Evolution statt Revolution: Nachhaltigkeit in Familienunternehmen

Wie können Familienunternehmen über Generationen hinweg bestehen? Für Anna Winkler und Alicia Lindner, zwei junge Frauen an der Spitze von Traditionsfirmen, kommt es auf Leidenschaft und einen respektvollen Umgang mit den eigenen Mitarbeiter*innen an.
Nachwuchs in Familienunternehmen: Innovation hat etwas mit Struktur zu tun. ©Getty Images

Dass Familien- und Traditionsunternehmen das Ziel haben, über mehrere Generationen hinweg zu bestehen und besonders langlebig zu sein, verrät bereits der Name. Gleichzeitig ist es wichtig, regelmäßig Veränderungen anzustoßen, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und vor allem offen für Neues zu sein. Dinge immer schon so gemacht zu haben ist keine Rechtfertigung dafür, sie auch weiterhin so zu machen.

Dieser Meinung ist auch Anna Winkler. Sie ist seit Anfang des Jahres Co-Geschäftsführerin von Leysieffer, einem Osnabrücker Unternehmen für Confiserie-Erzeugnisse. Davor war sie zwei Jahre Marketingdirektorin in der Firma. Ursprünglich hat ihre Familie den Kaffee von Leysieffer vertrieben. Nachdem die Gründerfamilie Leysieffer das Unternehmen 2020 in vierter Generation nicht erfolgreich weiterführen konnte, haben es die Winklers übernommen – so gelangte das traditionsreiche Unternehmen in neue Hände, blieb aber Familienunternehmen: Winklers Vater nimmt als „Head of Family Office“ die Rolle ähnlich der eines Aufsichtsrates ein, ihr Bruder hilft in den Semesterferien aus. Matthias Wehmann, der zweite Geschäftsführer neben Anna Winkler, ist auch mit der Eigentümerfamilie verbunden. Er ist der Cousin des Patenonkels ihres Bruders.

Anna Winkler, Geschäftsführerin von Leysieffer: „Ich bin eher der Typ, der auf das Bauchgefühl hört.“ © Leysieffer

Winkler kritisiert vor allem die veralteten Strukturen, die oft herrschen: „Fami­lien­unternehmen sind häufig so strukturiert, dass es ein Oberhaupt gibt und alle anderen folgen. Mein Appell wäre, viel mehr über alle Ebenen hinweg zu diskutieren. Zu fragen, ob etwas Sinn macht, welche Alternativen es gibt und wie man Dinge immer mal anders machen kann.“ Für sie ist es wichtig, die Mitarbeiter*innen im Unternehmen zu sehen und auf ihre Expertise zu hören. Nur so könnten die Strukturen in Familienunternehmen langfristig bestehen. Mitarbeiter*innen, die seit Jahren im Unternehmen sind, bringen schließlich einen immensen Erfahrungsschatz mit.

Die Erfahrung jeder Generation ist relevant

Dies ist auch für Alicia Lindner der Schlüssel zum Erfolg: „Die vorausgehende Ge­ne­ra­tion bewertet Erfahrungen über, die nach­folgende Generation bewertet Erfah­rung unter“, sagt sie. Lindner leitet zusammen mit ihrem Bruder Nicolas das im Schwarzwald ansässige nachhaltige Natur­kosmetikunternehmen Annemarie Börlind in dritter Generation. Trotz dieses Gene­ra­tionen-Clashs sollten alle zusammenhalten und die gemeinsame Vision verfolgen: das Beste für das Unternehmen wollen. Innovation hat für Lindner etwas mit Struktur zu tun. „Wir müssen in engem Austausch mit unseren Konsument*innen stehen, um zu wissen, welche Trends kommen, und schnell genug darauf reagieren“, erklärt sie. 

Erst kürzlich habe sie eine Maschine gekauft, die erst in vielen Jahren profitabel und etwa in vier Jahren ausgelastet sein wird. Dennoch ist es wichtig, sich etwas zu trauen und gleichzeitig zu wissen, dass die nächste oder übernächste Generation diese Maschine wieder abschaffen wird, da sie veraltet ist. „Ich habe eben keinen Zweijahresvertrag, ich muss immer auch an meine Nachfolger*innen denken“, begründet sie ihre Ansicht.

