In Deutschland bleibt der Sonntag für viele ein besonderer Tag – und das nicht nur aus religiösen Gründen. Laut einer aktuellen YouGov-Umfrage im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa wünschen sich nur 34 Prozent der Menschen mehr verkaufsoffene Sonntage. 59 Prozent sind dagegen, der Rest ist unentschlossen. Hauptgründe für die Ablehnung sind der Schutz der Sonntagsruhe, die Gesundheit der Beschäftigten und die Auffassung, dass es an anderen Tagen genug Einkaufsmöglichkeiten gibt.
Die Befürworter von Sonntagsöffnungen nennen andere Motive: Zwei Drittel wollen flexibler und spontaner einkaufen, 42 Prozent haben unter der Woche zu wenig Zeit. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) geht sonntags gern zum Bummeln. Am meisten gefragt wären an diesem Tag Lebensmittel und Getränke (75 Prozent), gefolgt von Kleidung und Schuhen (59 Prozent), Drogerieartikeln (43 Prozent) sowie Elektronik und Technik (33 Prozent).
Hohe Zustimmung unter Smart-Store-Kunden
In diese festgefahrene Debatte drängen nun Smart Stores – vollautomatisierte Minimärkte ohne Kassenpersonal, die rund um die Uhr geöffnet sind. Für Prof. Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn sind sie ein möglicher Kompromiss: „Einerseits gibt es den gesellschaftlichen Konsens, dass wir keine generelle Sonntagsöffnung wollen. Auf der anderen Seite wird die Nahversorgung gerade im ländlichen Raum aufgewertet.“
Eine Erhebung der DHBW unter Smart-Store-Kunden zeigt hohe Zustimmung: Über 80, teils über 90 Prozent sagen, dass ihr Alltag dadurch leichter werde und der Ort gewinne. Bequemlichkeit spielt dabei eine größere Rolle als Preis oder Sortiment. Besonders die Sonntagsöffnung wird geschätzt – und ist für die Betreiber entscheidend. Rund 30 Prozent ihres Umsatzes machen sie an diesem Tag. In der YouGov-Umfrage gaben zwölf Prozent der Befürworter an, sonntags bevorzugt in Smart Stores einkaufen zu wollen.
Der Handelsverband Deutschland sieht darin Chancen: Die Märkte funktionieren ohne Kassenpersonal und könnten daher die Sonn- und Feiertagsruhe wahren. „Das müssen auch Gewerkschaften und Kirchen zur Kenntnis nehmen“, sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Angesichts von Fachkräftemangel und steigenden Lohnnebenkosten werde die Automatisierung im Einzelhandel künftig noch wichtiger.
Kirchen und Gewerkschaften widersprechen Handelsverband
Kirchen und Gewerkschaften bleiben skeptisch. Die „Allianz für den freien Sonntag“ kritisiert, dass auch digitale Märkte sonntags Personal für das Auffüllen, Reinigen und Überwachen benötigen. Das greife in die Sonntagsruhe ein und verschaffe Wettbewerbsnachteile für klassische Läden, Bäckereien oder Metzgereien. Schwer wiegt für sie auch der verfassungsrechtliche Aspekt: Laut Grundgesetz sind Sonn- und Feiertage „als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“. Eine Änderung würde eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag erfordern.
Rechtlich ist vieles noch ungeklärt. Vier Bundesländer – Mecklenburg-Vorpommern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Bayern – haben ihre Ladenöffnungsgesetze für vollautomatisierte Verkaufsstellen bereits angepasst. In anderen Ländern wird der Sonntagsbetrieb oft nur geduldet. In Bayern kündigte die Allianz für den freien Sonntag nun eine Klage gegen das neue Gesetz an. Am Ende könnte der Fall vor dem Bundesverfassungsgericht landen.
Trotz offener Fragen boomt der Markt. Seit dem ersten Smart Store im Juli 2019 im schwäbischen Grafenberg sind es laut DHBW Ende Juni 2025 bereits 723 Standorte verschiedener Anbieter. „Im Moment gibt es fast jeden Tag eine Neueröffnung“, sagt Rüschen. Ob diese Märkte am Ende als Brücke zwischen Tradition und digitaler Zukunft gelten oder als Einfallstor für den Sonntagshandel – das wird nicht nur die Politik, sondern wohl auch die Gerichte klären müssen.
Mit Material der dpa.

