TikTok beeinflusst unsere Jugend mehr als es ihr und uns lieb sein kann. Die Plattform schafft ein paradoxes Bindungsverhältnis. “TikTok macht süchtig und dumm”, sagen die jungen Menschen selbst*. Ständige Dopamin-Ausschüttungen durch immer kürzere, schnellere Videos.
Der beste verfassungsangepasste Algorithmus, der innerhalb von Minuten weiß, wie du gerade drauf bist und entsprechend deiner Mood bedient.
Ständige On-Off-Beziehung
Die Jugend versucht, sich zu entziehen, und löscht die App. Immer mal wieder. Das machen fast alle so. Doch dann kommt sie wieder „drauf“ – die App aufs Handy und die Jugend auf TikTok. Weil jemand einen Film schickt über WhatsApp, den man doch gesehen haben muss, um zu verstehen, was alle verstehen.
Aktive Realitätsprüfung – funktionales TikTok
Rationalisierungen, TikTok zu nutzen, finden sich jede Menge. Jugendliche „googeln“ mit TikTok. Die Plattform ist ihre erste Wahl als Suchmaschine und der bessere TripAdvisor. Statt lange Rezensionen lesen zu müssen, gibt es filmische Eindrücke der Hotspots, der Cafés, inklusive Einrichtung und Teller-Ästhetik von Sandwich, Burger & Co. Im Gegensatz zum Wettbewerb funktioniert das Finden hier einfach über Hashtags. Überprüfen lassen sich zwar auch die Produktempfehlungen von Influencern anderer Plattformen: TikToks normale Menschen, die nicht dafür bezahlt werden, über Make-up, Sportbekleidung oder die neuesten Gadgets, sind allerdings glaubwürdiger.
TikTok ist für Jugendliche glaubwürdiger als jeder andere Nachrichtenkanal. (Ja, sie wissen, dass es sich um eine chinesische Plattform handelt.) Denn hier finden sie Real-Life-Videos, auch aus Kriegsgebieten, gefilmt von Menschen vor Ort. Nicht kuratiert heißt “real” in ihrem Verständnis und nicht “gefaked”.
Fremdbestimmte Tagträume – soghaftes TikTok
Die meiste Zeit auf TikTok entspricht jedoch einer Art tagtraumähnlichem Dämmerzustand. Zum Entspannen, vor dem Einschlafen, wird sich weggebeamt, die Zeit vergessen. Schnell sind weitere zwei Stunden um, in denen man nicht wusste, was einen alles interessiert. Erinnern kann man sich kaum an das Gesehene.
Hinterher fühlt man sich meistens schlecht. Denn anders als bei analogen Tagträumen werden hier nicht die eigenen Tageserlebnisse verarbeitet. Diese bleiben nicht nur unerledigt, sondern es kommen zusätzlich ununterbrochen neue Fetzen hinzu, die ebenfalls verarbeitet werden wollen. Eine Überflutung mit fremdbestimmten Träumen. Memes sind solche Traumfetzen, die fast allen ausgespielt werden. Die Community kennt Herkunft und Sinn. Die tiefe Bedeutung der Memes versteht jedoch nur, wer regelmäßig mitträumt. Entspannend ist das nicht, im Gegenteil.
Zwischen Suchen und Sucht fehlt ein Maß
Für Jugendliche ist TikTok Realitätscheck und Kontrollverlust zugleich. 70 Prozent* fühlen sich abhängig und wollen doch die Funktionen nicht missen. Zwischen ständigem Herunterladen und Löschen fehlt ein Maß. Studien, wie viel noch gut ist und ab wann es kritisch wird, gibt es noch nicht. Aber Eltern und Schulen dürfen Kinder hier nicht sich selbst und TikTok überlassen. Ja, es ist unbequem, mit Jugendlichen zu diskutieren, dass das Smartphone weder beim Essen am Tisch noch nachts im Zimmer ist. Noch unbequemer ist es, Bildschirmzeiten zu vereinbaren und durchzusetzen. Sinnvoll ist es dennoch. Jetzt schon schadet TikTok der Konzentrationsfähigkeit erheblich. Das sagen auch 69 Prozent der Jugendlichen selbst.
(*Der Beitrag basiert auf einer tiefenpsychologisch repräsentativen Befragung mit insgesamt 1050 Jugendlichen, die für den IKW 2024 vom Rheingold Salon und der Autorin in der Projektleitung durchgeführt wurde.)
