Warum empathische Führung die neue Währung im Marketing ist 

In unserer Interview-Reihe „Female Leadership im Marketing“ sprechen Top-Entscheiderinnen aus der Branche über ihre Karriere und ihre Erfahrungen als weibliche Führungskraft. Heute: Viktoria Renner von Ozmoze.
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„Männliche Führungsstile zu kopieren, bringt nichts“, sagt Viktoria Renner, Co-Gründerin der Berliner Content-Marketing-Agentur Ozmoze.  (© Ozmoze)

Frau Renner, was war der entscheidende Moment, an dem Sie wussten: „Jetzt gründe ich“ – und wie haben Sie diesen Schritt gemeistert? 

Einen klassischen Moment gab es bei uns gar nicht. Mein Co-Founder Marvin Jockschat und ich haben damals einen Musikblog gestartet – noch vor der Zeit von Social Media, als Facebook gerade groß wurde. Wir bekamen zunehmend Anfragen für Sponsored Posts, aber die Briefings fanden wir oft schlecht. Also haben wir begonnen, diese auseinanderzunehmen, und Marken aus einer digitalen Perspektive zu beraten. So wurde aus dem Blog Schritt für Schritt eine Agentur. 

Was waren Schlüsselmomente in Ihrer bisherigen Karriere? 

Ein Schlüsselmoment war sicher der Pitch mit Beiersdorf, bei dem wir eigentlich nur als Experten für elektronische Musik eingeladen waren. Den Pitch haben wir gemeinsam mit einer Agentur gewonnen, aber als sie dann insolvent ging, lagen die Aufgaben plötzlich bei uns. Ich war da erst Anfang 20, aber uns wurde sofort vertraut. So habe ich gemerkt, wie groß der Bedarf für unsere Herangehensweise ist. Das war der Punkt, an dem wir verstanden: Wir sind längst keine Blogger mehr, sondern eine Agentur. Wir haben uns dann einen neuen Namen gegeben – Ozmoze – und sind unseren Weg weitergegangen. Rückblickend war das der entscheidende Wendepunkt. 

Was haben Sie aus dieser Zeit für sich persönlich mitgenommen? 

Das Wichtigste war für mich die Einsicht: Man erkennt die eigene Richtung oft erst im Nachhinein. Entscheidend ist, den Weg einzuschlagen, der sich richtig anfühlt, und einen Bedarf zu erkennen, den andere noch nicht bedienen. 

Was muss sich aus Ihrer Sicht in der Marketing- und Agenturwelt verändern, damit mehr Frauen nicht nur Führungspositionen erreichen, sondern auch langfristig darin bleiben? 

Für mich ist es vor allem wichtig, dass sich Führungsstile weiterentwickeln. Wir haben heute zum Glück einen anderen Anspruch in unserer Arbeitswelt, insbesondere an das Leadership. Dabei zählen Eigenschaften wie Empathie, Teamkultur und kollaboratives Arbeiten mehr als das klassische Einzelkämpferdenken vieler C-Levels. Dieses Bewusstsein formt sich gerade auch in breiteren gesellschaftlichen Schichten, und das macht Hoffnung, auch über die Marketing- und Agenturwelt hinaus. Ich glaube, dass mehr Frauen in Führungspositionen eine klare und unausweichliche Antwort auf diese Entwicklung sind. 

Gleichzeitig gibt es nach wie vor eine Generation männlicher Führungskräfte, die in alten „Bro-Club“-Strukturen denken und Männer bevorzugen. Frauen müssen daher stärker Allianzen bilden – nicht nur gegen Männer, sondern vor allem füreinander. Leider fühlen sich Frauen manchmal auch von anderen starken Frauen bedroht. 

Wie können wir dem entgegenwirken? 

