Das Darknet: Eine Geschichte voller Missverständnisse

Das Darknet ist viel mehr als Drogen, Waffen und Pornografie. In Ländern ohne Meinungsfreiheit wird es auch zum Ort des angstfreien Austauschs. Eine differenzierte Annäherung.
Isabelle Ewald kennt sich in der digitalen Welt bestens aus. ©privat (Montage: Olaf Heß)

Im Frühjahr 2020 haben meine Freundin, die IT-Expertin Catrin Schröder-Jaross, und ich beschlossen, einen Cybercrime-Podcast zu starten. Die Idee entstand bei einem der vielen pandemiebedingten Spaziergänge im Grünen. Unser Ansatz zu der Zeit: Erstmal testen, dann schauen.

Heute, zwei Jahre später, haben wir bereits 40 Folgen aufgezeichnet, standen unter anderem beim „Digital Autonomy Award“ auf der Shortlist und freuen uns über steil steigende Hörer*innenzahlen. Umso amüsanter, dass wir gerade „drohen“, von unserem eigenen kleinen Beiboot überholt zu werden: der „Remote Kaffeefahrt ins Darknet“.

Retargeting gibt es im Darknet nicht

Das Format haben wir einst für die Frauen-Tech-Konferenz DevelopHER entwickelt. Es sollte eigentlich eine einmalige Sache sein. Long Story short: Auch hier haben wir in kürzester Zeit ein kleines Erfolgsformat gebacken, das von vielen angefragt wird – neulich erst von einer staatlichen Behörde.

Was passiert bei so einer „Kaffeefahrt“? Optisch nichts wirklich Spannendes. Ein geteilter Bildschirm, eine Präsentation, ein bisschen Geklicke hier, viel Scrollen dort. Der Inhalt macht den Unterschied. Und hier setzen wir voll auf Paradigmenwechsel. Denn unser Ziel ist es, den Blick aufs Darknet zu neutralisieren. Wenn Sie denken, dass es hier nur Drogen, Waffen und Pornografie gibt, dann ist dieses Bild nur zum Teil korrekt.

Das Darknet ist sehr viel mehr. Für Menschen in Ländern, in denen Meinung nicht frei geäußert werden kann, ist es der einzige Ort, an dem sie sich angstfrei austauschen können. Whistleblower*innen erhalten über spezielle Darknet-Briefkästen von Redaktionen die Chance, Skandale in Unternehmen und Organisationen transparent zu machen. Und wenn Sie dem lästigen Retargeting entkommen wollen: Nutzen Sie einfach den für den Gang ins Darknet notwendigen Tor-Browser – und Sie werden nie mehr von der Anzeige des Druckers verfolgt, den Sie jüngst online erworben haben.

Das Internet ist das, was man daraus macht

Natürlich reden wir bei unserer Kaffeefahrt nicht nur übers Darknet, sondern machen dort auch tatsächlich Halt. Wir steuern Drogen- und Waffenshops an, zeigen, wo man gefälschte Pässe herbekommt oder Hacker*innen findet. Ist das verboten? Nein, ausgenommen kinderpornografische Inhalte – und das zurecht! Ein leichtes Naserümpfen nehmen wir wahr, wenn wir unseren Mitreisenden eines der vielen Messageboards zeigen, in denen es zum Teil echt zur Sache geht: von der emotional aufgeladenen Filmbesprechung bis zur Äußerung konkreter Mordfantasien gegenüber Politiker*innen.

Ja, das ist – wie vieles im Darknet – zum Teil sehr verstörend. Aber ist die Verschmutzung unzähliger Kommentarspalten im Clearweb durch Trolle und Aggressor*innen anders? Sind die als Multilevel-Marketing getarnten Schneeballsysteme im Netz ein redliches Geschäft? Sind Pro-Anorexie-Accounts auf Instagram okay? Das Internet ist das, was man daraus macht – ganz gleich, ob man auf der Mainstage unterwegs ist oder im Keller unter der Bühne. Denn: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Und umgekehrt.

Isabelle Ewald ist Senior Consultant Technology Strategy beim Handels- und Dienstleistungskonzern Otto Group. Überdies ist sie Co-Host des zweiwöchentlich erscheinenden True-Crime-Podcast „Mind the Tech“, der sich um den Tatort Internet dreht.

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