Blousons, belüftet von Ventilatoren? Cooling Fashion klingt nach der Fantasie eines heißen Sommertags. Doch in Japan gibt es sie, unkompliziert erhältlich im Online-Shop. Der Designer Kunihiko Morinaga hat sie für sein Modelabel Anrealage entworfen. Der Telekommunikationskonzern NTT hat für seine Hostessen auf der Weltausstellung in Osaka gleich eine Sonderedition bestellt.
Der Klimawandel verändert die Welt – und mit ihr die Mode. Steigende Temperaturen und eine intensivere UV-Strahlung sorgen dafür, dass Designer wie Morinaga neue Prioritäten setzen und Start-ups mit innovativen Stoffen und Techniken experimentieren. Experten betrachten die sogenannte Cooling Fashion, kühlende Mode, als Trend mit einem enormen Wachstumspotenzial. Sarkastisch formuliert: Die globale Erderwärmung sorgt für neue Dynamik in der Bekleidungsindustrie.

Laut einer aktuellen Studie des Marktforschungsinstituts MarketMedia24 wären fast zwei Drittel der Deutschen bereit, mehr Geld für Kleidung mit UV-Schutz oder kühlenden Eigenschaften auszugeben. Bei der entdeckungsfreudigen Generation Z liegt der Anteil sogar bei 77 Prozent. „Cooling Fashion ist keine Nische mehr, sondern ein klarer Zukunftsmarkt“, sagt MarketMedia24-Inhaberin Sonja Koschel.
Cooling Fashion: Kühlwesten, Kühltücher und sogar „Facekinis“
Bereits heute sind mehr Hitzeschutz-Textilien auf dem Markt, als die meisten Deutschen wissen. Es gibt Kühlwesten, Kühl-T-Shirts, Kühltücher, kühlende Basecaps und sogar „Facekinis“ – Gesichtsmasken, die vor UV-Strahlen schützen sollen. Selbst an schwitzende Haustiere wurde gedacht, etwa mit Kühldecken für Hunde. Die meisten Produzenten sitzen in Asien, doch es gibt auch deutsche Anbieter – Start-ups und Spezialisten für Berufskleidung.
Carl Tillessen, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Berlin, spricht von einer „schleichenden Anpassung der Branche“. Noch in den 1970er Jahren sei die bevorzugte Bürokleidung für Männer der sogenannte englische Anzug gewesen, gefüttert und mit Schulterpolstern. Inzwischen habe sich das Modell Neapel durchgesetzt, ein leichter Anzug ohne Einlage oder Wattierung.

Selbst Shorts und Sandalen gehörten mancherorts bereits zum guten Ton. „Der Trend wird zunehmen, weil auch die Temperaturen es tun“, prognostiziert der Modeexperte nicht ohne Wehmut. In seinen Augen verbindet sich die Entwicklung durchaus mit Stilverlust: „Die Ästhetik wird der Erleichterung geopfert.“
Was funktioniert besser: Kühlelemente oder Wasserbad?
Weil das Abwerfen von Ballast jedoch an moralische Grenzen stößt, ist Kleidung mit aktivem Kühleffekt mit Blick auf den Treibhauseffekt besonders spannend. Hersteller experimentieren mit verschiedenen Techniken: Plausibel, aber nicht besonders praktisch sind Kühlelemente, die im Eisschrank auf die gewünschte Temperatur gebracht und dann in die Kleidung eingelegt werden.
Eine alternative Methode arbeitet mit Verdunstungskühle: Shirts oder Westen werden mit einer Innenschicht ausgestattet, die Wasser speichert und durch allmähliche Transpiration einen Kühleffekt erzeugt. Allerdings muss das Kleidungsstück nach einigen Stunden erneut ins Wasserbad. Für den Dauereinsatz im Beruf seien beide Varianten „organisatorisch herausfordernd“, befand die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege, die Kühlwesten für die Verwendung in der Pflege testete.
Aber auch die Ventilatorenmode von Anrealage hat ihre Tücken, ganz abgesehen vom Preis von umgerechnet 500 Euro und mehr. Optisch ein Hingucker, ist die spacige Oberbekleidung mit Namen wie „Wind Fan Bump Blouson“ oder „Wind Fan Bumpy Vest“ für die meisten Alltagssituationen schon wegen ihres Volumens denkbar ungeeignet. „Der Airflow bläht die Kleidung auf und erzeugt eine amorphe, wolkenartige Silhouette“, beobachtete das Stilmagazin Dezeen.

