„Was ich häufig erlebe, ist das Phänomen des ‚gebuchten Frauseins’“ 

In unserer Interview-Reihe "Female Leadership im Marketing" sprechen Top-Entscheiderinnen aus der Branche über ihre Karriere und ihre Erfahrungen als weibliche Führungskraft. Heute: Alina Ludwig von der Markenberatung All In.
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Alina Ludwig ist Managing Director bei All In. (© All In)

Frau Ludwig, auf welchem Weg sind Sie in Ihre aktuelle Führungsposition bei All In gekommen und was waren Schlüsselmomente oder Wendepunkte in Ihrer Karriere? 

Der Einstieg ins Agenturleben war bei mir eher Zufall – ursprünglich wollte ich Pressesprecherin werden. Doch mein erstes Praktikum im Consumer Marketing hat mir so viel Freude bereitet, dass ich geblieben bin. Besonders geprägt hat mich der frühe Kontakt zu Social Media und Influencer Marketing, als diese Disziplin noch in den Kinderschuhen steckte. 

Ein Wendepunkt war dann sicher das Buchprojekt über Influencer Marketing, das ich für den Haufe Verlag geschrieben habe. Daraus entwickelte sich ein Podcast, der mir Sichtbarkeit und Zugang zu vielen spannenden Gesprächspartnern verschaffte. Über diese Vernetzung entstand schließlich auch der Kontakt zu meiner nächsten Station – einer neu gegründeten Agentur, bei der ich zur Geschäftsführerin aufstieg. 

Diese Rolle habe ich mit großer Begeisterung ausgefüllt, allerdings auch mit sehr hohem Energieeinsatz. Nach drei intensiven Jahren habe ich erkannt, dass ich langfristig einen anderen Arbeitsmodus brauche. Ganz ohne neuen Plan habe ich gekündigt – und mich dann, nach einer Phase der Reflexion, für die Position bei All In entschieden. Hier habe ich die Chance bekommen, eine Strategieberatung neu aufzubauen und das Thema Influencer Marketing ganzheitlich weiterzuentwickeln. 

Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren? 

Ich persönlich habe weniger die klassischen Vereinbarkeitskonflikte erlebt, da ich bislang keine Familie gegründet habe. Eine Herausforderung war für mich eher, ernst genommen zu werden – besonders am Anfang meiner Karriere. Ich bin eher klein, wirke jung, und wurde manchmal unterschätzt. Zum Glück hatte ich viele Menschen an meiner Seite, die mir aktiv Türen geöffnet haben: Mentoren, die mich ermutigt haben, Projekte selbst voranzutreiben und Verantwortung zu übernehmen. Was ich allerdings sehr häufig erlebe, ist das Phänomen des „gebuchten Frauseins“. 

Das müssen Sie erklären. 

Das sind Einladungen zu Panels oder Projekten mit dem klaren Hintergedanken, noch eine weibliche Stimme „dazuzuholen“. Ich nehme diese Rollen an – weil Sichtbarkeit wichtig ist. Aber es zeigt auch, wie weit echte Gleichstellung oft noch entfernt ist. 

Ich sehe auch, dass viele Frauen mit Kindern in unserer Branche vor ganz anderen Herausforderungen stehen. Trotz Remote-Arbeit ist unsere Arbeitskultur stark von Präsenz geprägt. Wer führen will, soll jederzeit verfügbar sein – egal, ob das mit dem Familienalltag vereinbar ist.  

Wie definieren Sie weibliche Führung? 

Ich tue mich schwer mit starren Zuschreibungen – denn Führungsqualitäten sind nicht geschlechtsspezifisch. Ich habe sehr empathische Männer erlebt und gleichzeitig auch sehr harte, wenig zugewandte Frauen. Es gibt auf allen Seiten das volle Spektrum. 

Trotzdem nehme ich wahr, dass Frauen häufig einen stärkeren Blick für das große Ganze haben. Entscheidungen werden oft nicht impulsiv getroffen, sondern mit einer gewissen Weitsicht: Was bedeuten bestimmte Maßnahmen langfristig? Welche Auswirkungen hat das für andere? Dieses vorausschauende Denken wird manchmal als „zögerlich“ interpretiert – dabei ist es in meinen Augen eine Stärke.  

Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede im Führungsstil von Frauen und Männern – und wenn ja, welche? 

Ich glaube, Unterschiede im Führungsstil entstehen weniger durch das Geschlecht, sondern eher durch Prägung und persönliche Erfahrung. Für mich war es prägend, in einer Familie aufzuwachsen, in der Frauen selbstverständlich berufstätig waren – meine Mutter, meine Großmutter, meine Tante. Das Bild der selbstbestimmten, aktiven Frau war für mich ganz natürlich – und hat sicher unbewusst meinen eigenen Führungsstil beeinflusst. 

Was ich bei vielen Frauen in Führungspositionen beobachte – und auch selbst lebe –, ist ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, ohne sich von Hierarchien zu sehr einschränken zu lassen. Führung ist für mich heute eng mit Haltung, Zutrauen und Förderung verbunden – Eigenschaften, die ich sowohl bei Männern als auch bei Frauen erlebt habe. Aber weibliche Führung zeigt oft, dass man mit Empathie, Reflexion und Mut zur Unkonventionalität sehr wohl gestalten kann – und vielleicht sogar nachhaltiger. 

Welche Rolle spielt Diversität – insbesondere Geschlechtervielfalt – in Ihrem Team? 

Geschlechtervielfalt spielt für mich eine wichtige Rolle – auch wenn unser Team aktuell noch recht klein ist. Mit rund 25 Mitarbeitenden sind wir insgesamt gut durchmischt, aber Frauen sind dennoch in der Überzahl. Mein Ziel ist grundsätzlich ein möglichst ausgewogenes Verhältnis. Wichtig ist mir dabei, jede Position individuell zu besetzen – nach Kompetenz und Passung. Aber Diversität ist eben kein Selbstläufer. Man muss im Recruiting bewusst darauf achten, dass es nicht in eine Schieflage kippt. Vielfalt – auch in Bezug auf Geschlecht – sorgt für unterschiedliche Perspektiven, bessere Diskussionen und ausgewogenere Entscheidungen. Das sollte keine Kür sein, sondern Teil moderner Führungskultur. 

Welche Rolle spielen Vorbilder und gab es Personen, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben?  

Rückblickend hatte vor allem meine Familie großen Einfluss auf mich. Für mich war es völlig normal, dass Frauen arbeiten. Meine Mutter war alleinerziehend und berufstätig, meine Oma berufstätig bis ins hohe Alter. Weibliche Selbstständigkeit war bei uns gesetzt. Gleichzeitig war mein Vater als Ingenieur in der ganzen Welt unterwegs – das hat mich geprägt. 

Auf meinem eigenen beruflichen Weg haben mich dann viele Persönlichkeiten unterstützt: Meine erste Mentorin, die mir Selbstvertrauen gegeben hat. Ein Vorgesetzter bei Denkwerk, der mir mit großer Geduld Markenstrategie beigebracht hat. Diese und viele weitere Menschen haben Türen geöffnet und gezeigt: Es geht! 

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Alina Ludwig bei einer der Deep-Dive-Sessions im Rahmen des diesjährigen Marken-Awards. (© Uta Wagner, Lukas Oberbeul / absatzwirtschaft)

Stark inspiriert hat mich zudem Tijen Onaran – als eine der ersten sichtbaren Frauen in der Digitalbranche, die nicht versuchte, sich einem männlich geprägten Stil anzupassen, sondern sichtbar, selbstbewusst und feminin auftrat. Über ihr Netzwerk „Global Digital Women“ habe ich meine ersten Schritte im aktiven Networking gemacht – für mich als eher introvertierte Person ein großer Schritt. 

Welche Ratschläge geben Sie jungen Frauen, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben? 