In der neuen Generation von Agenturen sehe ich bereits einen Mindshift hin zu mehr Kollaboration. Trotzdem sind auch hier weibliche Führungskräfte noch rar. Gerade beim Gründen sind Frauen oft risikoaverser als Männer. Daran müssen wir arbeiten, indem wir einander unterstützen und Mut machen, die Verantwortung wirklich zu übernehmen. 

Sie sind als junge Frau in der Führungsrolle einer wachsenden Agentur: Wird man als Gründerin in Deutschland eher unterschätzt? 

Am Anfang – ohne Cases oder Proof – habe ich sehr deutlich gespürt, was es heißt, als junge Frau in dieser Branche aufzutreten. Ich habe mich oft gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, und reagierte zunächst mit Härte. Ich imitierte männliche Führungsstile, fuhr die Ellenbogen doppelt so weit aus, habe aber schnell gemerkt: So bin ich nicht. Und funktioniert hat das sowieso nicht. 

Und was haben Sie selbst unterschätzt? 

Mein Team, das sehr weiblich geprägt ist, hat mir gezeigt, dass es auch anders geht. Heute trete ich bewusst mit Empathie und Offenheit auf – und erlebe, wie das selbst bei klassischen männlichen Führungspersonen Fassaden aufbricht. Dieses Umdenken ist für mich ein großes Learning: Männliche Führungsstile zu kopieren, bringt nichts. Stattdessen gewinnen wir Respekt und Augenhöhe gerade durch einen empathischen, teamorientierten Ansatz. 

Spannend finde ich, dass Kunden mir inzwischen sehr respektvoll begegnen, während es oft eher Agenturkollegen sind, die noch versuchen, alte Hierarchien hochzuziehen. Das zeigt mir, wie stark sich Führungsbilder ändern – und dass junge Agenturen heute anders, kollaborativer aufgestellt sind als die klassische Agenturwelt. 

Ozmoze bewegt sich in einem Umfeld, das sehr schnelllebig ist. Wie würden Sie weibliche Führung in diesem Kontext definieren? 

Für mich bedeutet Führung, Räume für Eigenverantwortung und Kreativität zu schaffen – und dabei empathisch auf die echten Bedürfnisse des Teams einzugehen. Wir fördern individuelle Stärken, aber auch das gegenseitige Anleiten und Lernen. Mit meinem Co-Founder Marvin haben wir einen Führungsstil entwickelt, der weniger auf Druck und einseitige Feedback-Gespräche setzt, sondern auf Dialog und Mediation. So entsteht ein Miteinander, in dem sich die Teammitglieder ernst genommen fühlen. 

Das Ergebnis sieht man jeden Tag: Die Leute kommen gern ins Büro, übernehmen Verantwortung und gestalten unser Miteinander aktiv mit. Vieles entsteht von selbst – von Teamevents bis hin zum Feierabendbier. Für uns ist das der Beweis, dass Vertrauen und Offenheit mehr bewirken als Kontrolle. 

Was würden Sie als Ihre größte Schwäche bezeichnen?  

Ich bin definitiv zu begeisterungsfähig. Das führt manchmal dazu, dass wir überdimensionierte Produktionen starten oder ich zu viele Speaking Slots zusage – einfach, weil ich mich gerne mal in ein Thema hineinsteigere. Gleichzeitig ist das aber auch eine Stärke, weil dadurch ein großes Netzwerk entstanden ist: von Politik über Kultur bis Ibiza (lacht). Diese Vielfalt prägt unsere Arbeit und macht Projekte oft besonders. Natürlich bringt das auch Belastung mit sich. Gerade in der Anfangsphase, als wir noch nicht so gewachsen waren, bin ich oft an meine Grenzen gestoßen. Da musste ich lernen, besser zu priorisieren – was machen wir wirklich, und was eben nicht. 

Social Media schläft nie – wie gelingt es Ihnen, trotz des ständigen „Always-on“-Drucks, berufliche Verantwortung und private Freiräume in Balance zu halten? 

