Die Purpose Economy ist am Arsch – und trotzdem die einzige Zukunft 

An dieser Stelle schreibt Michael Fritz, Aktivist und Co-Gründer von Viva con Agua, über seine Wahrnehmung der modernen Werbewelt. Heute befasst er sich mit dem Begriff „Purpose“ und plädiert für radikale Ehrlichkeit.
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Für seinen gesellschaftlichen Einsatz wurde Michael Fritz als „Markenpersönlichkeit 2024“ mit dem Marken-Award ausgezeichnet. (© Viva con Agua, Montage: Lars Deutsch)

Seit 20 Jahren stolpere ich durch die Welt der Gemeinnützigkeit. Erst als Mitgründer von Viva con Agua, dann mit Projekten wie der Millerntor Gallery, Villa Viva, Goldeimer oder Viva con Agua Wasser. Eines war immer klar: Mir gehört nix. Alles mehrheitlich gemeinnützig. Und das ist auch gut so. 

Doch dieser Text wird kein CV. Kein weichgespülter Purpose-Pitch. Sondern Real Talk. Radikale Ehrlichkeit. Eine Einladung, die rosa Brille ab- und die Verantwortung aufzusetzen. Die Purpose Economy ist am Arsch. 

Politischer Diskurs wird immer absurder 

Es war noch nie leicht, Geld für sozial-ökologische Projekte zu sammeln. Aber heute ist es schwerer denn je. Gründe? Viele. Corona-Nachwehen. Inflation. Wirtschaftskrise. Kriege. Klima. Und ein politischer Diskurs, der immer absurder wird. „Wokeness“ wird zur Schimpfkeule – obwohl es nichts anderes heißt als Achtsamkeit und Bewusstsein. Was daran falsch sein soll, müssen mir Leute wie Elon oder Jeff erklären – falls sie gerade mal nicht Venedig für ihre Hochzeit gemietet haben. 

Aber genug gejammert.  

Denn ja, die Purpose Economy ist am Arsch – aber sie ist auch die einzige Zukunft, die wir haben. Was heißt Purpose? Sinn. Bedeutung. Verantwortung. Eigentlich etwas, was jedes Unternehmen haben sollte. Doch ehrlich: Wie viele Unternehmen produzieren wirklich noch Dinge, die die Welt braucht? 

Ich sag’s euch geradeaus: Kauft unser Wasser nicht! Trinkt Leitungswasser! Ist ökologischer, sozialer, ökonomischer. Trotzdem verkaufen wir Millionen Flaschen – weil wir den Impact reinvestieren. Aber unser ehrlichstes Marketing ist der Satz: Kauf’s nicht, wenn du’s nicht brauchst! 

Der große Selbstbetrug der Wirtschaft 

Fast alle Unternehmen schreiben in Wirklichkeit Verluste. Sie zahlen nur keine echten Preise. Keine ökologischen. Keine sozialen. Keine langfristigen. Was wäre, wenn alle ihre CO₂-Kosten, Wasserverbrauch, Müll, Ausbeutung und Klimaschäden ehrlich bilanzieren müssten? Dann wäre klar: Das bisherige Spiel ist durch. 

Und wisst ihr was? Selbst die kapitalistischste aller Kapitalmaschinen, Blackrock, hat’s längst kapiert. Dort stehen Klimarisiken inzwischen auf Platz 1 der wirtschaftlichen Bedrohungen. Nicht, weil sie plötzlich Bäume umarmen wollen – sondern, weil sie den Taschenrechner bedienen können. 

Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wann. 

Wandel durch Einsicht oder durch Schmerz? 

Höher, schneller, weiter funktioniert nicht für dieses fragile, komplexe, wunderschöne System, das wir „Erde“ nennen. Der Shift wird kommen – aus Einsicht oder aus Schmerz. 

Wie El Hotzo so schön schrieb: „Wenn es sozialen Wohnungsbau gibt, muss es ja auch asozialen Wohnungsbau geben.“ Genau. Und so ist es mit unserer gesamten Wirtschaft. Zu oft regiert die asoziale Variante. Höchste Zeit, die soziale, ökologische und gemeinschaftliche Version endlich zur Norm zu machen. 

Purpose ist kein Nice-to-have. Purpose ist Überlebensstrategie. 

Michael Fritz ist Mitgründer von Viva con Agua und Social Entrepreneur. Seit über 17 Jahren engagiert er sich mit kreativen Projekten wie der Millerntor Gallery, Goldeimer oder Villa Viva für den weltweiten Zugang zu sauberem Trinkwasser. Darüber hinaus nutzt er seine Stimme, um auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus, Diskriminierung oder die Klimakrise aufmerksam zu machen und entwickelt soziale Kooperationen, Projekte und Unternehmen.