Ohropax: Masse und Klasse 

Ohropax stillt seit fast 120 Jahren ein Bedürfnis, das nie aus der Mode kommt. Das Familienunternehmen steht zu seinen Wurzeln und geht zugleich mit der Zeit: durch Produktdiversifikation und einen neuen Online-Auftritt.
Plakatwerbung_Hast du Ohropax im Ohr um 1928 frei
Der Erfinder von Ohropax, der Apotheker Maximilan Negwer, hatte im Ruhebedürfnis gestresster Großstädter eine Marktlücke erkannt. (© Ohropax)

Für die Traditionsmarke ist es ein wichtiger Schritt nach vorn: In wenigen Wochen launcht Ohropax Produkte, die nichts mit dem Schutz des Gehörs zu tun haben – sondern mit dessen Pflege. Von einem „unmet need“, einem ungedeckten Bedarf, spricht die Geschäftsführung, schließlich hätten viele Menschen trockene oder juckende Ohren. Und wem, wenn nicht Ohropax, würden Konsumenten die Kompetenz zutrauen, otale Probleme zu lösen?  

Als jahrzehntelanger Marktführer für Ohrenstöpsel ist Ohropax (übersetzt: Ohrfrieden) nahezu jedem Deutschen bekannt, die Marke gilt als Gattungsbegriff – ähnlich wie Tempo oder Pril. Das Familienunternehmen aus dem Taunus scheint immun gegen alle Krisen, behauptet sich nicht nur gegen Billigkonkurrenz aus Asien, sondern exportiert sogar dorthin. „Die Marke stillt ein Bedürfnis, das nie aus der Mode kommt: Ruhe“, schreibt das Standardwerk „Marken des Jahrhunderts“.  

Was nicht heißt, dass im Marketing alles bleiben kann, wie es ist. „Wir ruhen uns nicht auf unseren Lorbeeren aus“, sagt Michael Negwer, Geschäftsführer und Enkel des Firmengründers. Seit Mitte der 1990er Jahre hat er das Sortiment diversifiziert, die klassischen Wachskugeln schrittweise um Alternativen aus Schaumstoff und Silikon sowie um Lamellenvarianten ergänzt.  

Eine Markenerweiterung, wie die um Pflegegel und Ohrencreme, die im September auf den Markt kommen, ist hingegen ein Novum – über Ohrenstöpsel hinaus führt das Unternehmen bislang lediglich eine Schlafmaske. Als Zielgruppe für die Pflegelinie nennt der Chef zum Beispiel Träger von Hörgeräten. 

Unschlagbare Qualität – das ist der Anspruch von Ohropax 

Negwer, 67 Jahre, ist Apotheker wie sein Großvater Maximilian Negwer. Der Erfinder von Ohropax hatte im Ruhebedürfnis gestresster Großstädter eine Marktlücke erkannt und so lange getüftelt, bis er 1907 eine Rezeptur aus Paraffin und Bienenwachs fand, die das Ohr zuverlässig vor Geräuschen schützt. Der Firmensaga nach ließ sich selbst der lärmempfindliche Schriftsteller Franz Kafka Ohropax nach Prag schicken, Soldaten suchten mit seiner Hilfe nach Linderung vor dem Geschützdonner im Ersten Weltkrieg. 

Bis heute sind die Wachskugeln das meistverkaufte Einzelprodukt von Ohropax, über 30 Millionen jährlich, von rund 100 Millionen Stöpseln insgesamt, die in Deutschland und Europa hergestellt werden. Und bis heute prägt der Fokus aufs Produkt die Unternehmenskultur. Auch der Enkel kann aus dem Stand über die Zusammensetzung von Rohstoffen, die Krümmung von Gehörgängen, über In-Ohr- und Vor-Ohr-Typen referieren.  

Mit seinem Selbstverständnis als Unternehmer trotzt Michael Negwer dem Zeitgeist: Er positioniert Ohropax als hochwertiges Massenprodukt. „Unsere Qualität konnte bisher nicht imitiert werden“, sagt er nicht ohne einen gewissen Stolz. Erst im vergangenen Jahr ging der Mittelständler bei einem Vergleich der Stiftung Warentest als Testsieger hervor.  

Seine Gute-Nacht-Stöpsel aus Silikon schnitten als bestes unter 17 Produkten ab, auch die Klassik-Version aus Wachs und die Schaumstoffkegel bekamen die Note „gut“. Bemerkenswert ist dieser Test auch deshalb, weil er zeigt, dass Ohropax fast immer auch der günstigste Anbieter ist. Könnte der Marktführer nicht ein Premium verlangen?

