„Die Boys Clubs müssen endlich verschwinden“ 

In unserer Interview-Reihe „Female Leadership im Marketing“ sprechen Top-Entscheiderinnen aus der Branche über ihre Karriere und ihre Erfahrungen als weibliche Führungskraft. Heute: Jeannette Bohné von Serviceplan.
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Jeannette Bohné ist Kreativgeschäftsführerin von Serviceplan Berlin. (© privat, Montage: absatzwirtschaft)

Frau Bohné, wie sind Sie in Ihre aktuelle Führungsposition gekommen – und was waren Schlüsselmomente oder Wendepunkte in Ihrer Karriere? 

Ein entscheidender Wendepunkt war für mich der Wechsel auf Kundenseite, zu Amazon Prime Video. Nach vielen Jahren in der klassischen Agenturwelt als Creative Director habe ich dort erstmals mehrere Märkte gleichzeitig verantwortet, mehrere Agenturen gemanagt – und mit ganz anderen Budgetdimensionen und Strukturen gearbeitet. Diese zwei Jahre waren für mich ein echtes Level-up: ein sehr intensives Wachstum, das mich gezwungen hat, mich als Führungspersönlichkeit neu zu entwickeln. Ich glaube, dieser Schritt hat am Ende den Unterschied gemacht und mir den Weg in die Geschäftsführung eröffnet. 

Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren, und wie sind Sie damit umgegangen? 

Manchmal merke ich schon, dass es ein paar Minuten dauert, bis mein Gegenüber realisiert: Ich bin nicht die Assistenz, sondern die Chefin. Das ist für mich aber kein Nachteil – eher für die Person, die mit einer falschen Annahme ins Gespräch geht. Wirklich problematisch finde ich etwas anderes: In Führungsrunden bin ich noch immer oft eine von nur zwei oder drei Frauen. Es gibt in der gesamten Agenturbranche noch viel Luft nach oben, was ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis in Führungspositionen angeht. 

Welche Rolle spielt Geschlechtervielfalt und Diversität bei Serviceplan? 

Bei Serviceplan Berlin sind wir überparitätisch aufgestellt: Das Führungstrio besteht aus zwei Frauen und einem Mann – und diese Kombination funktioniert hervorragend, fachlich wie menschlich. Die Serviceplan Group tut viel in Sachen Diversity-Förderung, und wir haben schon einiges erreicht. Aber klar, da gibt es, wie in der gesamten Branche, sicherlich noch Veränderungspotenzial.  

Wie definieren Sie weibliche Führung: Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede im Führungsstil von Frauen und Männern? 

Ich persönlich glaube nicht, dass Frauen und Männer grundsätzlich unterschiedlich führen. Es gibt gute und schlechte Führung – unabhängig vom Geschlecht. Natürlich bringe ich als Frau andere Erfahrungen mit als viele meiner männlichen Kollegen, aber das prägt eher meinen Blick auf bestimmte Situationen, nicht meinen Führungsstil. 

Und was zeichnet gute Führung aus? 

Mir ist wichtig, zu betonen: Gute Führung hängt viel stärker von Empathie ab – und die muss bei allen Geschlechtern geschult werden. Ich habe mir zum Beispiel zu Beginn meiner Führungsrolle bewusst Unterstützung durch Coaching gesucht, weil ich überzeugt bin, dass man Führung lernen und reflektieren muss. Leider passiert das in vielen Unternehmen erst, wenn es schon kriselt – wenn jemand im Burn-out landet oder das Team unzufrieden ist. Dabei sollte Coaching von Anfang an selbstverständlich sein. 

Schlechte Führung ist extrem schädlich – für Menschen, Teams und Unternehmen. Für mich gehört deshalb zur Definition von guter Führung in erster Linie Menschlichkeit und Verantwortungsbewusstsein. 

Gab es Personen, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben?  

Ich hatte das große Glück, einige tolle Chefinnen und Chefs zu haben, die mir früh Verantwortung gegeben haben und mich wachsen ließen – auch in Situationen, die zunächst sehr herausfordernd wirkten. Besonders prägend war für mich Tine Holzhausen bei DDB: eine dreifache Mutter, die gezeigt hat, dass Karriere und Familie zusammengehen. Sie ist für mich bis heute ein absolutes Vorbild. 