Cooling Fashion besonders beliebt bei Polizei und Feuerwehr
Von einem Massenprodukt ist Cooling Fashion derzeit weit entfernt – fast drei Viertel der Konsumenten kennen smarte Textilien mit Kühltechniken schlichtweg nicht, ergab die Studie von MarktMedia24. „Der Markt ist noch sehr klein“, bestätigt Gabriele Renner, deren Firma Pervormance mit der Marke E.Cooline zu den Vorreitern gehört.
2010 gegründet, ist ihr Unternehmen mit Sitz in Ulm so etwas wie der Mercedes unter der funktionalen Kühlmode: Die Verdunstungs-Technologie ist patentiert, die Produkte werden in Deutschland gefertigt und realisieren preislich ein deutliches Premium gegenüber billigerer Konkurrenz, deren Qualität die gelernte Apothekerin rügt. Diese brächten das Genre in Verruf, „das hilft uns nicht“, so Renner. Rund 80 Prozent des Umsatzes, der sich im einstelligen Millionenbereich bewegt, realisiert E.Cooline Business-to-Business, mit Kunden wie Polizei, Feuerwehr oder Energieunternehmen.

Der Kühleffekt wird durchaus unterschiedlich empfunden
Vor allem im Konsumentenbereich vertreten ist Culya, 2019 in Hamburg von dem Kameramann Timor Witt gegründet. Er war bei Reisen in Asien zufällig auf Kühltextilien gestoßen und beschloss, sie in Deutschland zu vermarkten. Culyas Kassenschlager sind Kühltücher, die ebenfalls den Verdunstungseffekt nutzen. „Im B2C-Bereich ist das ein gutes Einstiegsprodukt“, sagt Thorsten Mötje. Der Betriebswirt schloss sich Culya vor zwei Jahren als Mitgründer an und arbeitet von Nürnberg aus, während sein Kompagnon heute auf Zypern lebt, wo sich auch der Firmensitz befindet.
Der Umsatz verdreifache sich jährlich und soll 2026 siebenstellig werden, hofft Mötje: „Wir skalieren stark.“ Das Sortiment umfasst inzwischen auch Ponchos oder Bettwäsche aus Stoffen, die sich durch eine spezielle Verarbeitung kühl anfühlen, so das Werbeversprechen. In der Praxis wird die Wirkung offenbar recht unterschiedlich empfunden, was damit zusammenhängen dürfte, dass sich unter dem Begriff Kühlung jeder etwas anderes vorstellt. „Unsere Produkte sind keine Klimaanlagen“, stellt Mötje klar.

Dry-Ex Shirt von Uniqlo, Iso-Chill-Hoodie von Under Armour
Es sei nur eine Frage der Zeit, bis etablierte Modekonzerne oder Sportartikelhersteller das Feld für sich entdecken, glaubt Marktforscherin Koschel. „Der Bedarf wächst branchenübergreifend, im Freizeit- und Outdoorbereich ebenso wie in der Arbeitswelt oder in der Pflege.“ Anfänge gibt es bereits: Der japanische Textilriese Uniqlo hat ein „Dry-Ex T-Shirt“ auf den Markt gebracht, das verspricht, Schweiß besonders schnell zu trocknen; auch Uniqlos „AIRism“-Kollektion wirbt mit Feuchtigkeitsregulierung. Die US-Marke Under Armour offeriert „Iso-Chill“-Shirts und -Hoodies aus einem Netzstoff, der die Körperwärme verteilen und dadurch kühlen soll.
Für die Pioniere wäre eine Offensive der Konzerne Fluch und Segen zugleich: Einerseits hätten die Dickschiffe genau die Budgets, die erforderlich wären, um Cooling Fashion aus der Nische zu holen. Andererseits würden die Konzerne mit ihrer geballten Entwicklungs-, Marketing- und Vertriebsmacht die kleinen Spezialisten womöglich verdrängen. Das fürchtet auch Culya-Mitgründer Mötje: „Wenn Unternehmen wie Adidas oder Nike massiv in den Markt reingingen, hätten wir ein Problem.“
