VW & Co.: Wer zuerst zuckt, wird gefeuert

VW entlässt 548 Mitarbeitende aufgrund von Fehlverhalten. Das ist verständlich – kann aber trotzdem zum Problem werden. Denn anders als der SAP-Finanzchef denkt, sind Mitarbeitende keine Karies, die man einfach wegschrubbt. Sie brauchen Sicherheit.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

548 Entlassungen aufgrund von Fehlverhalten – das ist die Zahl der Menschen im Volkswagen-Konzern, die in diesem Jahr bereits gehen mussten, weil sie etwas falsch gemacht haben. Mehr als 300 davon an den sechs deutschen Standorten der Kernmarke VW.

Die „Bild” macht daraus gewohnt unsachlich: „VW feuert 500 Blaumacher”. Das ist so nicht richtig, denn nicht alle der Kündigungen sind auf unentschuldigtes Fehlen zurückzuführen. Aber: In der Tat ist das wohl der Hauptgrund für die Entlassungen. Es gab bei VW bereits jetzt so viele Entlassungen wie im gesamten Vorjahr. Zusätzlich will der Konzern in diesem Jahr wegen Fehlzeiten noch im dreistelligen Bereich kündigen.

VW hat ein Disziplinproblem – trotzdem ist das Vorgehen problematisch

Es lässt sich also zweifellos sagen: VW hat ein Disziplinproblem und will dagegen nun mit Härte vorgehen. Das ist nachvollziehbar, insbesondere in den Fällen, in denen der Konzern dreist betrogen wird. Kein Unternehmen muss sich von seinen Mitarbeitenden am Nasenring durch die Manege des Arbeitszeitbetrugs ziehen lassen.

Trotzdem ist das Vorgehen von VW problematisch: Der Konzern veröffentlicht die Zahlen intern. Die Verantwortlichen wollen also nicht nur die Mitarbeitenden loswerden, die sich daneben benehmen – sie wollen ganz offenkundig auch Angst in der Belegschaft verbreiten. Damit andere Mitarbeitende bloß nicht auf die Idee kommen, es den entlassenen Ex-Kollegen gleichzutun. VW is watching you. Der Konzern schafft also bewusst psychologische Unsicherheit, auch bei den Menschen, die sich eigentlich an die Regeln halten.

90 Prozent der Belegschaft entlassen – wegen einem Meeting

Es ist ein schmaler Pfad zwischen berechtigen Forderungen nach Disziplin und negativem Effekt auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden. Im vergangenen Jahr ging ein Beispiel durch Medien, bei dem sich der Online-Musikhändler The Musician’s Club von 99 der 110 Mitarbeitenden getrennt hatte, weil sie zu spät zu einem Online-Meeting erschienen waren. Dabei war, so berichtete es ein entlassener Praktikant, etwas mit der Einladung schiefgegangen. Das scheint plausibel, wenn nur 10 Prozent der Menschen pünktlich sind. Dennoch wollte CEO Baldvin Oddsson die nicht erschienenen loswerden, weil er sich nicht ernst genommen fühlte. Oddsson verabschiedete sich mit den wenig sachlichen Worten: „Get the fuck out of my business right now“.

Rechtlich waren die Entlassungen einigermaßen unproblematisch möglich, zumal es sich bei vielen Betroffenen um Freelancer oder Praktikantinnen handelte. Die Situation in Deutschland wäre – zumindest bei den Festangestellten – wohl komplexer. So oder so berichtet Oddsson davon, dass sein Unternehmen besser laufe denn je. Das kann man glauben, es spielt aber erstmal gar keine große Rolle.

Denn was vor allem passiert, ist, dass alle Mitarbeitenden permanent damit rechnen müssen, von einer erratischen Führung entlassen zu werden, weil sie zu laut gehustet haben. Für eine produktive Arbeit hilft es aber nicht, Entlassungsmikado zu spielen: Wer zuerst zuckt, wird gefeuert. Nein, für ein gesundes Arbeitsumfeld sorgt das gerade nicht. Natürlich ist das Beispiel Musician’s Club extrem. VW ist weit davon entfernt. Und doch ist die Tendenz gleich: Das Erzeugen von Angst steht im Mittelpunkt. Ob gewollt oder nicht.

SAP: Entlassungen werden zur Routine

Etwas unschlüssig bin ich insofern, wie ich das Vorgehen von SAP finden soll. Der Konzern hat im September bekannt gegeben, dass Stellenabbau dort zur Routine werden soll: Jedes Jahr sollen ein bis zwei Prozent der Belegschaft gehen, bis zu 2200 Stellen. Naturgemäß findet der Betriebsrat das nicht gut. Zur Wahrheit gehört aber natürlich: Umstrukturierungen gehören in Unternehmen zum Alltag, in Konzernen dieser Größe müssen ständig Menschen gehen. Die Frage ist also, ob es regelmäßig kleinere Umstrukturierungen sein sollen oder größere Transformationsmaßnahmen, die dann mehr Menschen betreffen. Macht man beides nicht, wird es dem Konzern wirtschaftlich irgendwann nicht mehr gut gehen. Man muss kein CEO sein, um diese Rechnung aufzumachen.

Der Betriebsrat von SAP ist aber wenig begeistert – ein Betriebsrat meint, dass das schon ein gewaltiger Kulturwandel sei und man Geld statt in Abfindungen lieber in Weiterbildungen investieren solle. Damit ließen sich sicher teilweise Kündigungen verhindern, indem man Angestellte entsprechend für andere Stellen qualifiziert. Ein gewisser Abbau wird aber dennoch nötig bleiben.

Mitarbeitende sind keine lästige Karies

Das Argument Kulturwandel lässt sich aber letztlich von zwei Seiten betrachten: Denn einerseits gibt es im Optimalfall bei SAP keine regelmäßige Krisenkommunikation mehr über große Entlassungswellen, weil diese schlicht nicht mehr nötig sind. Das könnte zu mehr psychologischer Sicherheit führen. Es könnte aber auch das exakte Gegenteil eintreten: Weil es ständig Entlassungen gibt, fühlt sich eigentlich niemand mehr sicher. Es könnte ja zu jedem Zeitpunkt jeden treffen.

Dass der Effekt eher negativ ist, dafür spricht die Kommunikation des SAP-Finanzchefs Dominik Asam zu dem Thema. Er hatte die Entlassungswellen mit anderen täglichen Routinen wie dem Zähneputzen verglichen. Das kann man gut sagen, wenn man Jahr für Jahr mehrere Millionen aufs Konto überwiesen bekommt. Es verkennt aber die Realität der eigenen Belegschaft in krasser Weise. Denn die Mitarbeitenden für SAP sind mehr als ein bisschen Karies, die es wegzuschrubben gilt. Und ja, diese Menschen zucken auch mal im falschen Moment. Es wäre schön, wenn sie die Freiheit hätten, ihren Job dennoch zu tun.

Auf eine kariesfreie Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.