Frau Pfeiffer, auf welchem Weg sind Sie in Ihre aktuelle Führungsposition bei Disney gekommen?
Ich habe ganz klassisch in München Betriebswirtschaftslehre studiert und war ursprünglich fest entschlossen, im FMCG-Marketing Fuß zu fassen – das war lange mein klares Ziel. Doch aus reiner Neugier habe ich mich damals auf eine offene Stelle bei Disney beworben, obwohl ich keinerlei Erfahrung in der Medienbranche hatte. Die Position klang einfach spannend. So bin ich letztlich bei Disney gelandet.
Was waren Schlüsselmomente oder Wendepunkte in Ihrer Karriere?
Ich habe auf einer Einstiegsposition im Partnerschaftsmarketing bei Disney angefangen. Von da an habe ich mich Schritt für Schritt durch verschiedene Abteilungen weiterentwickelt, mit jedem Karriereschritt ein Stück weiter. Es war kein geradliniger Weg, sondern eher eine Reise, bei der ich Chancen genutzt und mich immer weiter vorgewagt habe.
Gab es auf Ihrem Weg besondere Herausforderungen, mit denen Sie als Frau konfrontiert waren?
Eine der größten Herausforderungen war für mich der Wiedereinstieg nach der Geburt meiner Zwillinge. Nach knapp zwei Jahren Elternzeit bin ich zunächst in Teilzeit zurückgekehrt – mit vielen Unsicherheiten im Gepäck. Umso bedeutender war es, dass ich in einem Unternehmen war, das mir auch in Teilzeit Verantwortung zutraute: Ich wurde zur Marketingleiterin der Filmabteilung befördert. Das war ein echter Wendepunkt.
Später, als mir die Position der Gesamtmarketingleiterin (CMO) angeboten wurde, war meine größte Hürde meine eigene Unsicherheit. Meine Kinder waren noch klein, und ich wollte präsent in ihrer Erziehung sein. Obwohl mir Flexibilität zugesichert wurde, zweifelte ich lange, ob ich beidem – Job und Familie – gerecht werden könnte.
Wie haben Sie diese Zweifel überwunden?
Interessanterweise ermutigten mich vor allem Männer, diese Chance zu ergreifen, während viele Frauen meine Bedenken teilten. Rückblickend denke ich oft: Warum habe ich gezweifelt? Aber dieses Zögern ist etwas, das viele Frauen kennen – wir wollen sicher sein, allem gerecht zu werden, bevor wir den nächsten Schritt wagen.
Wie definieren Sie weibliche Führung?
Ich bin mir nicht sicher, ob es „die“ weibliche Führung überhaupt gibt – gute Führung hängt für mich nicht vom Geschlecht ab. Ich habe sowohl mit Männern als auch mit Frauen zusammengearbeitet, die großartige Leader waren.
Was weibliche Führung für mich aber oft auszeichnet, ist ein besonderes Verständnis für die Lebensrealitäten und Herausforderungen, mit denen viele Frauen – insbesondere Mütter – konfrontiert sind. Dieses Verständnis entsteht häufig aus eigener Erfahrung und führt zu mehr Offenheit und Flexibilität, gerade wenn es um Themen wie Teilzeit oder Vereinbarkeit geht. In einer Arbeitswelt, in der Frauen noch immer überdurchschnittlich, oft in Teilzeit arbeiten, ist diese Sensibilität ein echter Vorteil.
Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede im Führungsstil von Frauen und Männern – und wenn ja, welche?
Aus meiner Erfahrung lässt sich das nicht pauschal sagen. Es gibt keine klar typischen männlichen oder weiblichen Führungsstile. Es hängt stark von der Persönlichkeit ab. Am Ende kommt es weniger auf das Geschlecht als auf die individuelle Haltung und Kompetenz an.

Welche Rolle spielt Diversität – vor allem Geschlechtervielfalt – in Ihrem Team?
Diversität ist für uns im Marketing essenziell – gerade weil wir so unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Unterschiedliche Perspektiven bereichern die Arbeit und sorgen für relevantere Kommunikation. Geschlechtervielfalt spielt dabei eine besonders wichtige Rolle.
Interessanterweise stellt uns genau das aber auch vor Herausforderungen. Unser Marketingteam ist überwiegend weiblich besetzt – auch in Führungspositionen. Das ist einerseits erfreulich, andererseits führt es dazu, dass wir das Ziel eines ausgewogenen Geschlechterverhältnisses nicht immer erreichen. Wir achten bei Neueinstellungen bewusst auf Ausgewogenheit in allen Dimensionen, aber es ist nicht leicht – oft beginnt es schon mit der Bewerberlage. Dennoch bleiben wir dran, denn unsere Inhalte sind so vielfältig wie unsere Zielgruppen und das sollte sich auch im Team widerspiegeln.
