Brief an mein jüngeres Ich: Chai Sinthuaree  

Im Brief an sich selbst blicken bekannte Köpfe aus dem Marketing zurück. Heute: Chai Sinthuaree, CEO von Athletic Sport Sponsoring. In Folge 41 schreibt er über Zweifel, Rückschläge und die Kraft, seinen eigenen Weg zu gehen.
Chai Sinthuaree ist CEO von Athletic Sport Sponsoring. 
Chai Sinthuaree ist CEO von Athletic Sport Sponsoring.  (© privat, Montage: Marcus Weyerke)

Lieber Chai, 

während ich diese Zeilen schreibe, sitzt du gerade im Lateinunterricht. Notenbesprechung. Der Lehrer hat dir gerade prophezeit, dass aus dir höchstens ein Müllmann werden wird und du nicht aufs Gymnasium gehörst. Ihn interessiert nicht, was bei dir daheim los ist, du niemanden hast, der dir beim Lernen helfen kann, du überfordert bist. Für ihn bist du einfach ein Versager, der aus dem System aussortiert werden muss. Aber lass mich eines sagen: Er liegt falsch. So grundfalsch. 

Und ja, es wird schwierig für dich. Mit einer weiteren schlechten Note in Latein wirst du die Schule verlassen müssen. Du wirst die Schule abbrechen. Und leider wird dich dieses Erlebnis weiter verunsichern. Die Schule und du werdet keine Freunde mehr. Du wirst auch dein Studium nicht beenden. Die Angst zu versagen, nicht ins System zu passen, wird dich lange begleiten.  

Im Sport und in der Kirche für’s Leben gelernt

Aber weißt du was? Das sind nicht die Maßstäbe, die dein Leben und dich definieren werden. Die wahren Lektionen wirst du woanders finden – beim Taekwondo, in der evangelischen Kirchengemeinde, in deiner Pflegefamilie, im betreuten Wohnen. Dort lernst du Durchhaltevermögen, Fokus und vor allem, an dich selbst zu glauben und aufzustehen, wenn du fällst. 

Wo gehörst du hin? Was ist Heimat? Die „Ausländer raus“-Plakate, die du jeden Tag siehst, werden dich zwar noch lange begleiten. Aber sie werden dich nicht definieren. Sie werden dich stattdessen in eine unerwartete Richtung lenken: eine globalisierte digitale, offene Welt. Halte an diesem Interesse fest, auch wenn Ewiggestrige sagen werden, dass sich „Digitales“ nicht durchsetzen wird. Es wird dir Türen öffnen, von denen du heute noch nichts ahnst. 

Inspiration statt Kontrolle, Visionen statt Angst 

In zwanzig Jahren wirst du als CEO ein E-Commerce Unternehmen mit 140 Millionen Euro Jahresumsatz führen. Du wirst bei internationalen Marken arbeiten, Teams inspirieren und die Mobilitätsbranche mit umkrempeln. Aber das Wichtigste: Du wirst ein anderes Führungsverständnis entwickeln. Eines, das auf Inspiration basiert, nicht auf Kontrolle. Das auf Vision setzt, nicht auf Angst. 

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Chai Sinthuaree ist CEO von Athletic Sport Sponsoring. (© Athletic Sport Sponsoring)

Deine größte Stärke wird nicht das sein, was du in der Schule lernst. Es wird deine Fähigkeit sein, Menschen zu inspirieren und Veränderungen voranzutreiben. Was dein Lateinlehrer nicht versteht: Manchmal sind es gerade die Umwege, die zum Ziel führen. Ironischerweise lehren das viele antike römische Geschichten. Deine vermeintlichen Schwächen werden deine größten Stärken. Dein „Nicht-Reinpassen“ wird deine Superkraft. 

Also halt durch, kleiner Chai. Die Welt braucht keine perfekten Lebensläufe. Sie braucht Menschen, die anders denken, die Mut haben zur Veränderung. Die wissen, dass „Management by Inspiration“ mehr bewegt als jedes Zeugnis. 

Dein älteres Ich, 

Chai 

P.S.: Und ja, du wirst vier wunderbare Töchter haben. Sie werden in einer Welt aufwachsen, in der es normal ist, dass Frauen Kanzler werden und ein immigrierter Thai-Deutscher CEO wird. Halte durch, es lohnt sich!