen vor. Allein dafür muss man den Kolleg*innen von Futurebrand Respekt zollen. Wer dann noch eine solch herausragende Kreation abliefert, gehört zu Recht gefeiert!  

Das Ergebnis lässt sich auf der Website begutachten. Hier erwartet den Besucher auch ein kleines spielerisches Highlight: Man kann dort mit einem Text-Generator Grußkarten in Amazonia-Schrift selbst gestalten. Das muss zwar nicht sein, aber es hilft bestimmt bei den Award-Einreichungen, wo wir das Projekt in diesem Sommer mit Sicherheit wiedersehen werden. Im Amazonas gibt es bekanntlich keine Löwen – aber einer aus Cannes dürfte es meiner Meinung nach ruhig sein. 

Heinrich Paravicini ist Co-Gründer und Chief Creative Officer von Mutabor, Designagentur und Markenberatung mit Sitz in Hamburg, München und Berlin. Mit mehr als 180 Mitarbeiter*innen gehört Mutabor heute zu den größten unabhängigen Agenturen der Kreativbranche in Deutschland. Paravicini lebt und arbeitet in Hamburg und überall dort, wo Mutabor-Projekte entstehen.