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Bilanz der Online Marketing Rockstars: Ein Fixstern in Europa

"Ich bin halt einfach toll." Das Gespräch zwischen Philipp Westermeyer und Bozoma Saint John zeigte einmal mehr, dass häufig einfach ein cooles „Produkt“ hinter dem Erfolg steckt und weniger Marketing. © Frank Puscher

Das OMR-Festival hat die Dmexco in Sachen Besucherzahlen überholt. Zu Recht, denn die Kombination aus Inhalt und Party lockt nicht nur junggebliebene CEOs, sondern auch zahlreiche Talente. Und nach denen fahndet derzeit jeder einzelne HR-Manager. Eine Fazit der Veranstaltung.

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Er hat es geschafft. Vor dreieinhalb Jahren, als das Stage Theater im Hamburger Hafen zu klein geworden war und man in die Messehallen umzog, flüsterte Philipp Westermeyer hinter vorgehaltener Hand, dass er schon dass Ziel habe, das größte Event in Deutschlands Marketing-Landschaft zu werden und dafür die Dmexco zu überholen. Jetzt hat er es geschafft. 52.000 Besucher meldet das PR-Team der OMR. Und selbst wenn diese Zahlen – wie in Veranstalterkreisen üblich – leicht nach oben korrigiert wurden, man NoShows, also nicht erschienene Gäste, nicht abzog und das Standpersonal der 400 Aussteller auch als „Besucher“ klassifiziert, so sind das 25 Prozent mehr als im Vorjahr. Und 25 Prozent mehr, als im September 2018 zur Dmexco in Köln aufgeschlagen sind. Das waren ja ebenfalls „offizielle“ PR-Zahlen.

Es war einigen Speakern durchaus anzumerken, das sie beeindruckt sind von dieser Größe und vor allem von der überraschenden Gestaltung der Messehallen waren. Mehrfach-Besucher haben sich ja daran gewöhnt, dass die OMR die Wände mit schwarzem Stoff abhängt und mittels Schummerlicht eine Verdichtung der Atmosphäre erzeugt. Aber für den OMR-Neuling ist das schon ein Aha-Moment. Bozoma Saint John, die schillernde ehemalige Brand Managerin von Uber, brachte ihre Verblüffung zum Ausdruck: „Das ist die coolste Konferenz, auf der ich je war.” Und die Frau hat letztes Jahr auf der SXSW eine der Keynotes gehalten.

Ganz offensichtlich kommt das gemischte Konzept aus Party und Konferenz auch bei den Unternehmen an. Kaum eine große Marke lässt sich die Chance entgehen, hier Kontakte zu Nachwuchstalenten zu knüpfen. Unilever schloss eine eigene Masterclass mit zehnminütigen HR-Block ab. Im Freigelände zwischen den Hallen wurden Männer mit Pappschildern gesichtet: „We are hiring.“ Im „War for Talents“ ist OMR der Häuserkampf.

Zwanzig Minuten vor dem Vortrag an der Bühne sein

Doch die schiere Größe bereitet auch Probleme und das Konzept als solches stößt an seine Grenzen. Am zweiten Tag der Rockstars war etwas weniger los in den Gängen und zwischen den Hallen, vermutlich, weil ein Großteil des Konferenz-Publikums die Halle B7 gar nicht erst verließ, denn damit ist ja – das hat man gelernt – auch immer das Risiko verbunden, dass man zumindest zeitweise nicht mehr reinkommt.

Wer inhaltlich das Maximale aus dem Festival herausholen wollte, musste sich akribisch vorbereiten, die Laufwege einkalkulieren (inklusive verwirrt auf ihr Handy starrende und abrupt abstoppende Mitbesucher) und zwanzig Minuten vor jedem Vortrag bereits an der Bühne sein, um entspannt einen Platz zu ergattern. Und vielleicht sollte man die Konferenz-Hauptbühne schlicht meiden.