Welche Rolle spielen Vorbilder für den eigenen Werdegang und gab es Personen, die Sie besonders geprägt oder inspiriert haben?
Tatsächlich hatte ich keine konkreten Vorbilder – vor allem im Hinblick auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich meine damit echte Vereinbarkeit. Nicht nur gute Betreuung zu organisieren, sondern auch wirklich Zeit für die Familie zu haben, ohne sich zwischen Beruf und Mutterrolle zerreißen zu müssen. Solche Role Models fehlten mir damals.
Gerade deshalb ist es mir heute umso wichtiger, in meinem Team Voraussetzungen zu schaffen, die Frauen – insbesondere Müttern – diese Vereinbarkeit ermöglichen. Ich hoffe, damit selbst ein Stück weit Vorbild zu sein. In unserer internen Initiative zur Förderung von Frauen bei Disney engagiere ich mich deshalb sehr bewusst. Es geht darum, Mut zu machen: Man muss es probieren und Vertrauen darin haben, dass es gelingen kann. Auch wenn es manchmal nicht perfekt läuft, ist es ein Weg, den es sich lohnt zu gehen.
Welche Ratschläge geben Sie jungen Frauen, die eine Führungsrolle im Marketing anstreben?
Ich wünschte, ich wäre früher selbstbewusster gewesen. Das ist einer der wichtigsten Ratschläge, die ich heute weitergeben würde: Vertraut auf euer Können. Ein starkes Netzwerk ist ebenfalls wertvoll, nicht nur im Sinne eines Frauennetzwerks, sondern generell, um unterschiedliche Perspektiven und Unterstützer zu haben.
Wichtig ist Flexibilität und damit meine ich nicht nur in Bezug auf Arbeitszeiten, sondern vor allem im Denken und im Umgang mit neuen Situationen. Flexibilität sollte keine Einbahnstraße sein: Wer selbst Offenheit und Anpassungsfähigkeit zeigt, erhält sie in der Regel auch zurück. Dieses Geben und Nehmen hat sich für mich als entscheidend erwiesen, um in Führungsrollen erfolgreich zu sein – besonders als Frau.
Wie gelingt es Ihnen heute, berufliche Ambitionen und private Bedürfnisse in Einklang zu bringen (Stichwort: „Work-Life-Balance“)?
Ich glaube, das Wichtigste ist, sich bewusst dafür zu entscheiden und aktiv Zeit für Privates einzuplanen. Gerade wenn man in einem Job arbeitet, den man liebt, merkt man oft gar nicht, wie viel Energie man investiert. Es fühlt sich nicht wie Arbeit an, ist es aber natürlich trotzdem.
Wo finden Sie Ihre aktive Zeit für Privates?
Für mich sind die Fußballplätze meiner Söhne ein echter Rückzugsort, dort kann ich wunderbar abschalten. In dem Moment zählt nur das Spiel, das verbindet uns als Familie und schafft einen schönen Ausgleich. Auch wenn ich selbst versuche, regelmäßig Sport zu machen, gelingt mir das eher phasenweise.
Was mir sehr hilft, ist Flexibilität. Ich arbeite gelegentlich am Wochenende oder schreibe abends E-Mails – einfach, um den Kopf freizubekommen. Aber mein Team weiß: Niemand muss außerhalb der Arbeitszeiten reagieren. Diese Art von Freiheit im Timing ist für mich keine Work-Life-Trennung im klassischen Sinn, sondern eine moderne Form der Vereinbarkeit.
Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Branche oder in Unternehmen noch ändern, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen?
Ein entscheidender Punkt ist Sichtbarkeit. In männerdominierten Bereichen wie der Kinobranche bin ich bei großen Branchenveranstaltungen oft eine der wenigen Frauen auf der Bühne und bekomme im Anschluss sehr viel positives Feedback von Frauen, die sich davon inspiriert fühlen. Das zeigt: Es braucht mehr weibliche Vorbilder, die sichtbar Führung übernehmen und dadurch andere ermutigen.
Für viele Frauen ist die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Karriere immer noch eine Hürde. Natürlich ist deshalb auch eine verlässliche, hochwertige Kinderbetreuung wichtig, aber es geht auch darum, den Berufsalltag mit einer Familie vereinbaren zu können. Nur so lässt sich verhindern, dass Frauen zwischen „Karriere oder Kinder“ wählen müssen. Beides muss selbstverständlich möglich sein.
