Serviceplan wird klimaneutral – Ziehen andere Agenturen nach?

Nachhaltigkeit nur bei den Kunden? Wieviel CO2 die eigene Branche produziert, kümmerte die meisten deutschen Marketer bisher offenbar wenig. Die Münchner Serviceplan Gruppe zeigt, dass es auch anders geht – andere Agenturen werden ebenfalls zunehmend aktiv.
Serviceplan
Projektmanagerin Nicolaisen und Serviceplan-Geschäftsführer Focken: "Was ist realisierbar? Was kann man den Mitarbeitern zumuten?" (© Serviceplan)

Am Anfang standen die „Fridays for Future“-Demonstrationen, berichtet Serviceplan-Geschäftsführer Ronald Focken. Jeden Freitag hatten sich im vergangenen Jahr Tausende umweltbewegter junger Leute auf dem Münchner Königsplatz versammelt – „direkt bei uns vor der Haustür“. Da habe sich die Agenturführung gefragt, wie sie selbst stärker zum Klimaschutz beitragen könne: „Wir müssen etwas machen.“

Das „Etwas“ wurde zum bislang ehrgeizigsten Nachhaltigkeitsprojekt der deutschen Werbebranche: Anfang dieser Woche verkündete die größte inhabergeführte Agenturgruppe Europas, dass sie klimaneutral werden will. Bis Ende des Jahres sollen sämtliche deutschen Standorte, mit rund 2200 Mitarbeitern, das Ziel erreicht haben; bis 2022 folgen die internationalen Niederlassungen mit weiteren 2400 Mitarbeitern. „Wir wollen und müssen dazu beitragen, unsere Welt für die kommenden Generationen zu wahren“, sagt Florian Haller, CEO der Serviceplan Group. Focken ergänzt: „Eine Agentur stößt zwar weniger CO2 aus als ein produzierendes Gewerbe. Aber auch wir belasten die Umwelt, etwa durch Flüge.“ Auf sie werden die Mitarbeiter künftig in vielen Fällen verzichten, besonders auf Kurzstrecken.

Flugverbindungen wie München-Frankfurt wurden aus dem internen Buchungstool entfernt

Solche Initiativen gab es bisher nur bei kleinen Agenturen. Die Berliner Mewigo mit ihren sieben Mitarbeitern etwa ist seit Herbst 2019 zertifiziert klimaneutral; 13,1 Tonnen CO2 wurden im ersten Jahr eingespart. Bei einem Schwergewicht wie Serviceplan sind die Dimensionen andere: Um 827 Tonnen sollen sich die Emissionen bis 2021 reduzieren, von 6327 auf 5500 Tonnen. Den größten Beitrag leistet die Mobilität: Flugreisen sollen sich um rund ein Viertel reduzieren, Strecken von weniger als 400 Kilometern konsequent mit der Bahn zurückgelegt werden – Flugverbindungen wie München-Frankfurt wurden bereits aus dem internen Buchungstool entfernt.

Darüber hinaus werden interne Meetings standortübergreifend bevorzugt per Videokonferenz abgehalten; Corona hat gezeigt, wie gut das möglich ist. Bis 2023 wird zudem der Fuhrpark komplett auf Elektro- und Hybridfahrzeuge umgestellt. Weitere Maßnahmen sind Mitarbeiter-Schulungen und ein jährlicher Klimareport. Dabei hilft die Münchner Firma Climate Partner, die für Unternehmen CO2-Bilanzen erstellt und Ausgleichsmaßnahmen empfiehlt.

Die verbleibenden Emissionen werden durch Klimaschutzprojekte kompensiert, über deren Auswahl die Mitarbeiter entscheiden, darunter ein Regenwald-Schutzprogramm in Brasilien und ein Laufwasserkraftprojekt im Kongo, das Abholzung verhindert und dadurch hilft, den Lebensraum von Berggorillas zu bewahren.

Jung von Matt: „Sind an vielen dieser Themen dran“, BBDO mit „vielfältigen Maßnahmen

Mit den angekündigten CO2-Einsparmaßnahmen zeigt Serviceplan deutlich mehr Engagement als der Durchschnitt der Branche. Jung von Matt bietet seinen Mitarbeitern über eine Kooperation mit der Leasingfirma Company Bike immerhin Zugriff auf Dienstfahrräder. Dabei soll es nicht bleiben – „wir sind an vielen dieser Themen dran“, heißt es.

Eine Anfrage der absatzwirtschaft bei BBDO ergab, dass die Gruppe seit 2016 ihr Umwelt- und Energiemanagement nach den ISO-Normen 14001 und 50001 zertifizieren lässt. „Wir messen unseren Verbrauch und unseren CO2-Ausstoß und haben vielfältige Maßnahmen ergriffen, um unsere Wertschöpfungskette nachhaltiger zu gestalten“, sagt Stephanie Pahmeyer, Sustainability-Managerin für die Omnicom Holding Germany. Zahlen nennt sie nicht, verweist jedoch auf Instrumente wie Ökostrom, Elektromobilität, und Stromsparmaßnahmen wie Bewegungsmelder. Der Papierverbrauch sei um die Hälfte gesenkt, Kurzstreckenflüge und Dienstreisen nach Übersee deutlich reduziert worden. Das sei erst der Anfang: „Wir wollen es weiter vorantreiben, auch weil wir merken, dass die Kunden Wert darauf legen.“

Nachhaltigkeit als Vorteil beim Employer Branding

Auch Serviceplan hatte einst angefangen, indem die Agentur auf Ökostrom umstellte, den Papierverbrauch reduzierte und Einweggeschirr verbannte. Das Projekt Klimaneutralität verfolgt die Agentur seit Mai 2019. Zunächst wurden ein „CO2-Fußabdruck“ erstellt und Sparpotenziale identifiziert. Es sei ein beträchtlicher Aufwand gewesen, Nebenkostenabrechnungen, Fuhrpark- und Reisedaten zu analysieren, sagt Julia Nicolaisen, Projektmanagerin für die Nachhaltigkeitsinitiative: „Das hat uns über mehrere Monate beschäftigt: Was ist realisierbar? Was kann man den Mitarbeitern zumuten?“ Die stehen offenbar zu großen Teilen hinter dem Projekt – eine interne Umfrage ergab, dass sich 70 Prozent mehr Engagement für den Klimaschutz wünschten. Weil gerade Jüngeren das Thema Nachhaltigkeit am Herzen liegt, könnte die Agentur von ihrer Vorreiterrolle auch beim Employer Branding profitieren.

Zwar kostet das Projekt auch Geld, unterm Strich erwartet die Serviceplan-Geschäftsführung jedoch Einsparungen – was Focken als angenehmen Nebeneffekt verstanden wissen will. Wichtig ist ihm vor allem, ein Signal für die Branche zu geben: So hätten sich bereits Kunden gemeldet, die das Thema ebenfalls angehen wollten. Da Nachhaltigkeit nicht mehr nur ein Thema fürs Image, sondern zunehmend auch für die Finanzmärkte ist, sei es bei der Positionierung börsennotierter Unternehmen und ihrer Marken künftig kaum mehr wegzudenken: „Wir hoffen auf einen Multiplikatoreffekt.“

(mat) führte ihr erstes Interview für die absatzwirtschaft 2008 in New York. Heute lebt die freie Journalistin in Kaiserslautern. Sie hat die Kölner Journalistenschule besucht und Volkswirtschaft studiert. Mag gute Architektur und guten Wein. Denkt gern an New York zurück.