Es war schon im letzten Jahr das Fazit: Die großen Köpfe auf der Hauptbühne stehen nicht immer für den besseren Inhalt. Philipp Westermeyer wirkte in diesem Jahr ungewöhnlich ausgeschlafen und prompt brachte er seit Jahren die beste Performance. Seine Analogie zu den sieben Todsünden und den daraus ableitbaren Marketing-Taktiken mag gelegentlich etwas an den Haaren herbeigezogen gewesen sein, aber sie war sehr konstruktiv, kurzweilig und inhaltlich stimmig. Die Maßlosigkeit – in Westermeyers Zählung die siebte Sünde – sei eine gute Taktik für Instagram, so der Hamburger. Und er führte den Rapper BonezMC ins Feld, der bis zu 90 Insta-Stories am Tag macht. „Bloß nicht jede Geschichte mit der PR-Abteilung abstimmen“, forderte Westermeyer.

Organisator und Moderator Philipp Westermeyer beeindruckte in Hamburg mit seiner Performance.

Mit Spannung erwartet wurde der Auftritt von Bestseller-Autor Yuval Harari. Der Israeli illustrierte die möglichen Konsequenzen der weiteren technischen Entwicklung, zum Beispiel in den Feldern KI und BioTech. „Menschen können gehackt werden“, lautet seine Analyse. Und das kann zum Guten oder Schlechten geschehen.

Harari sprach über die Zeit, als er erkannte, dass er homosexuell veranlagt ist. „Da hätte mir eine KI, die mehr über mich weiß, als ich selbst, so manche Fehlentscheidung ersparen können.” Nach kurzer Denkpause schwenkt er dann aber auf die dunkle Seite: „Im Sultanat Brunei existiert die Todesstrafe für Homosexualität.” Was, wenn ein solcher Staat eine Software in die Hand bekommt, mit der man algorithmisch erkennen kann, wer schwul ist?

Yuval Harari und Ellie Goulding sind die Highlights

Leider blieb Harari das einzige echte Highlight des zweiten Tages auf der großen Bühne – mal abgesehen von Ellie Goulding zum Schluss – wenn man einen inhaltlichen Maßstab anlegt. Unterhaltsam waren Bozoma Saint John und Matt Lieber von Gimlet Media durchaus. Vielleicht zeigt sich die Grenze am Beispiel Joe Pulizzi. Der Mann ist echt ein Guru der Content-Marketing-Szene, aber seine Tipps für den Aufbau einer Content-Marke wirken 2019 schon fast wie aus der Zeit gefallen.

Und es gab auch zwei echte Tiefflieger: Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann hatte Yuval Harari bei dessen Vortrag offensichtlich kaum zugehört, denn der Israeli antwortete im Interview ständig: „Wie ich ja vorhin gesagt habe.” Diekmann wollte eine Diskussion entfachen und beging dabei zwei Fehler: Er stellte Harari in die Ecke des Technikfeindes. Harari antwortete: „Ich bin keineswegs technophob, schauen Sie mal, was ich im Bereich Social Media für meine Bücher mache. Aber ich will, das Technik für mich arbeitet und nicht umgekehrt.” Peng, das hat gesessen. Und statt dass Diekmann dann bei den Antworten nachhakte, blickte er auf seine Moderationskarten und wechselte abrupt das Thema: „Kann man Liebe hacken?“ – seine einzige gute Frage.

Auch Philipp Justus bekleckerte sich nicht mit Ruhm, als er eine halbe Stunde lang das Hohelied des Datenschutzes und der Datensicherheit bei Google sang. Er verteidigte damit die Walled Garden Strategie unter anderem gegen Justizministerin Katarina Barley, die am Vortag verlangt hatte, man möge Google und Facebook zwingen, die Daten (anonymisiert) freizugeben. Der Vortrag des Google-Europachefs war ein einziger Pitch und der Hauptbühne nicht würdig.

