Bist du Publisher oder irrelevant? 

Für Marken gibt es nur noch einen Weg, um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken: Sie müssen zu Publishern werden.
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Keine Angst vor Tech: Nina Haller blickt hinter die Kulissen von CX & MarTech. (© privat, Montage: absatzwirtschaft)

Die KI-Welle rollt und sie wird alles mit sich reißen. Sie hinterlässt einen Ozean aus generischem Content-Schlamm: der sogenannte „AI Slop“. In dieser Flut der Belanglosigkeit zu überleben, wird zur größten Herausforderung für das Marketing seit der Erfindung des Werbebanners.  

Die Antwort liegt nicht in der Automatisierung von Prozessen und KI, sondern im radikalen Paradigmenwechsel: Marken müssen zu Publishern werden. Sie müssen aufhören, in demografischen Silos zu denken, und stattdessen lernen, die Codes ihrer Zielgruppen zu entschlüsseln. Nur wer Kultur versteht, wird in der Flut gehört und gesehen.  

Was früher eine strategische Option war, ist heute eine Frage des Überlebens. Jahrzehntelang klammerte sich Marketing an eine trügerische Sicherheit: die demografische Segmentierung. Alter, Einkommen, Postleitzahl waren die heiligen drei Könige der Zielgruppenanalyse. Doch dieses Denken ist ein Relikt, ein verstaubtes Werkzeug in einer vernetzten Welt. Der 25-jährige Sneaker-Sammler aus Berlin hat kulturell mehr mit dem 35-jährigen Streetwear-Fan aus Tokio gemeinsam als mit seinem gleichaltrigen Nachbarn.  

Kultur schlägt Demografie 

Die brutale Wahrheit ist: Kultur schlägt Demografie. Immer. Wer das ignoriert, sendet seine Botschaften ins Leere. Die Lösung ist kein neues Analyse-Tool, sondern eine andere Denkweise: das Dechiffrieren der Culture Codes. Das Entschlüsseln der unbewussten Bedeutungen, die Menschen mit Produkten, Marken oder Konzepten verbinden. Diese Codes sind keine flüchtigen Trends, sondern emotionale Prägungen, die Kaufentscheidungen steuern.  

Ein Auto ist eben nicht einfach ein Auto. Für Amerikaner ist es ein Symbol der Identität, für Deutsche ein Meisterstück der Ingenieurskunst und für Franzosen eine Art Liebhaber. Wer diese Codes kennt, wirbt nicht mit Features, sondern spricht zum kulturellen Herzen der Zielgruppe.  

Statt die Welt mit Einheitsbrei zu langweilen, entwickeln sich Marken zu Publishern und betreiben systematische, kulturelle Dechiffrierung. In Berlin wird die Ästhetik der Techno-Kultur übersetzt, in Paris die der Running Clubs. Die Marke wird vom Absender zur authentischen Stimme, und so kann auch KI sinnvoll genutzt werden – nicht für reine Automatisierung, sondern für beschleunigte, kulturelle Reaktionsfähigkeit. Auf Trends wie den „Brat Summer“ wird so in 24 Stunden reagiert, nicht in vier Wochen. Nicht als Kampagne, sondern als kulturelle Teilhabe in Echtzeit.  

Kulturelle Relevanz macht den Unterschied 

Zalando lebt es vor, und Red Bull hat dieses Spiel schon vor KI perfektioniert. Das Unternehmen hat nie versucht, einen Energydrink über Inhaltsstoffe und Automatisierung zu verkaufen. Es wurde zum Medienhaus und bedient die Codes der Zielgruppe und Positionierung: Extremsport, Rebellion, das Überwinden von Grenzen. Jeder Content-Schnipsel, jedes Event zahlt auf kulturelle Bedeutung ein.  

Für jede Marke, die im „AI Slop“ nicht untergehen will, gilt das Gleiche: Sei kein Werbetreibender. Sei der Sender, den deine Zielgruppe einschaltet. Bereits 20 bis 30 Prozent aller Content-Uploads auf YouTube, Meta und TikTok sind KI-generiert oder stark KI-beeinflusst*. Kulturelle Relevanz wird zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Menschen fordern Echtheit statt sinnlosem „AI Slop“.  

Wer die kulturellen Codes seiner Zielgruppe nicht entschlüsselt und authentisch bespielt, wird in Bedeutungslosigkeit versinken. Die Zukunft gehört den kulturellen Übersetzern. Werden Sie zum Publisher. Oder werden Sie irrelevant. 

* Kapwing; AI Slop Report 2025; PC Gamer u.a. 

Nina Haller ist eine digitale Strategin und gefragte KI-Expertin, die Technologie, Markenführung und Innovation verbindet. Als Autorin mehrerer Fachpublikationen treibt sie den Diskurs um Künstliche Intelligenz und digitale Innovation voran. Die Geschäftsführerin und Gesellschafterin der Berliner Content-Marketing-Agentur Muehlhausmoers ist außerdem Sprecherin des GWA Forum Technologie und Innovation. Als eine unserer GWA-Kolumnistinnen schreibt sie im Wechsel mit Liane Siebenhaar und Larissa Pohl.