Beyond AI: Was wird im Marketing 2026 wichtig? 

Zum Jahresausklang haben wir renommierte Marketingprofis gefragt: Was wird im Marketing 2026 wichtig – wenn wir die KI bitte einfach mal weglassen? Folge 2: Vertrauensanker, Eskapismus und „weniger Noise“.
Vier Marketingfachleute mit klarer Haltung (v.l.n.r.): Susan Schramm (CMO Motel One), Giuseppe Fiordispina (Leiter Marketing Cupra Seat Deutschland), Andrea Spielmann (CMO Lorenz Snacks) und Jannis Meseke (Marketingleiter Voelkel).
Vier Marketingfachleute mit klarer Haltung (v.l.n.r.): Susan Schramm (CMO Motel One), Giuseppe Fiordispina (Leiter Marketing Cupra Seat Deutschland), Andrea Spielmann (CMO Lorenz Snacks) und Jannis Meseke (Marketingleiter Voelkel). (© Motel One, Cupra Seat Deutschland, Lorenz, Voelkel)

Warum ohne KI? Weil es von der US-Zollpolitik über die EmpCo bis hin zum Backlash in der Nachhaltigkeitsregulatorik, vom Fachkräftemangel bis hin zur deutschen Wirtschaftslage, von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen bis zu Produktinnovationen, von Pricing-Strategien bis zur Wahl von Vertriebs- und Kommunikationswegen so viel mehr Einflussfaktoren auf das strategische Marketing gibt als „nur“ die KI.  

Womit sich die Menschen im Marketing jenseits des technologischen Fortschritts im kommenden Jahr voraussichtlich beschäftigen werden? Lesen Sie hier: 

Susan Schramm: „Marketing muss auch Freude machen“ 

Susan Schramm ist CMO bei Motel One. (© Motel One)
Susan Schramm ist CMO bei Motel One. (© Motel One)

„Spannend, einmal ausdrücklich ohne KI über Marketing zu sprechen – auch wenn dieses Thema das kommende Jahr maßgeblich prägen wird. Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf das, was jenseits der Technologie wirklich zählt. Meine Prognose: Marken werden im kommenden Jahr noch stärker als echte Vertrauensanker gebraucht, denn die Realität fordert uns Menschen auf allen Ebenen. Die wirtschaftliche Lage wird die Marketingwelt zweifelsohne zu noch mehr Konsequenz zwingen: Was keinen spürbaren Wert schafft, können und werden wir uns nicht mehr leisten. 

Ich erwarte zudem einen wachsenden gesellschaftlichen Trend zum Eskapismus – das Bedürfnis, einmal aufzutauchen und durchzuatmen, ein mehr als nachvollziehbares Bedürfnis, angesichts von omnipräsenten Dauerkrisen. Marken können hier einen wesentlichen Unterschied machen: Orientierung geben und Momente der Leichtigkeit schaffen, ohne die Realität zu verdrängen. Marketing darf – und muss – auch Freude machen. Menschen brauchen positive Impulse. 

Und während wir alle von Customer Experience sprechen, drängt sich manchmal die Frage auf, ob sie langfristig nicht einer breiter gedachten Human Experience weichen muss: einem Blick, der die realen Lebensbedingungen der Menschen ernst nimmt. Marken, die diese menschliche Dimension wirklich verstehen, werden in meinen Augen an Relevanz gewinnen.  

Kurz gesagt: Für das Marketing wird 2026 entscheidend sein, weniger zu inszenieren und mehr Nähe und echte Momente zu schaffen, die Menschen ein gutes Gefühl geben – vielleicht nicht trotz der Umfeldbedingungen, sondern gerade deswegen.“ 


Giuseppe Fiordispina: „Differenzierung über Erlebnisse“ 

Giuseppe Fiordispina ist Leiter Marketing bei Cupra Seat Deutschland. (© Cupra Seat Deutschland)
Giuseppe Fiordispina ist Leiter Marketing bei Cupra Seat Deutschland. (© Cupra Seat Deutschland)

„2026 werden wir noch konsequenter unser Markenprofil schärfen – und uns die Frage stellen, wie es sich über alle Touchpoints hinweg konsistent verhält. Heißt: stärkere Brand Governance, klar definierte Content-Formate, ein orchestriertes Zusammenspiel der Owned Kanäle.  

