Unternehmerin oder Unternehmer sein, das bedeutet, Frustrationsresistenz aufzubauen. Scheitern gehört dazu, Ungerechtigkeit auch. Was mich trotzdem zunehmend beschäftigt, ist, wie sehr in der Krise selbst elementare Basics des Anstands im Geschäftsleben erodieren.
Als Unternehmer lernt man früh, mit Niederlagen zu leben. Nicht jede Idee zündet, nicht jeder Pitch überzeugt. Der bessere Konkurrent gewinnt, der günstigere Anbieter bekommt den Zuschlag. Das gehört zum Spiel und lässt sich meist verschmerzen.
Was sich dagegen schwerer verschmerzen lässt: diese schleichende Erosion von Verbindlichkeit im Geschäftsalltag. Business-Ghosting nennt man das wohl, wenn Geschäftspartner nach tagelangen Gesprächen, mehreren Terminen und ausgearbeiteten Angeboten einfach verschwinden. Nicht absagen. Nicht erklären. Einfach weg.
Das Minimum wäre eine Antwort
Ein, zwei, drei E-Mails bleiben unbeantwortet. Anrufe landen in der Mailbox. Der Kontakt wandert im CRM von „vielversprechend“ zu „vermutlich tot“, bis man sich eingestehen muss: Die andere Seite kommuniziert schlicht nicht mehr. Nach erheblichem Aufwand auf beiden Seiten. Fast jeder Unternehmer erlebt das regelmäßig. Und die meisten arrangieren sich damit, weil Frustrationsresistenz und Weglächeln ja zum Handwerk gehören.
Trotzdem frage ich mich: Wann ist es normal geworden, dass das Minimum – eine ehrliche Absage nach oft durchaus nicht wenig Aufwand zur Vorbereitung eines Projekts – nicht mehr selbstverständlich ist? Dabei geht es nicht um komplizierte Erwartungen. Niemand verlangt ausführliche Begründungen oder gar Entschuldigungen. Es reicht ein einfaches „Wir gehen einen anderen Weg“ oder „Das Budget ist gestrichen“. Mehr nicht.
Krise verstärkt schlechte Gewohnheiten
Besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten scheint sich diese Kultur der Unverbindlichkeit zu verstärken. Märkte sind umkämpft, Budgets knapp, jeder Anbieter wird gegen billigere Alternativen ausgespielt. In diesem Umfeld werden Basics des Anstands offenbar als entbehrlicher Luxus betrachtet.
Das erinnert an die Broken-Window-Theorie: Kleine Zeichen von Verwahrlosung normalisieren größere Probleme. Wer heute Geschäftspartner ohne Erklärung hängen lässt, trägt zu einer Kultur bei, in der mangelnde Wertschätzung um sich greift.
Wieder bei den Basics anfangen
Vielleicht ist es Zeit, wieder bei den Grundlagen anzufangen. Nicht bei großen Diskussionen über Unternehmenswerte oder gesellschaftliche Verantwortung, sondern bei simplen Umgangsformen.
Das bedeutet: E-Mails beantworten, auch wenn die Antwort enttäuschend ist. Termine verbindlich absagen, statt sie zu ignorieren. Den Menschen auf der anderen Seite als das zu behandeln, was er ist: jemand, der Zeit und Mühe investiert hat.
