Längere Arbeitstage bringen keinen Wohlstand

Die Regierung will die Arbeitszeit flexibilisieren. Die lauten Argumente dagegen sind nicht überzeugend. Nur: Wer sich von der Flexibilisierung deutlich mehr Wohlstand erwartet, der liegt falsch. Es braucht andere Maßnahmen.
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Frederic M. Servatius schreibt an dieser Stelle über die moderne Arbeitswelt. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Der Acht-Stunden-Arbeitstag ist eine historische soziale Errungenschaft der Weimarer Republik. Doch diese Errungenschaft ist nicht nur historisch – sie ist auch nicht mehr zeitgemäß.

Wer im Handwerk auf Montage ist oder in der Veranstaltungsbranche arbeitet, der kennt es nur zu gut: Die Realität eines Acht-Stunden-Arbeitstages geht gerne mal verloren. In der Theorie müssten Handwerker auf Montage aktuell nach spätestens 10 Stunden den Hammer fallen lassen und sich stattdessen in der Unterkunft ausruhen. Im Veranstaltungsmanagement werden die zehn Stunden ohnehin oft genug nicht eingehalten – wenn rund um die Veranstaltung noch etwas zu tun ist, dann wird es halt erledigt.

Bis zu 12 Stunden Arbeit pro Tag

Die Bundesregierung plant die Arbeitszeit nun zu flexibilisieren: Sie will von einer täglichen Arbeitszeit auf eine flexiblere Wochenarbeitszeit umstellen. Damit wird sie vor allem der Realität der Arbeitswelt besser gerecht. In Ausnahmefällen wären dann auch mal 12-Stunden-Arbeitstage möglich – mit entsprechendem Ausgleich.

Solange es die wöchentliche Höchstgrenze gibt, ist das angepasste Arbeitsmodell im Sinne von beiden: Arbeitgebern und Arbeitnehmenden. Denn Arbeitgeber mit Vernunft würden es nur dann anordnen, wenn es eine Notwendigkeit gibt, also zum Beispiel eine Veranstaltung, bei der der Arbeitstag nach acht oder zehn Stunden noch nicht geschafft ist. Denn wenn die Mitarbeitenden an einem Tag zwölf Stunden leisten, dann bleibt rechnerisch zwangsläufig ein Tag, an dem nur vier Stunden gearbeitet werden können. Dass aber die Produktivität in der zwölften Arbeitsstunde nicht mehr wahnsinnig hoch ist, erklärt sich von selbst.

DGB-Kritik ist kein Argument

Wenn DGB-Chefin Yasmin Fahimi die Flexibilisierung also mit dem Argument ablehnt, dass das Arbeitszeitgesetz dem Gesundheitsschutz der Arbeitnehmenden diene und deren Überlastung verhindern soll, dann ist das nicht falsch. Aber es ist auch kein funktionierendes Argument gegen die Anpassung der Regelungen.

Was man sich von den Regierungsplänen aber definitiv nicht versprechen sollte: mehr Wohlstand. Die Änderung der Arbeitszeitregelungen wird kaum eine Stunde mehr Arbeit bringen. Menschen in höheren Managementpositionen, die öfter längere Arbeitstage haben, sind ohnehin nicht an die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen gebunden. Das größte Arbeitspotenzial gibt es hingegen bei den Menschen, die aktuell in Teilzeit arbeiten. Die Zahl der Menschen, die in Teilzeit arbeiten, war 2024 mit 29 Prozent so hoch wie nie zuvor, so das Statistische Bundesamt. Zur Wahrheit gehört auch: Die Erwerbsquote ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Vor allem, weil der Anteil an arbeitenden Frauen immer weiter zulegte.

Potenzial vor allem bei Frauen in Teilzeit

Das große Potenzial für mehr Produktivität wäre es, diesen Frauen sinnvolle Möglichkeiten zu mehr Beschäftigung zu geben. Für Frauen mit Kindern geht das vor allem über eine bessere Betreuung. Also gute Betreuungsbedingungen und bessere Betreuungszeiten. Denn Frauen, die mehr arbeiten wollen, tun das vor allem dann, wenn sie ihre Kinder einerseits mit gutem Gewissen abgeben können – und das auch verlässlich zu den gewünschten Zeiten tun können. Mit längeren Arbeitstagen wird man das Potenzial aber nicht heben. Denn die maximale Tagesarbeitszeit ist kein Problem, das Menschen in Teilzeit besonders stark betrifft.

Besonderes Vereinbarkeitsmodell

Ein Vorbild könnte das Vereinbarkeitsmodell von Ines Imdahl und Jens Lönneker sein, das immer mal wieder durch Medien und LinkedIn getrieben wurde. Imdahl hat vier Kinder – und sowohl sie als auch ihr Mann haben quasi durchweg in Vollzeit gearbeitet. Mit wenigen Wochen Ausnahme nach Geburt der Kinder. Das Kölner-Unternehmerpaar hat sich seine Arbeitszeit in sechsstündige Kurz- und zehnstündige Langtage aufgeteilt, bei denen die beiden sich mit der Kinderbetreuung abwechseln. Klar ist aber auch: Diese Flexibilität bringt nicht jeder Job und jeder Arbeitgeber mit sich. Und: Wenn immer ein Partner zehn Stunden weg ist, bleibt für die eigene Beziehung nicht super viel Zeit. Das muss man wollen. Es könnte mehr Wohlstand bringen. Doch individuell müssen auch andere Modelle in Ordnung sein. Teilzeit inklusive.

Wichtiger aber ist: Ein solches Modell wie das von Lönneker und Imdahl wäre schon heute möglich. Dafür braucht es gar kein neues Arbeitszeitmodell. Das macht die Ansätze der Regierung nicht falsch. Aber für deutlich verbesserten Wohlstand wird sie nicht sorgen.

Auf eine gesetzestreue Woche!

(fms, Jahrgang 1993) ist UX-Berater, Medien- und Wirtschaftsjournalist und Medien-Junkie. Er arbeitet als Content-Stratege für den Public Sector bei der Digitalagentur Digitas. Als freier Autor schreibt er über Medien und Marken und sehr unregelmäßig auch in seinem Blog weicher-tobak.de. Er hat Wirtschafts- und Technikjournalismus studiert, seinen dualen Bachelor im Verlag der F.A.Z. absolviert und seit mindestens 2011 keine 20-Uhr-Tagesschau verpasst.