Ihn kennt fast jeder: Den Kollegen, der an seinem ersten Urlaubstag aus Versehen doch einmal im Büro aufgetaucht ist, um mit der Arbeit zu beginnen. „Ha! Mir kann das nicht passieren!”, denken da wohl die meisten. Und es stimmt natürlich: Dass man so sehr über Arbeit nachdenkt, bis man den eigenen Urlaub vergisst, das ist natürlich die absolute Ausnahme.
Nun das große Aber: Tatsächlich denken wir immer stärker über Arbeit nach – oder Arbeiten sogar im Urlaub. Während also zum 1. August die Bayern in die Sommerferien gestartet sind und kurzzeitig alle Bundesländer schulfrei haben, führt das nicht zur Entspannung bei den Erwerbstätigen.
Junge sind nach dem Urlaub gestresster
Besonders gebeutelt ist dabei die junge Generation, wie eine Befragung von YouGov zeigt. 41 Prozent der 18- bis 24-Jährigen waren nach dem Urlaub sogar schon einmal gestresster als zuvor. Auch in den anderen Altersklassen tritt das Phänomen auf, wenngleich nicht ganz so häufig.
Tatsächlich fängt der Stress sogar schon vor dem Urlaub an. Die Pronova BKK hat im vergangenen Jahr herausgefunden, dass 60 Prozent der Arbeitnehmenden schon vor dem Urlaub eine sehr starke oder eher starke Mehrbelastung empfinden. Urlaubsübergaben schreiben, noch schnell Dinge fertig machen, zentrale Entscheidungen nicht anderen überlassen. Das schlaucht. Auch hier besonders die jungen Menschen, also diejenigen, die sich womöglich erst noch beweisen müssen. Man mag altväterlich raunen: Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Aber Erholung wäre trotzdem gut.
Sommerurlaub: 60 Prozent der Führungskräfte arbeiten in der Freizeit
Jetzt aber Koffer gepackt und los geht die Fahrt. Wenn man es nun in den Urlaub geschafft hat, ist es dort keineswegs erholsamer. Erst recht nicht, wenn man Führungskraft ist. 60 Prozent der Führungskräfte nutzen ihre Dienstgeräte auch außerhalb der Arbeitszeit. Bei Menschen ohne Führungsverantwortung ist es noch ein Drittel.
Aber warum? 64 Prozent arbeiten wegen eines Gefühles der Dringlichkeit. Wenn man das hört, kann man sich fast in die Zeit vor mobilem Internet und weltweiter Erreichbarkeit zurücksehnen. Dringende Entscheidungen wurden dann halt zwangsläufig von jemand anderem getroffen. Oder verschoben. Dann kann es kaum so dringlich gewesen sein.
14 Prozent arbeiten aus Angst vor Konsequenzen
Noch schlimmer: 14 Prozent arbeiten, weil sie Angst vor Konsequenzen haben, wenn sie es nicht tun. Was für eine Kultur haben wir uns da eigentlich gebaut? Der Erholungsurlaub, der uns aus guten Gründen zusteht, wird so sehr mit Druck versehen, dass jeder Siebte glaubt, er muss arbeiten, weil es sonst Ärger gibt. Gerade die jüngere Generation hat dabei Angst, ihre Führungskräfte zu enttäuschen, wenn sie nicht antwortet. Ich persönlich bin als Führungskraft ja eher enttäuscht, wenn Mitarbeitende so eingeschüchtert sind, dass sie glauben, im Urlaub antworten zu müssen.
Ich muss zugeben: Ich selbst beantworte in aller Regelmäßigkeit auch außerhalb der Arbeitszeit Nachrichten, auch in Urlaub und Elternzeit. Gesund ist das deshalb aber nicht. Aber Angst vor Konsequenzen habe ich auch nicht. Dennoch: Ja, ich fühle eine Dringlichkeit und habe Sorge, etwas zu verpassen. Und ich bin damit nicht allein.
Im Schnitt 16 Überstunden wegen Urlaub
Nach der Reise ist es dann nicht besser. Fast acht zusätzliche Arbeitsstunden brauchen Arbeitnehmende vor ihrem Urlaub und noch einmal genau so viele danach. Bei sechs Prozent ist es dann sogar mehr als eine halbe Arbeitswoche Mehrarbeit, die nötig ist. Überstunden für den Urlaub – eine, Erholung ist das nicht. Auch hier besonders betroffen: die junge Generation.
Wenn die Menschen ihre freie Zeit also nicht richtig nutzen, ist es kaum verwunderlich, dass sie lange Urlaub brauchen, bis sich Erholung einstellt. 65 Prozent der Befragten der YouGov-Umfrage reichte eine Woche Urlaub nicht, um sich vom Alltag zu erholen. 22 Prozent brauchen sogar drei Wochen oder länger. Vielleicht würde es schon helfen, den Alltag einfach gänzlich auszusperren und die Arbeit wirklich ruhen zu lassen.
Dann ergibt sich eventuell auch ein bisschen Inspiration. Und am Ende führt es dazu, dass man über einen möglichen neuen Job nachdenkt. Das haben 45 Prozent der 18- bis 29-Jährigen im Urlaub bereits getan. Hoffentlich denken sie an einen Job, in dem man dann auch wirklich mal Ruhe hat. Ansonsten sollten wir es mit Peter Lustig halten: Abschalten, bitte.
Auf eine erholsame Sommerwoche!