Kevin Kühnert präsentiert Thesen auf der Nebenbühne

Der unangekündigte Auftritt von Scooter und die gleichsam intensive wie charmante Präsenz von Ellie Goulding mögen Konferenzbesucher versöhnen. Die inhaltliche Musik spielte aber auf den anderen Bühnen. Kevin Kühnert skizzierte seine (diskutable) Utopie eines neuen Politiksystems, das in der Lage sein könnte, mit den schnellen Herausforderungen dieser Zeit zu Recht zu kommen. „Wir kratzen nicht an der Tür, sondern schicken unsere Leute ins Europaparlament und mischen den Laden von Innen auf“, so der JuSo-Chef.

Wie funktioniert Politik im Zeitalter der Digitalisierung, fragt der streitbare Kevin Kühnert? Viele spannende Fragen wurden auf den Nebenbühnen diskutiert.

Wer es praktischer mochte, war beispielsweise bei Geoff Collon gut aufgehoben, der eine halbe Stunde lang erklärte, wie man gute Alexa-Skills baut (Collon kommt von Microsoft!) und dabei gleich die spannende Frage stellt: Wie sieht Werbung dann eigentlich aus? „Marketing ist dann vielleicht mehr Kuratierung spannender Inhalte als eigene Kreation“, spekulierte er.

Und wer sich die bunte Seite des Marketing anschauen wollte, war bei der Youtube-Session am frühen Nachmittag gut aufgehoben. Jede Menge spannender Beispiele für kreative Arbeiten auch bei Nischenthemen wurden gezeigt und mit Rapper MaximNoise und Beatboxer Soro war auch hier starkes Rockstar-Feeling zu spüren. Das wurde allerdings jäh unterbrochen, als es um die tollen Möglichkeiten von Youtube und die Tools, aber vor allem um die “fantastische Aggregation der Targeting-Daten” aus sieben Google-Universen ging. Der nächste Sales-Pitch aus der ABC-Straße.

Rockstar und Marketing kommen organisch zusammen, wenn ein Beatboxer wie Soro auf der Bühne einfach sein Talent präsentiert, ohne es anschließend analytisch aufzuarbeiten.

Überhaupt war Google extrem sichtbar auf der OMR. Man wünscht sich, dass deutsche Publisher noch etwas mehr Präsenz zeigen, statt mit ihren Teams nach Übersee zu fliegen. Google ist für alle Besucher relevant und somit ist die große Präsenz in Ordnung. Aber Eigenwerbung gehört sich nicht auf der Bühne und ist schlicht nicht nötig: Die gezeigten Fallbeispiele und Kundenlisten sprechen für sich.

OMR als Pflichtveranstaltung für Markters und Personaler

Die Rockstars sind eine unverzichtbare Pflichtveranstaltung für jeden Marketer und für HRler, die Nachwuchs suchen. Die Wucht der Größe war vor allem am ersten Tag schwer zu verdauen. Das gilt nicht nur für die Besucher selbst, sondern auch für die armen Wlan-Repeater.

Inhaltlich spielte die Rockmusik vor allem auf den Nebenbühnen Deep Dive und Big Picture. Dort gab es die richtige Mischung aus Metaebene und Praxis. Die Hauptkonferenz – sorry Philipp – ist unterhaltsam, mehr aber auch nicht. Und die Bar ist inzwischen wirklich albern. Sieben mehr oder minder bekannte Menschen sitzen sich die Wirbelsäule krumm, um den Speakern alle halbe Stunde eine Frage zu stellen. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher hat es richtig gemacht. Er rutschte nach zwanzig Minuten von seinem Barhocker und suchte das Weite. Er hatte zum Auftakt der Veranstaltung noch ins Mikrofon gedonnert, dass die Hansestadt ja die digitalste Stadt Deutschlands ist.

Da kann man geteilter Meinung sein. Für die beiden OMR-Tage gilt es aber auf jeden Fall. Das Event ist ein Muss, ein Spaß, ein Stress und „Leider geil“.

Eine Zusammenfassung des ersten OMR-Tages finden Sie hier.

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