Gleichzeitig verändert sich die Suche radikal. „Future of Search“ heißt für uns: Inhalte so bauen, dass sie in LLM-gestützten Sucherlebnissen stattfinden – also präzise, vertrauenswürdig, relevant und markenkonform sind.  

Und dann ist da die Customer Experience. In einem gesättigten Markt mit Produkten, die sich objektiv immer ähnlicher werden, entsteht Differenzierung vor allem über Erlebnisse. Wer es hier schafft, Emotionen zu erzeugen, wird nicht nur die Conversion heben, sondern auch Bindung, Loyalität und Weiterempfehlungen fördern.  

Dazu passt ein weiterer Punkt: Wir müssen 2026 stärker auf Community- und Creator-Strategien setzen. Nicht als kurzfristigen Reichweiten-Booster, sondern als langfristiges, glaubwürdiges Ökosystem. Wenn Menschen mitgestalten, statt nur zu konsumieren, entsteht Relevanz.  

Und natürlich braucht all das eine saubere Grundlage. Ohne Datenstrategie operieren wir blind. Wer seine Zielgruppen wirklich versteht, kann Inhalte, Erlebnisse und Touchpoints so gestalten, dass sie wirken. Daten sind nicht das Ziel, sondern die Grundlage für bessere Entscheidungen.  

Kurz gesagt: weniger Noise, mehr Klarheit, mehr Markenführung, Relevanz und echte Beziehungen. Das wird unser Spielfeld 2026.“ 


Andrea Spielmann: „Klare Wertversprechen entscheiden“ 

Andrea Spielmann ist CMO / Director Marketing bei Lorenz Snacks. (© Lorenz)
Andrea Spielmann ist CMO / Director Marketing bei Lorenz Snacks. (© Lorenz)

„2026 wird die Balance zwischen kurzfristiger Performance und nachhaltigem Markenaufbau noch entscheidender. Brand Experience gewinnt dabei für den Markenaufbau beziehungsweise die Markenpflege deutlich an Bedeutung, weil Menschen wieder stärker nach Orientierung, Vertrauen und emotionaler Bindung suchen. Marken müssen dabei eine klare Haltung einnehmen. Sie müssen für konsumentenrelevante Themen eintreten und dürfen sich nicht auf einen klassischen Call-to-Action beschränken. Ein Beispiel hierfür ist unsere „Nac’s Level“-Plattform von NicNac’s, unter der wir uns für Chancengleichheit und die Förderung junger Talente im Hip-Hop einsetzen.  

Zudem werden sich Marken 2026 in einem noch stärkeren Spannungsfeld zwischen steigendem Preisdruck und Vergleichbarkeit (auch durch die Handelsmarken) bewegen. Genau aus diesem Grund werden klare, glaubwürdige Wertversprechen über Erfolg oder Austauschbarkeit entscheiden. Am Ende entsteht Relevanz dort, wo Marken konsequent ihre Haltung zeigen, emotionale Erlebnisse schaffen und echten Nutzen liefern. 

Bei Lorenz werden wir uns im Marketing im Jahr 2026 auch mit der Herausforderung beschäftigen, wie unsere Marken relevant Nachhaltigkeit erzählen können.“ 


Jannis Meseke: „Echte Beziehungen noch wichtiger“

Jannis Meseke ist Marketingleiter bei Voelkel. (© Voelkel)
Jannis Meseke ist Marketingleiter bei Voelkel. (© Voelkel)

„In Zeiten einer rapide wachsenden Instabilität werden echte Beziehungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Marken noch wichtiger. Das gilt auch für die Kommunikation: Bewusst ausgewählte Markenpartnerschaften helfen dabei, einen wechselseitigen Vertrauens- und Reichweitentransfer zu erzeugen. Besonders wichtig ist dabei, die Auswahl der Partner*innen: Sie sollten einen hohen Fit zur eigenen Marke haben und dennoch für eine Zielgruppenerweiterung sorgen.“ 

(vh, Jahrgang 1968) schreibt seit 1995 über Marketing. Was das Wunderbare an ihrem Beruf ist? „Freie Journalistin mit Fokus auf Marketing zu sein bedeutet: Es wird niemals langweilig. Es macht enorm viel Spaß. Und ich lerne zig kluge Menschen kennen.“