Es gibt, so scheint es, derzeit wenig Positives zum Thema Kunststoffe. Vom Scheitern des globalen Plastikabkommens über die Schließung zahlreicher Recycling-Anlagen in Europa bis zur sinkenden Qualität von Altkleidern: Der Schluss liegt nahe, dass alle Anstrengungen zur Eindämmung von Plastikmüll vergebens sind, womöglich die Zeit sogar rückwärts läuft.
Glücklicherweise stimmt das nicht.
Kunststoffrecycling hat, zumal in Europa, in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen – und eine Fülle von Innovationen hervorgebracht. Die Exolon Group etwa hat das Programm „Closing the Loop“ ins Leben gerufen: Wer bei ihr Thermoplaste bestellt, bekommt den Recycling-Partner für Verschnitt und Altmaterial gleich an die Hand, den Mittelständler Pekutherm aus Geisenheim.
Verpackungen aus Monomaterial lösen Verbundstoffe ab
Pioniere wie Werner&Mertz (Marke Frosch) haben Verfahren entwickelt, mit denen sich nicht nur Flaschen und Kappen, sondern auch Sprühköpfe aus gebrauchtem Plastik herstellen lassen. Verpackungsspezialisten wie Südpack bemühen sich um Lösungen aus Monomaterial wie Flowpacks für Nudeln, deren Recyclingfähigkeit deutlich höher liegt als die von Verbundstoffen.
Nach den letzten verfügbaren Zahlen werden fast 70 Prozent der Konsumverpackungen („Gelber Sack“) wiederverwertet, das ist ein Rekord – und ein Anstieg um 27 Prozentpunkte innerhalb von sechs Jahren*. Keine Frage, da geht noch mehr. Entscheidend ist aber der Trend, und der zeigt nach oben.
Fast Fashion als Rohstoff, Beschaffungshilfe für Rezyklate
Auch innovative Start-ups treiben den Wandel voran. Camm Solutions produziert in Spanien einen biologisch abbaubaren, industriefähigen Kunststoff, der für Folien, wattierte Umschläge oder Einwegbecher verwendet werden kann. Damit gewann der Newcomer aus Überlingen am Bodensee den Pitch-Wettbewerb der Süddeutschen Zeitung. Reju, eine Tochter des französischen Technologiekonzerns Technip Energies, baut europaweit Kapazitäten für die Gewinnung von Polyester aus Altkleidern auf – auch Fast Fashion mit hohem Kunstfaseranteil wird hier zum Rohstoff. Die Hamburger Firma Cirplus hilft anderen Unternehmen bei der Beschaffung von Rezyklaten, die Neuplastik ersetzen.
Durch geschicktes Marketing können Unternehmen, die sich um Kunststoffvermeidung und Recycling bemühen, gerade jetzt Marktanteile gewinnen. Das verheerende Echo auf das Versagen der internationalen Verhandlungsdiplomatie hat gezeigt, dass weiten Teilen der Bevölkerung das Problem Plastikmüll bewusst ist. Vorreitern bietet die Krise insoweit sogar eine Chance.
Innovative Lösungen sind Europas Stärke
Selbst die deutsche Kunststoffindustrie ist anscheinend zu einer Verfechterin der Kreislaufwirtschaft geworden: Die Initiative „Wir sind Kunststoff“ bedauerte das Scheitern des Plastikabkommens und fordert „verpflichtende nationale Aktionspläne, die den Fortschritt messbar und verbindlich machen“. Der Initiative gehören der Gesamtverband der Kunststoffverarbeitenden Industrie, Plastics Europe Deutschland und der VDMA Fachverband Kunststoff- und Gummimaschinen an. Die Lobbyisten sind schlau genug zu wissen, dass ihnen das schlechte Image von Plastik langfristig nicht hilft. Außerdem ist es genau dieser innovative Bereich, mit dem sich Europas Unternehmen gegenüber der Konkurrenz aus Asien behaupten können.
Es bringt ja nichts, mit dem Finger auf die Erdölstaaten zu zeigen und sich in Attentismus zu üben. Konzentrieren wir uns, wie die Kunststoff-Initiative nahelegt, auf vernünftige Vorgaben und – zunächst – auf das eigene Politikfeld. Überfällig ist in Deutschland etwa die Umlage der EU-Plastiksteuer auf Verursacher, wie es Großbritannien, Spanien und Italien bereits tun.
Vorbild Frankreich: Reparaturbonus, Verteuerung von Einweg-Mode
Noch besser wäre es, nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern. In Frankreich belohnt ein Reparaturbonus diejenigen Verbraucherinnen und Verbraucher, die kaputte Haushaltsgeräte, Schuhe oder Kleider nicht einfach wegwerfen. Ein Gesetzentwurf sieht Umweltabgaben für Ultra-Fast-Fashion vor und verbietet Werbung für sie. Muss man nicht eins zu eins kopieren. Zeigt aber, was mit klaren Prioritäten möglich ist. Umweltminister Schneider, bitte übernehmen Sie!
Eine gute Woche noch, und behalten Sie die Zukunft im Blick!
*Die Zahlen sind inputbezogen und berücksichtigen keine Verluste während des Recyclingprozesses. Bezieht man diese ein, sind es 51 Prozent.