Für Veränderungen braucht es aber vor allem Sicherheit. Erst, wenn ein finanzieller Puffer besteht und dadurch die Möglichkeit, Geld in Innovation zu stecken, kann man diese auch umsetzen. Anna Winkler beschreibt ein einfaches und anschauliches Beispiel: „In der Kuchentheke unseres Cafés sind 80 Prozent der Fläche mit Sachen bedeckt, von denen ich weiß, dass sie gut laufen und immer gut gelaufen sind. Das sind Produkte, für die wir im Kern stehen. Daneben gibt es einen kleineren Bereich, in dem sich unsere Konditor*innen ausprobieren können. Solange der Bestseller-Bereich wirtschaftlich gut läuft, trägt er den Bereich der neuen Angebote mit. Diese Rechnung muss man am Ende jedes Tages berücksichtigen.“

Die älteren Generationen würden Trends wie „vegan“ zunächst eher ablehnen – weil es das früher nicht gab. Mittlerweile gibt es im Stammhaus in Osnabrück ein breites Angebot an veganen Köstlichkeiten und veganer Schokolade im Sortiment. „Die Hälfte der Bestellungen ist mittlerweile vegetarisch und in einem Drittel der Kaffees wird vegane Milch verwendet“, fügt Winkler hinzu. Was in Berlin mittlerweile die Norm ist, stößt auch in Osnabrück auf nachhaltige Begeisterung, die sich wirtschaftlich messen lässt.

Alicia Lindner, Geschäftsführerin Annemarie Börlind: „Ich habe eben keinen Zweijahresvertrag, ich muss immer auch an meine Nachfolger*innen denken.“  ©Sven Cichowicz

Eine bloße Idee reicht nicht aus, um neue Produkte zu verkaufen. „Man muss regelmäßig auf den Umsatzplan schauen und die Kosten im Blick haben. Kopf- und Bauch­entscheidungen dürfen also nicht getrennt werden, sondern liegen sehr nah beieinander“, erklärt Alicia Lindner. Für sie schließen sich diese Arten der Entscheidung nicht gegenseitig aus. Auch Anna Winkler sieht das so: „Ich bin eher der Typ, der auf das Bauchgefühl hört. Am Ende des Tages aber müssen wir die Zahlen im Bereich ­Sales im Auge behalten, damit wir den Luxus haben, etwas Neues auszuprobieren.“

Kommunikation ist der Schlüssel

Ein weiterer Punkt, der in Familienunternehmen essenziell ist, sind Emotionen. Es gilt, die persönlichen Situationen der Mitarbeiter*innen zu berücksichtigen, sich aus­zu­tauschen und die eigene Leichtigkeit zu bewahren. Denn abgesehen vom wirtschaftlichen Vorhaben sind Familienunternehmen immer mit der persönlichen Leidenschaft aller verbunden. „Man macht das, was man von ganzem Herzen liebt. Ist das nicht der Fall, sollte man es besser lassen“, sagt Lindner. 

Umgekehrt kann ein Familienunternehmen auch der sichere Hafen sein. „Wenn man einen offenen Austausch zulässt, pro­fi­tieren alle davon. Man muss Mit­ar­bei­ter*innen ein Umfeld bieten, in dem sie sich wohlfühlen und ihr eigenes Potenzial entfalten können. Wir haben so viele kreative Menschen hier, die sich vorher nicht ausleben und einbringen konnten, weil alle Anweisungen von oben kamen“, erklärt Winkler.  Dadurch, dass es in Familienunternehmen immer um den Blick nach vorne geht, müssen alle dieselbe Position haben. Für Anna Winkler ist die Grundlage dafür Respekt und Vertrauen. Es gehe eben nicht darum, die eigene Agenda zu pushen. Aus der Evolutionstheorie „Survival of the Fittest“ von Darwin wird „Survival of the Family“. Und somit das Überleben von Familienunternehmen. Veränderung ist für Winkler keine Revolution, die über Nacht passiert, sondern eine Evolution, die viele Jahre andauert. 

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