Jeder Mensch möchte gut schlafen 

Aber Negwer und sein Co-Geschäftsführer Wolfgang Flohr finden tatsächlich, dass auch weniger gut betuchte Menschen ein Anrecht auf ungestörten Schlaf haben. „Wir wollen ein ehrliches Angebot liefern und schöpfen das Premium nicht aus, das vielleicht möglich wäre.“ Wenn Wettbewerber hochpreisiges Chichi auf den Markt werfen wollen, bitte sehr. „Bisher hat es uns nicht geschadet.“ 

Der Umsatz, derzeit bei 20 Millionen Euro, wächst konstant. Nicht einmal die Corona-Jahre hätten für einen Einbruch gesorgt, sagt Negwer – 90 Prozent des Vertriebs läuft über Drogerien und Apotheken. Etwa 40 Prozent vom Umsatz werden im Ausland erzielt. Stark ist die Marke zum Beispiel in den Niederlanden und überraschenderweise in China, wo sie, wie der Chef erzählt, vom hohen Ansehen deutscher Produkte und einem First-Mover-Advantage profitiere, indes unter dem Namen „Ohrfrieden“ verkauft werden muss. Die Bezeichnung Ohropax hat ein chinesischer Wettbewerber gekapert, der Rechtsstreit darüber läuft seit vielen Jahren.  

Im Firmengebäude, unauffällig in einem Gewerbegebiet der Kleinstadt Werheim gelegen, arbeiten rund 50 Menschen, das Büro der Geschäftsführung liegt direkt neben der Produktion. Ein Gruß hier, ein Nicken dort, „es geht familiär zu bei uns“, sagt Negwer. Die klassischen Wachskugeln werden hier komplett hergestellt, die Schaumstoffprodukte außer Haus geschäumt, aber vor Ort kontrolliert und verpackt. Seit Negwer vor fast 35 Jahren Geschäftsführer wurde, hat er die Produktion kontinuierlich modernisiert und automatisiert. Auch 2026 soll die Kapazität noch einmal deutlich erhöht werden. 

Social-Media-Strategie setzt auf Creator 

Es gibt weitere Baustellen, etwa im Online-Vertrieb und in der Kommunikation, die das Unternehmen eher sparsam dosiert. Nachgerade als Revolution kann gelten, dass Ohropax jetzt eine Digitalstrategie zur Erschließung der sozialen Medien entwickelt. „Wir fangen da fast bei null an“, räumt Flohr ein. Facebook- und Instagram-Accounts kümmern mit kaum 3000 Followern vor sich hin.

Das ist die Kehrseite eines bekannten Markennamens: Man kann sich daran gewöhnen, das Gedächtnis der Verbraucherinnen und Verbraucher weitgehend mit Regalpräsenz aufzufrischen. Online reicht das aber nicht. „Wir müssen uns bei jüngeren Zielgruppen stärker ins Gespräch bringen“, weiß Flohr.  

Vor einiger Zeit hat sich Ohropax von seiner langjährigen Allroundagentur verabschiedet, beauftragt seither projektweise Spezialisten. Einen Verpackungs- und Designrelaunch im vergangenen Jahr verantwortete Roman Klis aus Herrenberg bei Stuttgart: einheitliche Packungsgrößen, kein Produktfenster mehr, ein größerer Markenname. „Der Handel hat das als Schritt nach vorn empfunden“, sagt Flohr.  

Sohn und Tochter werden Familientradition fortsetzen 

Die Social-Media-Strategie entwickelt Boom aus Hamburg. „Ziel ist keine Kampagne, sondern eine konstante Top-of-Mind-Awareness“, sagt Fabian Müller, als Managing Consultant von Boom für das Projekt zuständig. Mit seinem großen Markenkapital, einer guten Visualität des Produkts und kurzen Entscheidungswegen sei Ohropax ein „Traumkunde“. Diesen Monat geht es los, mit Creator-Kommunikation, insbesondere auf TikTok. Best-Performer werden medial unterstützt.  

Als Gründer-Enkel eines allseits bekannten Unternehmens hätte Negwer beste Voraussetzungen, sich als „Personal Brand“ zu inszenieren, wie es etwa Wolfgang Grupp erfolgreich tat. Negwer ist diese Vorstellung erkennbar unbehaglich. „Da gibt es andere, die in die Öffentlichkeit drängen. Das muss einem liegen.“  

Ob die nächste Generation auch so zurückhaltend auftritt, wird sich zeigen. Negwers Sohn, ein Wirtschaftsingenieur, tritt noch in diesem Jahr ins Unternehmen ein, und soll sich zunächst über Projektarbeit mit den Abläufen vertraut machen. Auch die Tochter, die als gelernte Apothekerin die Familientradition fortsetzt, zeigt Interesse.  

Sie könnten einmal umsetzen, was der Vater schon länger im Kopf hat: Bio-Stöpsel für nachhaltig orientierte Kunden. Stillstand, so viel scheint gewiss, gibt es bei Ohropax auch in Zukunft nicht. Negwer: „Wir haben immer Ideen im Hinterkopf.“

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.