Strategie Klimaanpassung: Sich aufs Schlimmste vorbereiten 

Die Finanzwirtschaft zweifelt am Netto-Null-Ziel und setzt stärker auf Risikoanalyse. Experten kritisieren die Regulatorik der EU. Und: Erkenntnisse zur nachhaltigsten Raststätte Deutschlands.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen.
Christine Mattauch schreibt an dieser Stelle über Green Marketing. Sie beschäftigt sich mit grünen Marketingstrategien und der Frage, wie sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit verbinden lassen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Was haben New York, Verona, Hiroshima und der deutsche Stadtstaat Bremen gemeinsam? Der amerikanische Finanzdienstleister MSCI, weltweit bekannt für seine Aktienindizes, führt sie als Unternehmensstandorte mit erheblichen Klimarisiken. Zu diesen Risiken zählen Wirbelstürme, extreme Hitze oder Waldbrände; bei Bremen und der Wesermarsch heißt die Gefahr Flusshochwasser. Der Befund ist nicht ganz neu; wohl aber könnten es die Konsequenzen sein, die sich daraus ableiten. 

Klimaneutralität bis 2050 wird nicht erreicht 

„Finance is adapting“, die Finanzwirtschaft passt sich an, schreibt Linda-Eling Lee, Leiterin des MSCI Sustainability Institutes. Mit einer für die Branche seltenen Offenheit legt sie dar, wie sich Investoren der Erkenntnis nähern, dass das Ziel einer finanzgetriebenen Klimaneutralität bis 2050 nicht erreicht werden wird. Der Rückzug von Munich Re und anderer Player aus Net-Zero-Initiativen erscheint plötzlich in einem anderen Licht. 

Lee kleidet den Strategiewechsel in die Worte „Preparing for the worst, while still aiming for the best“. Frei übersetzt: Nicht aufgeben, aber aufs Schlimmste vorbereitet sein. Für Banken, Versicherer und andere institutionelle Investoren bedeutet das auch, Risiken neu zu bewerten, die durch das Fortschreiten des Klimawandels entstehen, wie eine höhere Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen. 

Klimarisiken lenken Investitionen  

Die Ergebnisse bestimmen mit darüber, ob und zu welchen Konditionen Unternehmen Kredite erhalten und Risiken versichern können. Das übersetzt sich in Investitionsentscheidungen: Schon jetzt berücksichtigen Unternehmen bei der Standortwahl oder dem Aufbau von Lieferketten zunehmend regionale und lokale Umweltgefahren. Eine Studie von PwC mit dem bemerkenswerten Titel „Time to get serious about the realities of climate risk“ illustriert die Entwicklung mit (anonymisierten) Fallbeispielen. 

Schon paradox: Während Nachhaltigkeit gegenwärtig alles andere als ein Trendthema ist, erhalten Klimarisiken perspektivisch eine Steuerungsfunktion, wie sie früher Lohnkosten vorbehalten war. Und Investoren mutieren von kühlen Rechnern zu Wächtern über die Klimaresilienz von Unternehmensstrategien. 

Abschied vom „grünen Hebel“ für Klimaschutz? 

Zur Erinnerung: Es ist noch nicht lange her, dass die Finanzwirtschaft der Hebel zum grünen Wirtschaften sein sollte. Kredite sollten bevorzugt in Dekarbonisierungs- und Transformationsprojekte fließen und so den Umbau der Volkswirtschaften voranbringen. Der Green Deal der EU fußte auf dieser Idee.  

Bei der Umsetzung ist einiges falschgelaufen, kritisieren Experten wie Christoph Bornschein und Sebastian Cleemann, Autoren des Buchs „Real World Impact“: „Die Regulatorik funktioniert nicht.“ Neuerdings will die Europäische Kommission Unternehmen von Auflagen entlasten.  

Der Grundgedanke des grünen Hebels ist trotzdem nicht verkehrt. Still aiming for the best kann doch nur heißen, weiterhin in Klimaschutz zu investieren. Und das passiert ja auch: Anlagen in Transformationsfonds sind laut Lee im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen. 

Steuerbefreiter Klimasparplan und Dekarbonisierung des Gebäudebestands 

Da ist noch viel mehr möglich. Der letzte Sustainable Finance Beirat der Bundesregierung schlug einen Klimasparplan für Kleinanleger und einen Transformationsfonds für vermögende Privatkunden vor, steuerbegünstigt oder sogar steuerfrei. Könnte auch politisch populär sein.  

Ein anderes Beispiel, sozusagen B2B: Die vor vier Wochen gegründete Initiative „Sustainable Finance im Bauen“ zur Dekarbonisierung von Gebäuden, an der sich Schwergewichte wie Deutsche Bank, HypoVereinsbank und ING-Diba beteiligen.  

Elf Prozent der Investitionen für Klimaschutz: Das reicht nicht 

Für langfristig orientierte Unternehmen sind die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an denselben ohnehin kein Gegensatz. Sich den Realitäten zu stellen, kann sogar Chancen eröffnen.  

Etwa wenn neue Bedarfe – ganz im Sinne guten Marketings – bei der Produktpipeline mitgedacht werden und Innovationen auslösen, sei es beim Hochwasserschutz oder für intelligenten Hitzeschutz. Was es auch hier braucht: mehr Geld. Nach Angaben des ifo-Instituts fließen 2025 durchschnittlich elf Prozent der Unternehmensinvestitionen in Klimamaßnahmen. Zu wenig, urteilen die Ökonomen.  

Deutschlands nachhaltigste Raststätte hat keine Tankstelle 

Um diese ernste Kolumne mit einer heiteren Note zu beschließen: Wo, glauben Sie, liegt die „nachhaltigste Raststätte Deutschlands“? Ist es die Anlage Fürholzen West an der A9, ausgezeichnet mit dem Zertifikat „Klimapositiv“? Oder der Break Autohof an der A7, mit Photovoltaik auf dem Dach und eigener Brauerei? Beides falsch.  

Den Superlativ beansprucht die „Rapunzel Welt“, ein Besucherzentrum des gleichnamigen Naturkostherstellers im schwäbischen Legau. Der Begriff „Raststätte“ ist dabei, nun ja, durchaus kreativ interpretiert: Die nächste Autobahn ist rund 15 Autominuten entfernt, eine Tankstelle gibt es nicht. Aber ein interaktives Museum, ein Tropenhaus und einen Bio-Supermarkt.  

Damit dürfte die Rapunzel-Welt die einzige Raststätte Deutschlands sein, die für einen Tagesausflug geeignet ist. Man hat halt Humor in Legau. 

Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick! 

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.