Auch Vorgesetzte wie Till Diestel, der mir damals bei BBDO schon viele Möglichkeiten eröffnet hat und heute wieder mein Chef ist, haben mich geprägt. Er hat mir diese Rolle als Geschäftsführerin zugetraut und mir damit den Raum gegeben, sie auszufüllen – mit allen Höhen und Tiefen. Das Vertrauen war entscheidend dafür, dass ich mich entwickeln konnte. 

Welche Ratschläge würden Sie jungen Frauen geben, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben? 

Meine wichtigsten drei Ratschläge sind: Erstens: Fokussiert euch auf eure Stärken – nicht auf die Schwächen! Das habe ich schon bei Amazon gelernt und es ist etwas, das ich Frauen viel häufiger sagen muss als Männern. Wenn man konsequent den Weg entlang der eigenen Stärken geht, ist man fast unaufhaltsam. 

Zweitens: Baut euch ein starkes Support-Netzwerk auf – und darin sollten auch Männer sein! Denn es ist einfacher, wenn wir den Weg gemeinsam gehen und Türen füreinander öffnen. Hilfe anzunehmen oder aktiv danach zu fragen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Teamgeist. Am Ende muss man durch jede geöffnete Tür selbst hindurchgehen und auf der anderen Seite überzeugen – das ist Leistung genug. 

Und drittens: Traut euch, um Hilfe zu bitten und gebt sie später auch zurück! Ich bin ein großer Fan davon, sich eine „Gang“ aufzubauen, mit der man den Weg gemeinsam geht. Das ist für mich kein amerikanisches Serien-Klischee, sondern gelebte Zusammenarbeit. 

Wie gelingt es Ihnen, berufliche Ambitionen, die Bedürfnisse ihrer Familie und auch eigene Bedürfnisse in Einklang zu bringen? 

Ehrlich gesagt, kann ich da noch besser werden. Was ich aber gelernt habe: Man darf nicht zu streng mit sich selbst sein. Ich arbeite in einem Leidenschaftsbereich, da will ich Ergebnisse, die mich wirklich zufrieden machen – und das kostet oft zusätzliche Zeit. Gleichzeitig weiß ich: Ständiges Mehrarbeiten bringt auf Dauer nichts. 

Um für Ausgleich zu sorgen, setze ich ganz bewusst auf Dinge, die nichts mit dem Kopf zu tun haben. Für mich ist das Sport – oder ganz banal: Perlenarmbänder basteln. Etwas mit den Händen tun, ein direktes Ergebnis sehen, das man anfassen kann – sei es Kochen, Malen oder Handwerkliches. Das ist ein wichtiger Kontrast zu unserem oft abstrakten Job.  

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen? 

Es gibt zwei Hebel. Erstens sollten die reinen „Boys Clubs“ aufgelöst werden. Wer schon mal in einem Raum mit 20 Leuten saß, von denen nur zwei oder drei Frauen waren, weiß, wie sich das anfühlt. Sprache, Kultur, Umgangsformen – all das kann dazu führen, dass man sich automatisch ausgegrenzt fühlt.  

Zweitens: Wir leben immer noch in einer Gesellschaft, in der ein Großteil der Care-Arbeit von Frauen übernommen wird. Solange das so bleibt, ist es schwer, Führungspositionen mit Familie zu vereinbaren. Deshalb wünsche ich mir bessere Modelle, die 50:50 funktionieren. Ich bin sehr stolz, dass wir in der Agentur viele Väter haben, die genauso viel Elternzeit genommen haben wie die Mütter – zum Beispiel drei Monate am Stück und später nochmal drei. Solche Anträge unterstützen wir uneingeschränkt. 

Und ich finde es großartig, wenn auch männliche Führungskräfte klare Grenzen ziehen – etwa sagen: „18.30 Uhr ist bei mir Essenszeit mit den Kindern“ oder „Ich rufe zurück, bin gerade auf dem Spielplatz“. Solche Vorbilder brauchen wir viel öfter. 

Anna Lena Hartmann (alh, Jahrgang 1997) ist seit August 2023 Werkstudentin bei der absatzwirtschaft. Im grünen Herzen Deutschlands aufgewachsen, lebt sie nun aufgrund ihres Germanistikstudiums in Leipzig. Zuvor verbrachte sie einige Jahre an der juristischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Ihr breites Wissens- und Interessenspektrum betrifft Themen wie Sport, Wirtschaft und Gesundheit.