Automatisierte Kinowerbung: Zielgenau statt Zufallsprinzip  

Die gute alte Kinowerbung galt lange Zeit als starres Werbemedium. Jetzt öffnet sie sich zunehmend für eine automatisierte und datenbasierte Werbeaussteuerung. Warum Programmatic Cinema das Potenzial hat, ein wertvoller Baustein im digitalen Marketingmix zu werden.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen.
Karsten Zunke hat die Marketing-Tech-Welt genau im Blick, vom MarTech-Maschinenraum bis zu kreativ umgesetzten Kampagnen. (© privat; Montage: Katharina Höhner)

Freitagabend im Kino: Ein sportlicher Film, Urban Millennials im Publikum. Die Cola Zero ersetzt das Smartphone in der Hand, gespanntes Rascheln, Dunkelheit – plötzlich erscheint ein Spot für eine neue Fitness-App, exakt zugeschnitten auf genau diese Zielgruppe. Was aussieht wie kluge Mediaplanung, ist in Wahrheit datengetriebene Automatisierung. Programmatic Cinema überträgt die Logik des programmatischen Werbens ins Kino. Das bedeutet: Spots werden nicht pauschal gebucht, sondern nach Zielgruppen, Regionen, Uhrzeiten, Altersclustern oder Filmgenres geplant und ausgespielt. In Echtzeit? Noch nicht ganz. Aber automatisiert und punktgenau? Ja. 

Das Kino war lange ein festes Werbepaket mit wenig Flexibilität. Das ändert sich momentan. Der Kinosaal wird programmatisch verfügbar, digitale Schnittstellen machen gezielte Buchungen möglich. Die Weltpremiere fand bereits 2022 in Deutschland statt, als es der Vermarkter Weischer.Cinema erstmals ermöglichte, Kinowerbung programmatisch auszuspielen.  

Beim Programmatic Cinema sorgt Marketing Tech wie Demand-Side-Plattformen (DSPs) und Supply-Side-Plattformen (SSPs) für eine automatisierte und gezielte Ausspielung der Kinowerbung – und zwar ohne dabei ihre größte Stärke einzubüßen: die ungeteilte Aufmerksamkeit. Hier gibt es kein Scrollen, kein Überspringen, keine Second Screens.  

Kinowerbung: Programmatischer Kanal unter dem Radar 

Noch gibt es jedoch auch Hürden: Die Skalierung ist begrenzt – nicht jedes Kino ist digital angebunden, nicht jede Region programmatisch buchbar. Und nicht jeder Kinobetreiber möchte technologisch aufrüsten und sein Inventar programmatisch vermarkten. Viele Advertiser haben das Kino auch gar nicht als programmatischen Werbekanal auf dem Schirm. So nutzen bisher nur wenige Brands diese Möglichkeiten.  

Aber gerade in Zeiten von sinkender Aufmerksamkeit und fragmentierten Mediennutzungsmustern kann der Kinosaal zum Ruhepol für wirkungsvolle Kommunikation werden. Laut einer Studie des National Cine Media (NCM) – dem größten Kinowerbenetzwerk in den USA – erzielen Kino-Werbespots bis zu doppelt so hohe Aufmerksamkeit wie TV-Spots und über viermal so viel wie klassische Online-Videos.  

In den USA wird Programmatic Cinema aktuell massiv ausgebaut. Obwohl NCM Programmatic Advertising erst 2024 einführte, verzeichnete das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits im ersten Quartal dieses Jahres ein starkes Umsatzwachstum in diesem Bereich. Jetzt kooperiert NCM mit dem Werbetechnologie-Anbieter Vistar Media. Über Vistars Supply-Side-Platform (SSP) sind künftig Platzierungen in mehr als 1000 Kinos in den USA programmatisch buchbar. Man darf gespannt sein, wie sich dieser junge programmatische Werbekanal weiter entwickeln wird. 

Schon gehört? 

Im Gegensatz zu den aufstrebenden Technologien ist die E-Mail ein echter Evergreen-Werbekanal. Und sie liefert nach wie vor solide Werte: Die Öffnungsrate von Marketing-E-Mails lag 2024 bei durchschnittlich 24,4 Prozent, die Klickrate bei 3,6 Prozent und die effektive Klickrate bei 16,5 Prozent. Das ist ein Ergebnis der aktuellen Inxmail Benchmark-Studie 2025, die die wichtigsten KPIs für DACH-Marketer aus rund 4,2 Milliarden E-Mails analysiert hat. Im Vergleich zum Vorjahr zeigen die Zahlen demnach einen leichten Anstieg der Öffnungsrate, während die effektive Klickrate tendenziell rückläufig war. Die Analysten sehen dies als ein Zeichen dafür, dass Interaktion und Conversion die Herausforderungen im E-Mail-Marketing bleiben. 

Zu einem neuen Werbekanal könnte Künstliche Intelligenz werden, beispielsweise in Form von KI-Chats. Doch bis es so weit ist, nutzt das Marketing KI vor allem, um seine Prozesse zu optimieren. Die Serviceplan-Gruppe hat jetzt einen Marktplatz für KI-Agenten gelauncht. Über „Sōkosumi“ können Unternehmen sogenannte Agentic Services beauftragen, also Services, die von KI-Agenten erledigt werden. Bezahlt wird traditionell mit Kreditkarte oder auf Rechnung.  

Anders als Chat-basierte KI-Tools setzt Sōkosumi auf ein Inbox-Prinzip: Jeder Agent hat eine eigene Inbox, in der alle Aufträge und Ergebnisse übersichtlich organisiert sind – und die datenschutzkonform nur vom jeweiligen Unternehmen eingesehen werden können. Das Beauftragen eines Agenten soll dem Schreiben einer E-Mail gleichen. Die Berliner Verkehrsbetriebe und Serviceplan selbst nutzen die Plattform bereits im Arbeitsalltag. Die Agenturgruppe hat den EU-AI-Act-konformen Marktplatz zusammen mit dem Blockchain-Spezialist NMKR gelauncht.

Apropos KI: Die KI-Antwortmaschine Perplexity hat vor wenigen Tagen ihren Browser Comet gelauncht. Dieser soll völlig anders funktionieren als andere Browser: „Mit Comet suchen Sie nicht nach Informationen – Sie denken laut, und Comet führt komplette Workflows unter Wahrung des perfekten Kontexts aus. Recherche wird zum Gespräch. Das Internet wird zu einer Erweiterung Ihres Geistes“, heißt es in der Ankündigung des Unternehmens. Auch Wettbewerber OpenAI plant einen eigenen Browser. Damit steht fest: Jetzt werden die Karten für die Sichtbarkeit von Marken im Internet neu gemischt. 

In diesem Sinne. Bleiben Sie inspiriert! 

(kaz) ist Fachjournalist für digitales Marketing. Seit Mitte der Nullerjahre begleitet er mit seinen Artikeln die rasanten Entwicklungen der Online-Werbebranche. Der Maschinenraum der Marketing-Technologien fasziniert ihn dabei ebenso wie kreativ umgesetzte Kampagnen. Der freie Autor lebt und arbeitet in Berlin.