In einem glasklaren und argumentativ blitzsauberen Statement fordern 16 Unternehmen – darunter die Allianz, Nestlé Deutschland, Lichtblick und die ING Bank – die Bundesregierung auf, sich auf deutscher und europäischer Ebene für verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen für die nachhaltige Transformation einzusetzen.
Dort heißt es: „Weitreichende und undifferenzierte Deregulierung … beeinträchtigt unsere Planung und schadet unserer Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.“
„It is the time to deliver“
Ein paar Tage zuvor hatten sich Konzerne wie Nestlé, Ferrero, Danone oder Barry Callebaut ebenfalls in einem gemeinsamen Brief an die EU gewandt. Der Betreff klingt wie ein Hilferuf: „We need legal certainty, stability and predictability on the EU Deforestation Regulation.“ Die EUDR verpflichtet Unternehmen ab Dezember 2024 dazu, sicherzustellen, dass Produkte wie Kakao, Kaffee, Soja, Palmöl, Holz oder Rindfleisch nicht von entwaldeten Flächen stammen.
Die Unterzeichner fordern, die längst beschlossene Entwaldungs-Verordnung nicht zu verzögern und zu verwässern, denn das gefährde die Glaubwürdigkeit der EU und die Wettbewerbsposition der Unternehmen, die bereits in nachhaltige Lieferketten investiert haben. Außerdem sende eine solche Deregulierung ein falsches Signal an die Konsumenten.
„Dies ist nicht der Zeitpunkt, um zurückzutreten. Es ist an der Zeit, etwas zu leisten. Eine Verordnung, die verantwortungsvolle Beschaffung, ehrgeizige Klimaschutzziele und Rechtssicherheit festschreibt, ist keine Last – sie ist eine Chance für die europäische Führung“, lautet der starke Appell.
Auch der Mittelstand ist dabei
Ja klar, werden Skeptikerinnen nun vielleicht sagen, große Unternehmen können sich Nachhaltigkeit ja auch leisten. Von wegen: Laut der aktuellen Studie ESG und Nachhaltigkeit im Mittelstand 2025 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Grant Thornton und YouGov sind sich 93 Prozent der befragten mittelständischen Unternehmen Bedeutung von Nachhaltigkeit bewusst, 62 Prozent befürworten eine freiwillige Nachhaltigkeitsberichterstattung – auch wenn sie nach den Omnibus-Vorschlägen nicht mehr dazu verpflichtet sein sollten.
Es ist neu, dass sich Unternehmen für eine Regulatorik aussprechen oder strengen Regularien aus freien Stücken folgen. Die Gründe? Sicherlich die vielen, vielen Millionen Euro, die bereits in nachhaltige Prozesse investiert sind. Bestimmt auch die Erkenntnis, dass nachhaltiges Wirtschaften wettbewerbsfähig macht. Wohl auch die intrinsische Motivation, den Planeten zu bewahren.
Was für ein Rumgehühner
Das Rumgehühner rund um die EU-Nachhaltigkeitsrichtlinien ist Gift für Unternehmen, denn es nimmt ihnen jede Planungssicherheit. „Stop the Clock“ und „Omnibus-Verfahren“ sind die Reizworte, hinter denen sich – mögliche – Verschiebungen, Abschwächungen, Streichungen und Rückschritte längst sicher geglaubter Richtlinien verbergen. Das Ganze kann sich bis Frühjahr 2026 hinziehen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Unternehmen deutlich weiter sind als die Politik. Zumindest in der EU.
Denn während bei uns die Zeit angehalten ist, nimmt Chinas ESG-Regulierung Fahrt auf. Es sei, heißt es bei Haufe Sustainability, „in naher Zukunft mit verschärften regulatorischen Anforderungen zu rechnen“. Irgendwie beschleicht einen da der unschöne Verdacht, dass sich Europa einmal mehr die Butter vom Brot nehmen lässt, und das selbstverschuldet.
Was gab’s sonst noch?
Axel Springer löst seine zentrale ESG-Abteilung auf, siehe Table Media. Frankreich verbietet Werbung für Ultra-Fast-Fashion-Händler wie Shein und Temu, das Verbot betrifft explizit auch Influencer, mehr dazu unter Marie Claire. Meta will Rechenzentren in Manhattan-Größe bauen, schreibt der Spiegel. Und Friedrich Liechtenstein wirbt wie immer herrlich irre für das Solarspeicherunternehmen Sonnen, zu sehen: hier.
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!
