In wohl keinem anderen Land bietet die Autoindustrie ein so breites Potpourri an Herstellern, Marken und Modellen wie in China: von der ehemals britischen Traditionsmarke MG über BYD („Build your Dreams“) als Antwort auf Tesla bis hin zu Hongqi. Letzterer könnte wohl aus keinem anderen Land der Welt kommen. Denn der Name des Herstellers bedeutet übersetzt „rote Fahne“ und steht für das Symbol der Kommunistischen Partei Chinas. Stilisiert als Ornament auf der Motorhaube von Luxus-SUV für 100.000 Euro, wird sie auch hierzulande beworben.
Mit zwei Prozent war der Marktanteil chinesischer Hersteller in Deutschland im ersten Halbjahr 2025 noch überschaubar. Laut einer Studie der Unternehmensberatung Horvath konnten sich jedoch schon im Vorjahr 37 Prozent der Autokäuferinnen und -käufer in Deutschland vorstellen, bei einer chinesischen Marke zuzugreifen. .
Dieser Vertrauenszuwachs ist eng mit einem Imagewandel verbunden. Die einstigen „Billigheimer“ haben sich in den Köpfen der Verbraucherinnen und Verbraucher als digitale Vorreiter und Anbieter von preislich attraktiven, gut ausgestatteten Fahrzeugen positioniert. Wenig überraschend, geht ein Gros dieses Erfolgs auf die bekannteren Marken MG und BYD zurück. Doch auch hinter den exotischeren Marken stecken enorm finanzstarke Konzerne mit großen Entwicklungsabteilungen: Im Fall von Hongqi ist es die FAW-Group, Chinas ältester Autohersteller und langjähriger Partner von Volkswagen.
Vorreiter bei der Innovationskraft
Ein Blick auf die Zahlen belegt, wie rasant sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben. Laut dem Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach hat die Innovationsstärke chinesischer Hersteller zwischen 2018 und 2023 massiv zugenommen. Ihr Anteil an den weltweiten Innovationen der Branche stieg in diesem Zeitraum von 27 auf 47 Prozent. Fünf der zehn global innovationsstärksten Automobilgruppen stammen mittlerweile aus China. Marken wie BYD, SAIC und Geely belegen Spitzenplätze und haben damit deutsche und japanische Wettbewerber überholt.
Diese Konzentration der Innovationskraft auf wenige, aber dafür umso stärkere Akteure, ist laut CAM-Direktor Professor Stefan Bratzel ein Indiz für eine baldige Marktbereinigung in China. „Die hohe Innovationsgeschwindigkeit in Verbindung mit dem ruinösen Preiskampf und hohen Überkapazitäten in China können auf Dauer nur wenige chinesische Hersteller mitgehen“, sagt Bratzel. Dies deutet darauf hin, dass die verbleibenden Player in Zukunft international noch stärker und strategischer auftreten werden. Der Vertriebsdruck in der Branche dürfte also weiter steigen.
BYD-Offensive: „Aus Europa für Europa“
Trotz der starken Innovationsbasis stehen chinesische Marken vor großen Herausforderungen. Das Vertrauen der Kundinnen und Kunden in Servicequalität, ein flächendeckendes Händlernetz und die Markenidentität selbst müssen erst aufgebaut werden. Deutsche Verbraucher suchen daher oft noch Sicherheit bei etablierten Anbietern.
Ändern will das unter anderem BYD. Das Unternehmen ist bestrebt, seine Position in Deutschland massiv auszubauen. Wie BYD auf absatzwirtschaft-Anfrage erklärt, will man sich dazu zukünftig stärker als Marke „aus Europa für Europa“ positionieren. Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung ist die geplante Eröffnung des ersten europäischen BYD-Werks in Ungarn Ende 2025.

BYD betont zudem die eigene Positionierung über eine breite Fahrzeugpalette – vom Kleinwagen bis zum Familienauto und vom vollelektrischen Modell bis zum effizienten Plug-in-Hybrid. Zudem wirbt der Hersteller mit einem besonders günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis. „Unsere Modelle sind schon in den Basisversionen extrem umfangreich ausgestattet“, so das Unternehmen.
Ausbau der Vertriebsinfrastruktur und Einführung weiterer Marken
Gleichzeitig arbeitet BYD laut eigenen Angaben intensiv am Ausbau des Vertriebs- und Servicenetzes. Von heute etwas mehr als 50 Standorten in Deutschland soll das Netz bis Ende 2025 auf 120 Autohäuser anwachsen. Als Meilenstein für 2026 stellt BYD zudem die Einführung der Premiummarke Denza in Aussicht.
Es wird nicht die letzte Markteinführung einer chinesischen Marke in Deutschland sein. Welche davon die größten Marktanteile erobern, wird man sehen. Klar ist jedoch: Die Ära der chinesischen Automobilmarken in Europa hat gerade erst begonnen – und sie verspricht, spannend zu bleiben.