Für mich fühlt sich die Arbeit bis heute eher wie ein Hobby an und nicht wie ein klassischer Job mit Work-Life-Balance nach Excel-Tabelle. Ich ticke mehr in Loops, wie beim Scrollen auf TikTok oder Instagram: mal intensives Eintauchen in ein Projekt, mal bewusstes Abschalten. Das kann ein Wochenende auf einem Festival sein oder auch mal Doom-Scrolling. Beides inspiriert mich und fließt wieder in die Arbeit zurück. Genau das macht für mich die Schönheit unseres Jobs aus: Vieles, was andere „Privatleben“ nennen, ist für uns Teil des kreativen Prozesses. 

Welche Menschen haben Sie beruflich oder privat geprägt? 

Mein erstes Vorbild war eindeutig meine Mutter. Sie war die erste Geschäftsführerin eines Musiklabels und hat mir von klein auf gezeigt, dass Frauen selbstverständlich genauso viel Power und Business-Ownership haben können wie Männer. Ich bin praktisch in der Musikbranche groß geworden – Backstage bei den Ärzten, Basketballspielen mit Eminem, auf der Loveparade, mitten in der Kultur. Beruf und Privatleben wurden nie getrennt, sondern immer miteinander verwoben. Das hat mich extrem geprägt und gibt mir bis heute die Gewissheit: Familie und Karriere schließen sich nicht aus. 

Und über Ihre Familie hinaus? 

Neben meinen Eltern gab es über die Jahre prägende Begegnungen. Ein Professor an der Uni, Christian Blümelhuber, hat mir Freiräume ermöglicht und mich inhaltlich inspiriert. Auch von Business-Vorbildern wie Ulrike Handel oder Uli Klenke habe ich gelernt, wie wichtig Vertrauen und Förderung sind. Und von Menschen wie Davide Bortot, der sein kulturelles Know-how aus der Musik in seine Agenturarbeit überträgt, nehme ich Impulse mit. Es war also nie „die eine Mentorin oder der eine Mentor“, sondern viele verschiedene Begegnungen, die mir Wege aufgezeigt haben. 

Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre blicken: Welche Plattformen, Trends oder Denkweisen werden aus Ihrer Sicht die Branche am stärksten verändern? 

Ich habe im September auf der Dmexco die Werbung totgesagt. Und dazu stehe ich. Das größte Missverständnis ist, Shortform-Video bloß als eine neue Variante von Bewegtbild zu betrachten. In Wahrheit verändert es das Spielfeld grundlegend: Marken stehen plötzlich auf Augenhöhe mit Medienhäusern, Creators und Einzelpersonen. Der entscheidende Shift ist, dass Marken selbst zu Medienmachern werden – mit eigenen Channels, Narrationen und der Möglichkeit, direkt in die „Primetime“ vorzudringen.  

Viele Menschen denken aber noch in klassischen Werbeblöcken. Ich habe kürzlich in einer Studie gelesen, dass sich schon heute 40 Prozent der Amerikaner ausschließlich über Social Media informieren. Das ist einerseits beunruhigend, andererseits eine enorme Verantwortung für uns als Kommunikationsbranche. Ich bin überzeugt: In fünf Jahren sind klassische Funnels und Agenturmodelle überholt. Stattdessen wird es darum gehen, Medieninhalte zu schaffen, die langfristig Relevanz haben. Kaufentscheidungen passieren dann ganz nebenbei – irgendwo im Scroll. 

Anna Lena Hartmann (alh, Jahrgang 1997) ist seit August 2023 Werkstudentin bei der absatzwirtschaft. Im grünen Herzen Deutschlands aufgewachsen, lebt sie nun aufgrund ihres Germanistikstudiums in Leipzig. Zuvor verbrachte sie einige Jahre an der juristischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Ihr breites Wissens- und Interessenspektrum betrifft Themen wie Sport, Wirtschaft und Gesundheit.