5,1 Milliarden gefährliche Anzeigen gestoppt: Google setzt auf KI gegen Werbebetrug

Mit KI-gestützter Technik hat Google 2024 Milliarden Anzeigen blockiert. Noch bevor sie Nutzerinnen und Nutzer erreichten. Auch Millionen betrügerischer Konten wurden vorsorglich gesperrt.
Google und YouTube dominieren noch immer mit Abstand das Internet.
Google und YouTube dominieren noch immer mit Abstand das Internet. (© Imago)

Wie aus dem aktuellen „Google Ads Safety Report 2024“ hervorgeht, hat Google im vergangenen Jahr mehr als 5,1 Milliarden Werbeanzeigen entfernt, über 9,1 Milliarden Anzeigen eingeschränkt und 39,2 Millionen Werbekonten gesperrt. Grundlage dieser Maßnahmen ist der massive Einsatz von Künstlicher Intelligenz, vor allem von sogenannten Large Language Models (LLMs), die betrügerisches Verhalten immer früher erkennen.

„Wir haben es mit Gegnern zu tun, die sich ständig neu erfinden, unsere Antwort ist eine Technologie, die nicht nur reagiert, sondern vorausdenkt“, erklärte Alex Rodriguez, General Manager Ads Safety bei Google, im Rahmen eines Pressegesprächs.

Google setzt auf Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte

Ein Beispiel für die Wirksamkeit dieser Technologie sei die Publisher-Überwachung: 97 Prozent der 1,3 Milliarden Seiten, gegen die Google 2024 Maßnahmen ergriff, seien mithilfe von KI-Modellen erkannt worden. Damit beschleunige sich auch die Freigabe seriöser Inhalte, was wiederum legitimen Publishern zugutekäme, betont das Unternehmen.

Zusätzlich hat Google eine spezialisierte Einheit mit über 100 Experten und Expertinnen aufgebaut, die gezielt gegen eine neue Betrugsmasche vorgeht: Scam-Anzeigen mit KI-generierten Promi-Imitationen. Die Reaktion: über 700.000 Werbekonten wurden dauerhaft gesperrt. Mit dem Effekt, dass entsprechende Nutzermeldungen um 90 Prozent zurückgingen.

Ein weiteres zentrales Element der Strategie: Vorbeugung statt Reaktion. Dazu gehören unter anderem: Ein Identitätsverifizierungsprogramm in über 200 Ländern und Regionen, der verstärkte Fokus auf Wahlwerbung-Transparenz, einschließlich Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte sowie über 30 neue Richtlinien-Updates, die auf aktuelle Missbrauchstrends reagieren.

Was zählt als „Bad Ad“ und wie oft kommt sie vor?

Googles Definition einer sogenannten Bad Ad“ ist bewusst breit gehalten: Gemeint sind alle Anzeigen, die gegen die Werberichtlinien des Unternehmens verstoßen, unabhängig davon, ob sie bereits ausgespielt wurden oder im Vorfeld blockiert wurden. Dazu zählen rechtswidrige Inhalte ebenso wie solche, die ethisch oder sicherheitstechnisch problematisch sind. Rodriguez betonte im Pressebriefing: „Bad Ads sind nicht nur das, was live geht. Unser Ziel ist, sie gar nicht erst an die Nutzerinnen heranzulassen.“

Die Spannweite reicht von Fake-Gewinnspielen bis hin zu Deepfake-Scams mit prominenten Gesichtern. Doch auch legale, aber hochsensible Themen wie Alkohol, Glücksspiel oder personalisierte Gesundheitswerbung können als „eingeschränkt zulässig“ oder eben „bad“ gewertet werden, je nach Kontext und Land.

Die folgende Tabelle zeigt die häufigsten Kategorien, in denen Google 2024 Anzeigen blockierte oder entfernte:

KategorieAnzahl blockierter Anzeigen 2024
Missbrauch des Ad-Netzwerks793,1 Mio.
Markenrechtsverletzungen503,1 Mio.
Personalisierte Werbung (in sensiblen Kontexten)491,3 Mio.
Rechtliche Verstöße280,3 Mio.
Falsche Finanzdienstleistungen193,7 Mio.
Irreführung / Täuschung146 Mio.
Glücksspiel & Spiele122,5 Mio.
Gesundheits- & Medizinwerbung104,8 Mio.
Urheberrechtsverletzungen71,4 Mio.
Inadäquater / schädlicher Inhalt42 Mio.
Alkoholwerbung10,9 Mio.
Unterstützung unehrlichen Verhaltens8,8 Mio.
Gefährliche Produkte / Dienstleistungen7,2 Mio.
Produktfälschungen890.000

Kritik an Googles Werbeökosystem

Trotz der von Google hervorgehobenen Fortschritte im Kampf gegen betrügerische Werbung, bleibt Kritik nicht aus. So berichtet der Guardian, dass Scam-Anzeigen mit gefälschten Prominenten, etwa unter Nutzung von Deepfake-Technologie, weiterhin in Australien kursieren, obwohl große Tech-Unternehmen wie Google und Meta verstärkt dagegen vorgehen. Besonders betroffen sind dabei ältere Zielgruppen, die auf angebliche Empfehlungen prominenter Persönlichkeiten wie Elon Musk oder lokale Nachrichtensprecher hereinfallen.

Die Anzeigen führen oft zu betrügerischen Krypto-Investments oder dubiosen Abonnements, berichtet der Guardian. Verbraucherorganisationen und Aufsichtsbehörden fordern deshalb von Plattformbetreibern eine konsequentere Durchsetzung ihrer eigenen Richtlinien und mehr Transparenz darüber, warum solche Anzeigen trotz vorhandener KI-Filter überhaupt durchkommen.

Darüber hinaus steht Google in der Kritik, durch sein geschlossenes Werbeökosystem den Wettbewerb einzuschränken. Das US-Justizministerium wirft dem Unternehmen vor, durch die Kontrolle über alle Aspekte des digitalen Werbemarktes Konkurrenten zu benachteiligen. Google verteidigt sich mit dem Argument, dass ein geschlossenes System notwendig sei, um Nutzer vor Betrug zu schützen. Kritiker sehen darin jedoch eine Strategie, um den eigenen Marktanteil zu sichern und Innovationen von Wettbewerbern zu behindern.​

(amx, Jahrgang 1989) ist seit Juli 2025 Chefredakteur der absatzwirtschaft. Er ist weder Native noch Immigrant, doch auf jeden Fall Digital. Der Wahlberliner mit einem Faible für Nischenthemen verfügt über ein breites Interessenspektrum, was sich bei ihm auch beruflich niederschlägt: So hat er bereits beim Playboy, in der Agentur C3 sowie beim Branchendienst Meedia gearbeitet.