Willkommen im Marketing der Maschinen 

KI-Agenten übernehmen immer mehr Aufgaben, treffen Entscheidungen in Echtzeit und arbeiten wie ein eingespieltes (digitales) Team. Wer denkt, das sei Zukunftsmusik: In ersten Unternehmen laufen die neuen Workflows bereits. 
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Agentic Marketing ist mehr als ein Buzzword: Es beschreibt einen innovativen Ansatz im digitalen Marketing, bei dem spezialisierte KI-Agenten einzelne Aufgaben innerhalb komplexer Marketingprozesse übernehmen – vom ersten Datenpunkt bis zur Kundeninteraktion.  

Anders als klassische Automatisierungstools handeln diese Agenten nicht reaktiv, sondern agieren proaktiv, lernen selbstständig, passen sich kontinuierlich an Marktveränderungen an und arbeiten zusammen wie menschliche Mitarbeiter. Alles nur Sciences Fiction? Weit gefehlt. 

KI-Agenten in ersten Marketingabteilungen angekommen 

Die Digital Agentur Elaboratum hat kürzlich für ein Versicherungsunternehmen eine KI-gestützte Content-Agentur aufgebaut, die den gesamten Redaktionsprozess automatisiert abbildet. Der automatisierte Workflow beginnt mit einem KI-Agenten, der Themen recherchiert, Trends erkennt, Reichweiten analysiert und einen Redaktionsplan erstellt.  

Ein weiterer KI-Agent übernimmt die Recherche aus Kundensicht und beantwortet zentrale Fragen zu den identifizierten Themen. Darauf folgt ein Text-Agent, der erste Entwürfe für Social-Media-Plattformen wie LinkedIn, Instagram und Facebook erstellt. Dabei werden Zielgruppen und plattformspezifische Kontexte berücksichtigt.  

Anschließend prüfen zwei Qualitätssicherungs-KI-Agenten die Inhalte: einer auf fachliche Korrektheit, rechtliche Konformität und Markenkohärenz, der andere aus psychologischer Sicht mit Fokus auf Nutzeransprache und Lesemotivation. Optional können weitere spezialisierte Agenten eingebunden werden, etwa für SEO-Anpassungen. Nach knapp 10 Minuten sind die gewünschten Inhalte erstellt. Sie werden automatisch in einem zentralen System abgelegt oder direkt in Publishing-Tools überführt – ein vollständig digitalisierter Prozess, der vormals viele Stunden manueller Arbeit erforderte. 

Agentic Workflows für alle Marketing-Kernprozesse 

Elaboratum hat nach eigenen Aussagen mittlerweile für quasi alle Marketing-Kernprozesse Agentic Workflows entwickelt – vom Newsletter verfassen über das Erstellen von Social Media Postings bis hin zur Werbemittelproduktion.  

Wer die rasanten technologischen Entwicklungen der letzten Monate verfolgt hat, dem dürfte klar sein, dass KI-Agenten die Zukunft des Marketing prägen werden. Sie lassen sich sehr gut in digitalen Workflows kombinieren und orchestrieren. Das reduziert nicht nur den manuellen Aufwand, sondern erlaubt auch ein bislang unerreichtes Tempo, um Marketing-Ziele zu erreichen.  

Noch setzen die Maschinen diese Ziele nicht vollautark um – ein Mensch sollte stets das Ergebnis prüfen, gegebenenfalls optimieren und freigeben. Das ist gut so und sollte auch so bleiben. Denn auch, wenn jetzt zunehmend Maschinen die Musik machen, der Mensch muss den Taktstock in seinen Händen halten und sie dirigieren.  

Schon gehört? 

E-Commerce-Titan Amazon möchte humanoide Roboter für die Paketzustellung einsetzen. Wie das US-Tech-Magazin The Information berichtet, entwickelt der Konzern eine Software, die es Robotern ermöglichen soll, als Paketzustellarbeiter zu arbeiten und die in Elektro-Vans zum Kunden fahren. Das Unternehmen habe bereits einen entsprechenden Hindernisparcours samt Rivian-Van zu Trainingszwecken aufgebaut. In seinem Lagerbetrieb setzt Amazon bereits eine Vielzahl autonomer Roboter ein. Künftig könnten Roboter also auch in Kundenkontakt kommen und Pakete zustellen. Somit wäre die Paketlieferung dann komplett automatisiert – vom Lager bis zur Haustür. 

Auch für Softwareanbieter spielen autonome KI-Agenten eine immer größere Rolle. So hat jetzt Adobe seine Experience Platform um einen KI-basierten Product Support Agenten erweitert. Er soll bei der Fehlerdiagnose und dem Supportfall-Management helfen und Fälle in Echtzeit verfolgen. Insgesamt verspricht man sich von dem neuen KI-Agenten schnellere Lösungen und mehr operative Effizienz. 

Der Werbespezialist Seedtag hat ebenfalls eine Neuheit im Marketing angekündigt: Neuro-Contextual Advertising. Während beim kontextuellen Targeting nur Keywords, Texte und Bilder analysiert werden, interpretiert Seedtags KI (Liz) ab sofort auch tiefgehende Signale wie Interessen, Emotionen und Intentionen. Die gewonnenen Erkenntnisse setzt sie in kontextuellen Kampagnen auf Premium-CTV-, Video- und Open-Web-Inventar um. 

Übrigens: Am 27. Juni ist wieder bundesweiter Digitaltag – Deutschlands Aktionstag für digitale Teilhabe. Das Ziel: Digitalisierung gemeinsam entdecken, besser kennenlernen und diskutieren. Auch die Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz werden ein wichtiges Thema sein.    

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.