Der wichtigste Ratschlag: Nutzt Chancen, wenn sie sich bieten. Oft entsteht aus einer vermeintlich kleinen Gelegenheit etwas Größeres – ein neuer Kontakt, eine spannende Zusammenarbeit oder sogar ein Karriereschritt. Offen zu sein für das, was sich ergibt, kann Türen öffnen, die man vorher gar nicht gesehen hat. Ein starkes Netzwerk ist dabei essenziell – und das muss nicht nur aus „höher Gestellten“ bestehen. Gerade der Austausch mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe ist wertvoll. Menschen, mit denen man ehrlich reflektieren kann: Wie geht es dir gerade? Wie schätzt du diese Möglichkeit ein? Solche Sparringspartner helfen oft mehr als ein formelles Mentoring. 

Mentoren sind dennoch wichtig – ob bewusst gesucht oder spontan entstanden. Es muss nicht immer ein offizieller Rahmen sein. Manchmal beginnt es einfach mit einem Kaffee oder einer Nachricht auf LinkedIn. Und gerade wenn man eher introvertiert ist, lohnt es sich, eigene Wege im Netzwerken zu finden. Und: Führungsambitionen erfordern Eigenverantwortung. Man muss nicht permanent „hustlen“, aber es gibt Phasen, in denen es wichtig ist, über die Komfortzone hinauszugehen – auch wenn das anstrengend ist. Karriere verläuft in Wellen. Entscheidend ist, dass die Balance langfristig stimmt. 

Wie gelingt es Ihnen, berufliche Ambitionen und private Bedürfnisse in Einklang zu bringen, Stichwort: „Work-Life-Balance“? 

Für mich beginnt Balance mit einem klaren Bewusstsein für das eigene Energielevel. Ich arbeite ständig daran, besser zu erkennen, wann es zu viel wird – und dann auch konsequent zu reagieren: Termine absagen, Grenzen ziehen. Die Welt geht nicht unter, wenn man mal ein Event auslässt. 

Natürlich habe ich zuvor gesagt, man sollte Chancen nutzen – aber eben nur, solange man sich nicht verbrennt. Manchmal braucht es auch das bewusste „Downsizen“: Zeit für Sport, für Gespräche mit Freunden, für Routinen, die guttun. Wenn ich zu lange keinen Kontakt zu meinem privaten Umfeld hatte, spüre ich sofort Unruhe – dann ist es Zeit, wieder in Verbindung zu treten. 

Work-Life-Balance heißt für mich nicht, jeden Tag ein perfektes Gleichgewicht zu halten. Es geht vielmehr darum, Wellenbewegungen zu akzeptieren: Es gibt intensive Phasen – und Zeiten der Erholung. Wichtig ist, sich nicht zu verurteilen, wenn mal etwas liegen bleibt.  

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen? 

Wir müssen uns als Gesellschaft – aber auch innerhalb unserer Branche – viel bewusster mit dem Stellenwert von Familie und Care-Arbeit auseinandersetzen. Vereinbarkeit darf nicht länger als reines „Frauenthema“ gelten. Es wäre ein starkes Signal, wenn mehr Männer in Führungsrollen ganz selbstverständlich sagen: „Ich kann das Meeting nicht wahrnehmen, ich hole mein Kind ab.“ Solche Rollenbilder müssen zur Normalität werden. 

Gleichzeitig braucht es mehr Allyship und aktives Mentoring – und zwar nicht nur von Männern, sondern auch unter uns Frauen. Viele Türen auf meinem Weg wurden mir durch Männer geöffnet, die an mich geglaubt haben. Umso mehr wünsche ich mir, dass wir Frauen auch stärker darin werden, andere Frauen mitzuziehen, zu vernetzen und sichtbar zu machen. Wir müssen aktiv Räume schaffen, in denen weibliche Talente sich entfalten können, ohne sich an überkommene Strukturen anpassen zu müssen. 

Anna Lena Hartmann (alh, Jahrgang 1997) ist seit August 2023 Werkstudentin bei der absatzwirtschaft. Im grünen Herzen Deutschlands aufgewachsen, lebt sie nun aufgrund ihres Germanistikstudiums in Leipzig. Zuvor verbrachte sie einige Jahre an der juristischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Ihr breites Wissens- und Interessenspektrum betrifft Themen wie Sport, Wirtschaft und Gesundheit.